BG Kritik:

No Man's Sky


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

No Man's Sky (US 2016)
Studio: Hello Games

Story: Als Raumreisender startet man auf einem zufällig ausgewählten Planeten und hat dann die Wahl, entweder abenteuerlich frei herum zu reisen, oder alternativ dem mysteriösen Atlaspfad zum Zentrum der Galaxie zu folgen. Welche Geheimnisse mögen dort warten, Facehugger?

Im Weltraum hört dich keiner farmen.

Aufregende atmosphärische Entdeckung fremder, womöglich unheimlicher Welten? Ist diesem Spiel eher fremd


Eines Tages muss Hello Games Director Sean Murray einen Geistesblitz beim Starcraft Spielen erlebt haben; genauer gesagt bei der typischen Infomeldung, dass in Kürze die Mineralien zuneige gehen werden. Mit No Man’s Sky hat er versucht, das ultimative Spiel dazu zu machen. Mit einer Art Superstaubsauger bewaffnet läuft man also über Planetenoberflächen und macht jetpack-hüpfend nichts anderes, als Gesteins- und Pflanzenarten einzusaugen. Mit diesen lassen sich an Handelsposten größerer Stauraum und Staubsaugerupdates kaufen, um noch besser sammeln zu können. Der Clou? Anstatt nur über den ewig gleichen Planeten zu fliegen, lässt sich mit einem Raumschiff ins All – und damit zu Milliarden anderer Planeten fliegen.

Moment, also nahezu unendlich Spielwelten? Benötigt das folglich unendlichen Speicherplatz? Nicht wirklich, denn anstatt unendlich Leveldesigner für unendlich Level engagiert zu haben, besteht der Kosmos des Spiels aus Zufallswerten. Ein cleverer Algorithmus holt sich aus einer Tabelle aus Baustein-Variablen (wie z.B. Berghöhe oder Pflanzenfarbe) eine zufällige Auswahl und erstellt aus dieser den jeweiligen Planeten. Das ist prinzipiell ein cleverer Ansatz um Platz zu sparen und um theoretisch endlosen Abwechslungsreichtum bieten zu können, doch das nur in der Theorie. Der Umfang der Variablen hält sich so stark in Grenzen, dass man schon nach kurzer Zeit Limitierungen erlebt. Abgesehen von farblichen Unterschieden bieten die meisten Planeten bald dieselben kargen Oberflächen, mit geizig gesäten Pflanzen und Tieren. Zwar gibt es Planeten mit Lava, mit Stürmen, mit Eisoberflächen und mit Meeren, doch die altbackene Grafik lädt kaum zum Stöbern ein – alles wirkt automatisiert, selbst die Entdeckungen. So findet man gefühlt alle hundert Meter eine weitere Station. Warte, eine ist mit schleimigen Tentakeln überzogen? Nein, hat nichts zu bedeuten, führt zu nichts. Schon nach wenigen Minuten hat man bereits alles gesehen, was ein Planet zu bieten hat. Survival? Auf manchen Planeten drängt das Lebenserhaltungssystem schneller zum Nachladen, doch wirklich aufregende Klimaüberaschungen oder –herausforderungen gibt es keine zu bewältigen. So wie es auch nahezu keine Gegner oder sonstige Gefahren gibt. Einen Kane/Alien Moment erlebt man demnach genau genommen nie. Überhaupt hat es der komplett rechnergenerierte Inhalt No Man's Sky's nicht so mit unterhaltsamer Unberechenbarkeit.

No Man’s Sky mag grob überflogen ein visuell aufregendes Spiel sein, das aber hauptsächlich wegen seiner bunten Farben. Einfachste Texturen, beträchtliche Clippingfehler (Geländedetails poppen erst nachträglich auf), detailarme Gewässer und Bäume, das Fehlen von Physik (abgeschnittene Mineraltürme stürzen nicht ein; sie bleiben in der Luft schweben) und gewaltige Framedrops lassen No Man’s Sky manches Mal nach einer kaum getesteten Alphafassung aussehen. Noch schlimmer ist das Interface, um das sich offenbar keiner Gedanken gemacht hat. Die Inventarbedienung, die Karte und fehlende Markierungsmöglichkeiten lassen grübeln, wie das so in die fertige Fassung kommen konnte. Die Tiere wirken erst recht planetenbelebend, doch auch bei ihnen sind die Grenzen zu eng gesetzt. Die wenigen körperlichen Unterschiede sind gar nicht mal das Problem, doch das tierische Verhalten, das sich gänzlich rindviehhaft auf langsames Herumstapfen und Mampfen begrenzt, ödet schnell an. Erneut ist die Idee an sich verlockend: eine immer neue Tierwelt mit eigenen Verhaltensmustern, Tarn-, Angriffs- und Verteidigungstaktiken, eigenen Geräuschen und unterschiedlicher Intelligenz klingt spannend, doch No Man’s Sky bietet das selbst nicht. Es weckt bloß die Vorstellung, wie cool es sein könnte.

