BG Kritik:

Nocturama


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Nocturama (F/D/BEL 2016)
Regisseur: Bertrand Bonello
Cast: Finnegan Oldfield, Vincent Rottiers, Hamza Meziani

Eines Morgens in Paris: Eine Handvoll Jugendlicher mit unterschiedlichem Hintergrund setzt zu einem mysteriösen Tanz durch das Labyrinth der Metro und den Straßen der französischen Hauptstadt an. Es ist, als verfolgten sie einen Plan. Ihre Gesten sind präzise, fast gefährlich. Schließlich kommen sie an einem Kaufhaus zur Schließungszeit zusammen. Paris entlädt sich, der Angriff beginnt.

Rebels without a cause treffen auf John Carpenter.

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Man sollte für den Film NOCTURAMA von Bertrand Bonello alle Bilder und Gedanken vergessen, die man mit Paris und terroristischen Anschlägen assoziiert. Denn mit den tragischen Terroranschlägen vom 13. November 2015 hat der Film nichts zu tun. Die Terroristen sind hier nicht Teil einer terroristischen Vereinigung, es stellt sich sogar die Frage, ob die Anschläge an sich überhaupt im Vordergrund des Films stehen. Bertrand Bonello dürfte trotzdem viel Erklärungsbedarf für seinen Film benötigen, auch wenn er bereits vor den Vorfällen 2015 in der Mache war. In seinem Werk steht eine Gruppe junger Menschen aus den verschiedensten sozialen Schichten im Vordergrund. Rebellen, die mit den Zuständen in ihrem Land nicht zufrieden sind und es als das einzige Mittel für Aufmerksamkeit und Veränderung sehen, mehrere Bomben in der französischen Hauptstadt hochgehen zu lassen. Bonello interessiert dabei weniger das „Warum?“ als das „Und jetzt?“.

Der Film lässt sich ganz profan in zwei Teile separieren. In der ersten Hälfte erlebt man als Zuschauer den Tag des Anschlags. Wie sich die jungen Menschen auf den Weg durch die verstrickten U-Bahn-Netze von Paris auf ihre vorgezeichneten Wege machen. Scheinbar zufällig werden Bahnen gewechselt und Wege genommen, doch alles folgt einem strengen Plan. Ihr Ziel verbindet sie, doch dabei können sie unterschiedlicher nicht sein. Schon ihre Kleidung distinguiert sie klar voneinander. Sie modisch und mit Schmuck gekleidet, er im verwaschenen Neymar-T-Shirt. Gerade aus der Schule raus oder vor dem nächsten beruflichen Schritt. Ein Anderer sitzt im Anzug im prunkvollen Ministeriumssitz und erzählt eben diesem Minister von seiner schon klar vorgezeichneten erfolgreichen, beruflichen Zukunft. Den Master so gut wie in der Tasche und die vielversprechende Stelle fest eingeplant. Er würde keine Probleme haben sein Geld zu verdienen in dieser Welt, mit der er nicht zufrieden ist. Denn auch er wird in wenigen Stunden Teil der Anschläge sein. Elliptisch erzählt Bonello mit Hilfe von wenigen Rückblenden wie sich die Jugendlichen gefunden haben. Er spart aber hierbei aus, was genau sie zusammengeführt hat und gibt kaum Hinweise, wie wer nach und nach Teil dieser vielfältig gemischten Gruppe wurde.

Antworten kann und sollte man hier nicht erwarten, denn schließlich kann man auf die unbequemen Fragen wahrscheinlich nur weniger hilfreiche oder befriedigende Antworten geben. Einzelne Passagen des Dialogs deuten in der ersten Hälfte an, dass die Protagonisten ein Problem mit dem bestehenden politischen System und den propagierten Werten haben, doch genaueres bleibt unklar. So folgt man weiter ihren Vorbereitungen, begleitet von einer synthetischen Filmmusik, die zuweilen an John Carpenter erinnert und auch teilweise selbst von Regisseur Bertrand Bonello komponiert wurde. Angelehnt und imitiert wird auch das Thema von John Barry aus der Serie THE PERSUADERS! (Die Zwei, UK 1970-71).

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Doch Bonello erzeugt hier viel mehr Spannung durch die Kameraarbeit und das Szenario selbst. Mehr in Form einer Suspense-Konstellation weiß man als Zuschauer was passieren wird, doch ist nicht genau bekannt wann. Man sucht und giert jede Sekunde nach weiteren Hinweisen. Die Kamera folgt den Figuren und wir gehen nicht voran. Um jede Ecke kommen wir erst mit ihnen. Eine eindringliche Spannung durchzieht so die erste Hälfte, die dann in eine Art Schwebezustand gerät, wenn sie in den zweiten Teil des Films mündet. Während draußen die Hölle tobt, verbarrikadieren sich die jugendlichen Täter in einem aus Sicherheitsgründen geschlossenen Einkaufszentrum. Zuweilen mag einem hier die Planung und die jeweils für den Plan relevanten Jobs der Beteiligten etwas sehr konstruiert vorkommen: denn natürlich arbeitet einer von ihnen beim Sicherheitsdienst des Kaufhauses, doch wirkt es in diesem Fall mehr wie das Greifen von einem Zahnrad in das Nächste.

Wer nun endlich auf Antworten hofft, wird enttäuscht werden. Denn es wird und gibt keine klare Erklärung. Es ist ein Bild einer Generation, die sich allein gelassen und vergessen fühlt. Die keinen Platz für sich in der Gesellschaft zu finden glauben. Die jung sind, teilweise erfolgreich, aber sich ärgern, dass sie nicht auch Facebook zerstört haben. Der Druck des Lebens auf sie entlädt sich an einem Tag und ihr letzter Zufluchtsort bleibt ein Kaufhaus. Ein kleiner Mikrokosmos der die verschiedenen Charaktere durch die einzelnen Einkaufsläden streifen lässt. Sie suchen dort selbst nach Antworten, die ihnen bisher niemand geben konnte. Das Ende des Films mag vorhersehbar und deshalb auch unzufrieden stellend sein. Doch man stelle sich vor Bonello gebe jeder Figur einen klaren (Hinter)Grund mit. Es würde den Figuren ihre universelle Stellung nehmen. Von den ersten Momenten an, wirken sie einem vertraut. Man wird vom Zuschauer zum Mittäter. Bonello castete größtenteils unbekannte, junge französische Schauspieler und doch hat man das Gefühl sie zu kennen. Mit ihnen gelingt dem französischen Filmemacher das Kunststück 130 Minuten Spannung zu erzeugen und Gedanken zu wecken, auch wenn sich der Inhalt in 25 Wörter fassen lässt. Doch wie sagte einst mal Steven Spielberg: „If a person can tell me the idea in 25 words or less, it's going to make a pretty good movie. I like ideas, especially movie ideas, that you can hold in your hand.“Nur wurde dieses Zitat mehr für das Blockbuster-Kino angewendet. Bonellos Film beeindruckt aber mehr durch die Gedanken, die er freisetzen kann, die er ermöglicht von jedem Zuschauer auf die Leinwand projizieren zu lassen. Ein Spektakel für den Intellekt.

Fazit:

Hochspannendes und brisantes politisches (?) Kino. Indem er inhaltliche und charakterliche Leerstellen lässt, mach Bertrand Bonello seine jungen Protagonisten für jedermann zugänglich. Ihre Gedanken, Ängste und Hoffnungen greif- und nachvollziehbar. Ein erstes großes Kino-Highlight dieses Jahr.

8,5 / 10

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