BG Kritik:

Noah


von Christian Westhus

Noah(USA 2014)
Regisseur: Darren Aronofsky
Cast: Russell Crowe, Jennifer Connelly, Emma Watson, Ray Winstone, Logan Lerman

Story:
Noah (Crowe) wird von Gott auserwählt, eine Arche zu bauen. Der Erschaffer der Welt will die Welt durch eine Flut von der zerstörerischen Natur des Menschen reinigen und die unschuldigen Geschöpfe in Noahs Arche für einen Neuanfang schützen. Für Noah und seine Familie ändert sich alles.

Es ist erstaunlich, wie verhältnismäßig selten die Bibel herangezogen wird, um für Hollywood Filmmaterial zu liefern. Insbesondere Bibelfilme ab einer gewissen Größenordnung gibt sind aktuell rarer gesät als griechische Mythen, obwohl – oder gerade weil – das „Wort Gottes“ in den USA einen besonders hohen Stellenwert hat. Für Filmemacher Darren Aronofsky war es ein Kindheitstraum, eine Geschichte über Noah zu erzählen. Diesen Traum durfte der sonstige Indie-Filmer („The Fountain“, „The Wrestler“) dank des Erfolgs von „Black Swan“ nun als Hollywood’sche Großproduktion angehen. Und während sich Theologen, Atheisten und Gläubige unterschiedlichster Lager den Mund fusselig reden, kollidiert in „Noah“ filmischer Freigeist mit dem sonst so unflexiblen Studiosystem des US-Kinos.

Herausgekommen ist ein Film, der wirkt, als schlügen zwei Herzen in seiner Brust. „Noah“ ist in Teilen das erwartete biblische Spektakel einer 100+ Millionen Dollar teuren Hollywoodproduktion, ist aber zu meist noch stärkeren Teilen ein ambitioniertes Projekt eines kreativen Filmemachers, der hier regelmäßig den schwierigeren, den spannenderen Weg einschlägt und aus „Noah“ weitaus mehr macht, als einen biblischen Popcornfilm. Aronofsky macht aus Noah und „Noah“ einen ökologischen Warnruf. Noah, als Nachfahre von Seth, des jüngsten Sohnes von Adam und Eva, erzieht seine eigenen Nachkommen naturbewusst und vegetarisch, während die übrige Menschheit sich als Krone der Schöpfung sieht, wildernd und zerstörerisch über die Erde wandert. Die Unschuldigen sind die Tiere und die gilt es im doppelten Sinne zu bewahren.

Regisseur Aronofsky gewannt in der 7. Klasse einen Preis mit einem Noah Gedicht


Manchmal wirkt das Warnen und Mahnen über die Konsequenzen des menschlichen Raubbaus an der Natur wie Aufgewärmtes von „The Day after Tomorrow“. Dann wieder zeigt sich, warum Darren Aronofsky zu den besten und spannendsten US-Regisseuren seiner Generation gehört, wenn er intensive, wirkungsvolle und kreative Bilder findet und seine Darsteller Dinge sagen lässt, die tatsächlich über die Grenzen der Inhaltsebene hinaus Wirkung zeigen und Reaktionen hervorrufen. Aronofsky will Denkanstöße geben, will Reaktionen provozieren, ist dazu auch bereit, die Natürlichkeit seiner Figuren ein wenig einzuschränken. „Noah“ ist im Kern auch ein Familiendrama, dem aber im Angesicht des übergroßen Bedeutungswillens ein wenig das sprichwörtliche Wasser abgedreht wird. Entscheidungen werden schneller getroffen, Kleinigkeiten führen schneller zu größeren Reaktionen und die gesamte familiäre Dynamik wirkt immer mal wieder wie eine parabelartige Beispielfamilie einer symbolischen Erzählung, nicht wie eine natürlich-realistische Familie.

