BG Kritik:

Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis


von Christian Westhus

Nightcrawler (USA 2014)
Regisseur: Dan Gilroy
Cast: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Riz Ahmed, Bill Paxton

Story:
Durch Zufall gerät Lou Bloom (Gyllenhaal) in die Welt der Nightcrawler, der nächtlichen Videoteams, die Aufnahmen von Tatorten und Unfallorten drehen und sie an TV-Nachrichtenstationen verkaufen. Und die Nachrichten leben insbesondere von Blut, Gewalt, Leid und Tod.

Das Regiedebüt von Drehbuchautor Dan Gilroy setzt Jake Gyllenhaals furiosen Aufwärtstrend auf höchst faszinierende Weise fort, mit der vielleicht besten Darstellungsleistung, die der noch junge Schauspieler jemals abgeliefert hat.

Dan Gilroy ist der jüngere Bruder von „Bourne“ Autor Tony Gilroy.


Es ist nicht so, als komme Jake Gyllenhaal aus dem Nichts. Mit dem Namen Gyllenhaal ist das auch schwierig, denn nicht nur gehört er damit einem schwedischen Adelsgeschlecht an, seine Eltern und seine Schwester (Maggie Gyllenhaal aus „The Dark Knight“) sind ebenfalls im Filmgeschäft tätigt. Jake Gyllenhaal hat schon mehrfach positiv von sich reden gemacht, sei es im Kultfilm „Donnie Darko“, in Sam Mendes‘ Kriegssatire „Jarhead“ oder in seiner Oscar nominierten Rolle in „Brokeback Mountain“. Mit „Prince of Persia“ und „Source Code“ wollte Gyllenhaal zum Star werden, doch insbesondere die überteuerte Videospielverfilmung entpuppte sich als laue Nummer. Mit dem harten Polizeifilm „End of Watch“ setzte 2012 ein Wandel ein. Schwierige und oftmals verrückte Rollen in abseitigeren Genrefilmen wie „Prisoners“ und „Enemy“ folgten und es scheint, als habe Gyllenhaal nun endlich einen Weg gefunden, seine Talente und Interessen erfolgreich und für die Zuschauer unterhaltsam umzusetzen.

Gyllenhaals Louis Bloom ist ein Soziopath. An dieser Diagnose führt eigentlich kein Weg vorbei. Bloom fehlt ein letztes Verständnis als Mensch und mehr noch im Umgang mit Menschen. Mit kleinen Ticks, wie den irren Augen oder der leichten hängenden Lippe, entwickelt Gyllenhaal Bloom als faszinierendes Alien, das in den Straßen von L.A. nach einem erfüllenden Weg sucht, ein paar Moneten zu machen und Erfolg zu haben. Zu Beginn verkauft er Metall, doch einen Job kriegt man damit auch nicht. Wohl aber eine schöne Uhr, so wie sie ein Polizist am Handgelenk dreht. Lou Bloom ist nicht vollkommen irre, aber ihm fehlt natürliches Einfühlungsvermögen, im fehlt Empathie. Damit ist er wie geschaffen für die Welt der Medien und der Nightcrawler, die sich in einer moralisch-rechtlichen Grauzone am Leid laben, das nachts auf die Straßen der Stadt spült.

Gyllenhaal speckte 20 Pfund für die Rolle ab und trainierte dennoch bis zu acht Stunden am Tag.


Bloom – und damit Gyllenhaal – gehört jede einzelne Szene und in seiner faszinierend unheimlichen, jederzeit vollkommen unberechenbaren Art zieht Bloom mit seiner magnetischen Präsenz und seinem gruselig unkontrollierten Selbstbewusstsein magisch an. Als er seine ersten Gehversuche als freiberuflicher Nachrichtenfilmer macht, gerät er an Nina Romina (Rene Russo), Chefin der Morgennachrichten eines lokalen Senders. Bloom fixiert sich auf Romina und will bald exklusiv für sie arbeiten. Der Film entwickelt seinen oft wunderbar schwarzen Humor aus der Unverfrorenheit, mit der Bloom zu Werke geht und wie er argumentiert. Als hätte er alle Trümpfe in der Hand tritt er auf und siegt, weil er keine Skrupel kennt, weil er dreister ist als jeder Mediengeier da draußen. Und Bloom macht seine Arbeit gut. Er wird nicht unbedingt zum Autor, wohl aber zum Regisseur seiner Filme, dringt ohne Erlaubnisse in Tatorte ein, richtet dort etwas für eine schönere Aufnahme her, oder zieht eine Leiche ein paar Meter weiter, um eine effektivere Perspektive zu erhalten. Nina Romina und die Medien fressen ihm eine Zeit lang aus der Hand.

„Nightcrawler“ ist faszinierendes Charakterporträt und grell-zynische Mediensatire gleichzeitig. Für die Sender spielen Moral und Ethik keine Rolle, solange gute Einschaltquoten winken und sie juristisch nicht zu belangen sind. Kameramann Robert Elswitt taucht das überwiegend nächtliche L.A. und die klinische Techno-Welt des Fernsehstudios in teils auffällige Farben, als düse Lou Bloom durch eine fremde Welt, auf der Suche nach dem nächsten Unglücksfall, der ihm Geld beschaffen könnte. Als Beifahrer eines nie ganz fassbaren menschenähnlichen Wesens namens Lou Bloom entdecken wir L.A. als unglamourös und kaputt; ein schlecht übergepinselter Ort, an dem Wesen wie Lou Bloom Erfolg haben können und an verzweifelte Verlierer wie Rick (Riz Ahmed) geraten, der bald zum Assistenten gemacht wird. Nach der x-ten Grenzüberschreitung sitzen wir und Rick aber noch immer neben Lou, macht er in seiner Art doch zu viel bösen Spaß, fasziniert er doch zu sehr, und inszeniert Dan Gilroy (auch Drehbuch) den Film doch als zeitweise enorm spannenden Quasi-Thriller. Wie ein Hollywood-Actionregisseur will sich Bloom mit jedem Filmchen selbst überbieten, denn das Publikum verlangt es. Eine Messerstecherei an einer Tanke reicht da irgendwann nicht mehr aus.

Fazit:

Spannende und enorm unterhaltsame Charakterstudie eines Soziopathen, der einer nach Leid und Tod gierende Medienwelt neues Futter besorgt. Auffällig inszeniert und wahnsinnig gut gespielt ist „Nightcrawler“ ein absolut lohnendes Erlebnis.

8 / 10

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