No Man's Sky wurde angeblich von nur 15 Leuten entwickelt


Na schön, was ist mit der Lore? Mit intelligentem Leben? Beides gibt es, aber beides bleibt in Andeutungen verborgen. Aliens existieren – man kann sogar verschiedene Sprachen lernen. Dabei bleibt es allerdings, denn abgesehen von kleinen Rätseln, bei dessen richtiger Beantwortung man jeweils ein kleines Extra bekommen kann, sind Aliens nichts anderes als animierte Dekoration der Handelsstationen. Es gibt keine Unterhaltungen, keine Geschichten, keine Aufträge, keine Herausforderungen, keine Wettbewerbe, keine Figurenentwicklungen. Die allgemeine Mystik der Spielwelt wird zwar regelmäßig fortgesponnen, das aber via denkbar faulster Einfachheit: mit Texttafeln. Nun mag man sich nickend zurücklehnen und auf stille, poetischere Titel wie Shadow of the Colossus, Journey und Abzu verweisen, doch was Hello Games dafür fehlt, ist narrative Eleganz. Manchmal ist ein vager Ansatz ein Sprungbrett für eigene Interpretationen – manchmal aber auch gar nichts.

Kann das denn trotzdem Spaß machen, wenn der Mineralienhandel fast alles ist? Das Sammeln, Verkaufen und stetige Verbessern des Staubsaugers und des Schiffes machen selbstredend einen gewissen Spaß und eignen sich durchaus zum Entspannen nach einem langen Arbeitstag, und bis man alles entwickelt hat, ziehen so einige Stunden ins Land. Man kann nicht sagen, dass das Spiel völliger Mumpitz ist – obwohl man konkurrenzverwöhnt schon meinen darf, dass es bei dem technischen Stand und dem tatsächlich kleinen Tätigkeitsumfang eigentlich eher ein 20 Euro Early-Access-Titel sein müsste und den galaktischen Hype nie verdient gehabt hätte. Wieso aber der übertriebene Hype im Vorfeld und die extrem harsche Kritik nach Veröffentlichung? Tatsache, seit Aliens: Colonial Marines hat kein Spiel mehr derart schlechtes Feedback einstecken müssen. Problematisch ist, dass Herr Murray in zahlreichen Interviews Versprechungen gab, die im fertigen Spiel nicht zu finden sind. Beispielsweise sagte er selbstsicher, man könne sich im All mit Freunden treffen und dann zusammen losziehen (um Mineralien zu sammeln – wie bereits erwähnt, geht es um nichts anderes). Gibt es aber nicht. Letztendlich ist es ein Singleplayerspiel, bei dem zwar alle online in derselben Open World spielen, aber jeder für sich.

Der Hype des Spiels entstand aus dem hoffenden Glauben zahlreicher Spieler, ein nie da gewesenes Multiplayerspiel zu erleben. Eine Vision, die den Survivalkampf aus Ark: Survival Evolved, die Schlachten aus Star Wars: Battlefront und die Rollenspielgeschichte eines Mass Effect vereint. Murray heizte diese fehlerhaften Vorstellungen aufgrund des PR-Feedbacks selbst immer wieder an, und selbst das fertige Spiel spielt geschickt mit den Erwartungen. Während des gesamten Verlaufs hat man den Eindruck, dass es irgendwann gen Skyrim umschalten wird. Dass man in einen epischen Fraktionskrieg Marke Freespace gerät; dass man das Gefühl bekommt, wie in Outcast Teil fremder Kulturen und einen bleibenden Effekt auf die Spielwelt auszuwirken. Dass man als erfahrener Sammler irgendwann in ein Abenteuer verstrickt wird, so wie Schmuggler Han Solo mit seiner alten Mühle, dem Millennium Falcon. Dass man vielleicht in einer mysteriösen Cantina von einem Superschatz hört, der in einem System voller Geheimnisse und Gefahren verborgen ist. Nein.

Aluminium abbauen, Aluminium verkaufen. Abbaugerät kurz auftanken, dann wieder gechillt neues Aluminium abbauen und daraufhin Aluminium verkaufen. Das ist die Essenz von No Man’s Sky. Immerhin ist es nicht weniger als das, aber all das Mehr darüber hinaus, das angedeutet wurde und Story, Spielumfang und Multiplayerspaß implizierte, führte in die Irre und verglühte zu Release im Orbit der Ernüchterung. Vielleicht in No Man’s Sky 2, oder nach zahlreichen DLCs, doch bis dahin bleibt es ein simples, buntes Casualspiel.

Fazit:

Hätte es den Hype nie gegeben, wäre No Man's Sky vermutlich als Hingucker unter Early-Access-Titeln aufgefallen. Nicht als großartiges Game, weil es das nicht ist, aber als beachtliche Leistung eines so kleinen Teams. Gemessen an den himmelweiten Versprechungen und dem Preisanspruch, mit den "Großen" mithalten zu können, ist es ein Alderaan geworden. Ein Luftschloss, das als Sandburg Mineraliensammelsimulator glimpflicher davon kommen würde.

Kleine löbliche Anmerkung am Rande: Die prozedurale Weltenerstellung in dem Ausmaß ist prinzipiell schon recht beeindruckend und dürfte in weiteren Spielen noch grandios eingesetzt werden. Schade nur, dass es hier noch in den Kinderschuhen steckt .

4 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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