BG Kritik:

Nerve


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Nerve (US 2016)
Regisseur: Henry Joost, Ariel Schulman
Cast: Emma Roberts, Dave Franco

Story: Nerve ist ein Social-Media-Spiel, bei dem Spieler Mutproben im echten Leben absolvieren können - ausgesucht, live beobachtet und großzügig bezahlt von spektakelgierigen Online-Gaffern. Die junge, eigentlich schüchterne Vee macht eines abends spontan mit…

Clickbait.

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So sehr wie Social Media unsere aktuelle Generation beherrscht, ist es eigentlich ein Wunder, dass Hollywood nicht häufiger in Versuchung gerät, auf den jeweiligen neuen Medientrend mit aufzuspringen. Mag es Angst vor zu schnellem Technikwandel sein? Den Fuß ausnahmsweise mal recht passend in der Tür hatten vor ein paar Jahren Ariel Schulman und Henry Joost, als sie mit Catfish eine unübliche Pseudo-Doku veröffentlichten. Als vermeintliche Doku drehte sich ihre Berichterstattung um einen Mann, der beim unaufgeforderten Überraschungsbesuch einer Online-Liebe eine Überraschung erlebt. Der Film gehörte bisher zu den wenigen (kleinen) größeren, die sich mit vermeintlicher Web-Anonymität, geschaffenen Avataren und dem unterschiedlichen Verhalten im On- und Offline-Leben auseinandersetzte. Also war es Zeit, dass sie da mal was nachlegten.

Nerve trifft den Nerv eines sozial irre interessanten Themas: heute kann man scheinbar ruckzuck und mit einfachen Mitteln zum weltweit bekannten, wohlhabenden Youtube-Star werden. Einfach charismatisch rumblödeln, mitreißend vorzocken oder krasses Zeug posten führt zum Fame. Was wär man dafür jedoch bereit zu tun? Vermutlich inspiriert von den Videos ungesichert auf alten Fabriken und Kränen kletternder russischer Teenager, beleuchtet Nerve die dahinter liegende Ruhmesbereitschaft als jugendfreier Thriller für die ganze Familie.

Das Wort jugendfrei ist in dem Zusammenhang unbedingt zu unterstreichen, denn bevor Emma Roberts‘ Vee zu diversen Nackt-Stunts und ihre Mutter traumatisierenden Live-Akten genötigt wird, steuern die Macher bewusst am 9gag-Bookmark-Publikum vorbei und belassen es bei relativ konservativen Mutproben wie Klettern, Einbrechen und Stehlen im Herzen New Yorks. Das heißt zwar nicht, dass es nicht spannend wird oder nie eine der Figuren in Lebensgefahr gerät, aber Ekelherausforderungen z.B., wie man sie aus Jackass und dem Dschungelcamp kennen sollte, sind hier ebenso wenig zu sehen wie andere Aktionen, die schmerzhaft oder erniedrigend ausfallen würden. Generell scheinen sich die Macher wenig für schieres Clickbait-Spektakel interessiert zu haben. Lieber konzentrieren sie sich auf die Gefühle und Empfindungen der beiden Hauptfiguren. Vee, die mit immer neuen Stunts mehr aus sich herauskommt, und ihre mysteriöse Abendbekanntschaft (Dave Franco), die von der zweiten Begegnung an mehr zu wissen scheint, als sie erst zu zeigen bereit ist.

Dave Franco ist der kleine Bruder von James Franco


Beide auf Anhieb sympathisch, fliegen sie charismatisch mit dem temporeich erzählten Storyverlauf mit, der mit seiner Vorhersehbarkeit und Ungeduld offen postet, bloß flache, belanglose Popcornunterhaltung für schnelle Likes zu sein. Das kriegt er solide hin, und die Mutproben steigern sich entsprechend um die Laufzeit unterhaltsam zu halten, doch es fällt schon nach der Hälfte auf, dass die beiden Hauptfiguren nur Kleinigkeiten durchmachen, und ein Mehr an Dramatik, ein paar versuchte Wendungen oder geschweige denn eine klarere Auseinandersetzung mit nachdenklich stimmender Tech- und Sozialkritik deutlich dazu hätten beitragen können, das ganze wertiger, würdiger zu machen. Der deutsche Hackerfilm Who Am I beispielsweise machte eine Menge falsch, versuchte aber inhaltlich immerhin ein klein wenig mehr. Auch hier darf man übrigens mit den Augen rollen, wenn gewöhnliche Bildschirme als Touchscreens verwendet oder laufende Programme von Superhackern flugs ersetzt werden können, "weil es Open Source ist".

Die beiden Regisseure müssen die fehlende Tiefe bemerkt haben, füllen ihr Content-Loch allerdings mit dem Ausbau zweier mauer Nebenfiguren. Sowohl der schüchterne Klischee-Friendzone-Freund Vees, der gern mehr als das wär und neidisch auf den Motorrad fahrenden Bad Boy ist, und Vees laute Vorzeigezickenfreundin, die ihr bisheriges Spotlight eifersüchtig schwinden sieht, haben der Story nicht viel hinzuzufügen und verrennen sich in unfertigen Nebensträngen. Sie wirken, als wären sie als Figuren eines Serienpiloten entwickelt worden, die erst in späteren Folgen griffiger werden.

Was Nerve jedoch 2016 aus der Masse herausragen lässt, ist ein auffallender Look, der durch ständig hervorgehobene Neontöne dominiert wird und mit Hilfe einer ständig angenehm kinetischen Kamera und einem von Synthie-Pop gezeichneten Nightlife-Soundtrack ein vielleicht nicht unbedingt atmosphärisches Bild hinterlässt, dem zu schüchternen, einfachen Film jedoch zumindest visuell eine gerichtete Eleganz verleiht.

Fazit:

Naja. Nerve funktioniert als flotter Thriller mit eigenwilliger Farbgestaltung, beschäftigt sich aber zu wenig mit diskussionswürdiger Kritik an Medien und Mediennutzung, um bleibende Akzente setzen zu können. Das ergibt einen passablen, sympathisch gespielten und solide inszenierten, aber halt durch und durch unwichtigen Film.

5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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