Am besten gelingt Aronofsky seine Hauptfigur. Noah ist ein komplizierter, ein ambivalenter Mann, weit entfernt vom biblischen Heroismus eines Charlton Heston. Noah ist ein gutherziger, gottesfürchtiger Mann, der den Willen des Erschaffers mit kaum geäußerten Zweifeln ausführt und vielleicht einen Hauch zu wörtlich nimmt. Man könnte Noah für einen Extremisten halten, der das Wort des strafenden Gottes des Alten Testaments bzw. der jüdischen Bibel als unumstößlichen Befehl auffasst, an den Ausmaßen dieses Befehl aber auch seelisch zu leiden hat. Wäre der von Ray Winstone gallig, aber auch einseitig gespielte Widersacher Tubal-cain etwas differenzierter gezeichnet, könnte man zwischenzeitlich fast Partei für ihn ergreifen. Es ist Russell Crowe, der begeistert, in seiner vielleicht stärksten und engagiertesten Rolle seit „Master & Commander“ 2003. Bei den üblichen Darstellern herrscht, biblisch gesprochen, Licht und Schatten. Jennifer Connelly lieferte unter Aronofsky („Requiem for a Dream“) und an der Seite von Crowe („A Beautiful Mind“) bereits tolle Leistungen ab, doch hier steht sie zu lange im Hintergrund und wirkt in ihren zwei, drei größeren Szenen ein wenig künstlich. Logan Lerman ist solide, Douglas Booth irritiert mit unpassend sauberem Laufsteg-Bartwuchs und Emma Watson kann mit einer engagierten Leistung halbwegs vergessen machen, dass sie eigentlich ein zu berühmtes Gesicht für diese Rolle hat. Anthony Hopkins als der alte, weise Methusalem sorgt für die wenigen leichten und humorvollen Töne in diesem allzu bedrückenden Film, schiebt aber auch eine unnötige Nebenhandlung mit an.

Ein mehrteiliger Comic erschien im Vorfeld, um die Geschichte zu testen


Aronofskys Bibel-Vision ist so einzig- wie eigenartig. Nichts macht dies deutlicher als die Wächter. Gefallene Engel, die als lebendige Steinwesen wahlweise an die Ents aus „Der Herr der Ringe“ oder sogar wie „Transformers“ wirken, wenn sie Noah beim Bau der Arche helfen und diese fortan verteidigen. Doch obwohl diese mit viel künstlerischer Freiheit aus den Untiefen der jüdischen Mythologie geholten Wesen durch ihre im Film präsentierte Erschaffung an Faszination gewinnen, gehören sie zu den Details, auf die man sich deutlich schwerer einlassen kann. Gedreht zu großen Teilen auf Island, mit seinen markanten und farblich ungewöhnlichen Naturerscheinungen, umgibt „Noah“ durchgängig eine faszinierende Mixtur aus Fantasy und Realismus. Dazu gehört auch die Arche selbst, die in ihrer ungewöhnlichen Bauweise atemberaubend aussieht. Weniger atemberaubend allerdings die Tiere, die uns zwar teils als interessante früh-evolutionäre Mischwesen gezeigt werden, deren Animationseffekte aber zum Teil auch schwammig wirken. Über allem schwebt Clint Mansells opulenter, emotionaler, zuweilen auch eigenartig vertraut wirkende Musik, die Aronofsky wirkungsvoll, aber manchmal auch arg dominant einsetzt.

Aronofsky hat keine Scheu vor religiösem Kitsch und direkten Symbolen. Diskussionen über eine mögliche Pro- oder Contra-Religion Haltung des Films sind am eigentlichen Thema vorbei. Die Königsszene, die unterstreicht, warum auch Bibelfilme von einem intelligenten und unangepassten Filmemacher wie Darren Aronofsky profitieren, ist eine kurze erzählte Rückblende zum Anbeginn der Welt. Durch Voice-Over getragen erschafft Aronofsky Bilder, die zuweilen an „The Tree of Life“ erinnern, die aber doch eine ganz eigene Vorstellung der Genesis der Erde präsentieren. Noah zitiert fast wörtlich aus der Bibel, während in Aronofskys Bildern Urknall, Galaxien, Quastenflosser, Amphibien und Konsorten deutlich den Weg der Evolution einschlagen. Es ist spannend zu sehen, wie beide Denkweise hier aufeinander treffen und eine faszinierende Mixtur ergeben. Für solche Momente lohnt sich „Noah“, der ein zuweilen konfuser und überambitionierter, aber gerade deshalb auch faszinierend ungewöhnlicher Film ist, der auch schnell ein banaler Spektakel-Blockbuster hätte werden können. „Noah“ hat das Potential, den Zuschauer große Denkaufgaben mit auf den Weg zu gehen. Und das in einer Geschichte, die den meisten Leuten inklusive Ausgang grob bekannt sein dürfte. Dass es der Film mit seiner direkten und visuell teil-realistischen Art nicht leicht macht, sich durchgängig von den deplatzierten, aber teilweise auch nachvollziehbaren Logikfragen zu lösen (inklusive des regelmäßig für langwierige Diskussionen und schlechte Witze missbrauchten Inzest-Problems der Bibel), muss aber auch angeführt werden.

Fazit:

„Noah“ ist Hollywoodbibelspektakel mit Kreativität und thematischem Gehalt. Visuell faszinierend, überzeugt insbesondere die toll gespielte und spannend geschriebene Hauptfigur als wunderbar komplizierter Quasi-Held. Nicht immer rund, aber dennoch sehenswert.

7/ 10
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