BG Kritik:

Nymphomaniac Vol. 1 + 2


von Christian Westhus

Nymphomaniac Vol. 1 + 2 (Dänemark, Deutschland, Frankreich, Belgien, UK 2014)
Regisseur: Lars von Trier
Cast: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf

Story:
Seligman (Skarsgård) findet Joe (Gainsbourg) verprügelt und nur halb bei Bewusstsein im Innenhof seiner Wohnanlage. Der allein lebende Mann versorgt Joe in seiner Wohnung und Joe beginnt zu erzählen wer sie ist und wie sie verprügelt in den Hof gelangte. Joe sieht sich als schlechten Menschen und erzählt in acht Kapiteln von ihrer sexuellen Reifung und wie ihre nymphomanische Lust ihr Leben beeinflusst hat.

Es gibt zurzeit wahrscheinlich keinen Filmemacher, der uns so schonungslos direkt und dabei so kreativ in seinen Kopf schauen lässt, wie Lars von Trier. Bei all der Kritik, die er (hin und wieder durchaus zu Recht) einstecken muss, ist Von Trier sein eigener größter Kritiker und Spötter. Der als Provokateur und Frauenhasser verschriene Däne, der aber auch einige der stärksten Frauenrollen der letzten 20 Jahre geschrieben hat, kündigte „Nymphomaniac“ als Porno an, mit echtem Sex und einer Parade an kleineren und größeren Stars, die notfalls mit Body Doubles um entscheidende Körperregionen erweitert werden. Fünfeinhalb Stunden geht Von Triers „Hardcore“ Langfassung in zwei Teilen. Ins Kino kommt nun die vom Meister abgesegnete „Softcore“ Fassung, ebenfalls in zwei Teilen. Die Lebensgeschichte einer Nymphomanin soll es sein, weil es sich bei Lars von Trier natürlich um weibliche Sexualität dreht. In Hauptfigur Joe, die nicht ohne Grund einen maskulin (abgekürzten) Namen trägt, spiegelt sich nicht nur Von Triers Verwirrung und Angst gegenüber Frauen und weiblicher Sexualität, sondern auch er selbst und seine ganz eigenen Dämonen. Nach „Antichrist“ und „Melancholia“ soll „Nymphomaniac“ der Abschluss seiner selbsttherapeutischen Trilogie über Depression sein. Für Von Trier Liebhaber wie Kritiker ist all dies ein idealer Vorgeschmack auf das, was da kommen mag.

Teil 3 der Trilogy of Depression


„Nymphomaniac“ wirkt in gewisser Weise auch wie ein Abschlusswerk, oder zumindest wie ein persönliches Zwischenfazit. Der Patient Lars von Trier zieht ein eigenes Fazit und macht sich gleichzeitig über sich, über Kritiker und übereifrige Interpretierer lustig. Nicht nur hat sich Lars von Trier mit den meisten hier angeschnittenen Themen bereits beschäftigt, er nutzt teils auch ähnliche Handlungsmechanismen, um in einer Meta-Spiegelung auf eine Bedeutungsebene zu verweisen, um auf sich selbst zu verweisen. So treten neben Charlotte Gainsbourg (zum dritten Mal hintereinander) und Stellan Skarsgård nicht nur alte (oder dauerhafte) Weggefährten wie Udo Kier, Willem Dafoe, Jens Albinus und Jean-Marc Barr auf, so macht Joe auch im Ansatz ähnliche Motive durch wie Emily Watson damals in „Breaking the Waves“. Und weil Lars von Trier ein Spaßvogel mit Hintersinn ist, provoziert er uns, lockt uns mit Musik und klaren Bildparallelen auf die falsche Fährte, wenn wir vermeintlich bekannte Szenen im neuen Kontext sehen, die dann aber doch ganz woanders enden.

Es ist ein Film vollgestopft mit Querverweisen und Anspielungen, mit Zitaten und Referenzen, die Von Trier in seiner unnachahmlichen Art mal ironisch, mal subtil und mal plump und heftig mit dem Holzhammer präsentiert. Wir lernen etwas über Zahlenmystik, Fibonacci, über Kirchenspaltung, über Kuchengabeln und Dessertlöffel, über James Bond, Sadomasochismus, Bachs polyphone Orgelmusik und ganz besonders übers Angeln. Was wir von diesen Denkanstößen annehmen, was wir für weiterführende Interpretationen und Deutungen nutzen, hängt ganz davon ab, wie wir zu Seligman stehen. Seligman, durch den Von Triers pubertärer Humor mindestens einmal spricht, wenn er sich ganz bestimmten „Schulunterricht“ mit Joe vorstellt, ist ansonsten der konträre Gegensatz zur geprügelten Erzählerin. Seligman blickt durch Joe in eine ihm fremde Welt und übersetzt das Fremde in Metaphern und Assoziationen, die er besser versteht. Und Seligman kennt sich aus, hat viel gelesen, viel gesammelt. Andauernd sieht er eine höhere Bedeutung in Joes Erzählungen, erkennt Muster und Bilder, die er ausdeuten will, bis er Joe damit auch mal auf die Nerven geht. Und genau das ist der Punkt. Seligman prügelt Symbolismus in die ihm erzählte Geschichte, die auch ohne ihn schon beladen mit christlichen Motiven, soziopolitischen Rundumschlägen und Verweisen auf das Kino von Andrej Tarkowski ist. Sucht nur, scheint Von Trier zu rufen. Sucht nur nach einer höheren Bedeutung. Manchmal gibt es sie, aber manchmal ist eine Zahl nur eine Zahl und ein Zufall wirklich nur ein Zufall.

Nicole Kidman hatte eine Rolle, musste aber absagen


Es ist ein chaotischer, ein ungestümer Film, nicht nur durch das Thema, das „Porno“ Versprechen und die überdimensionierte Gesamtlaufzeit. Charlotte Gainsbourg, die im ersten Teil noch überwiegend auf den direkten Dialog mit Skarsgård beschränkt wird, erst in Vol. II selbst in den geschilderten Rückblenden auftaucht, führt als Von Triers Sprachrohr durch die bedeutungsschwanger betitelten Kapitel ihrer Lebensgeschichte. Selbst die Herkunft der Kapitelüberschriften enttarnt Lars von Trier, um erneut mit der möglichen Bedeutung zu spielen. Bei all der offensichtlichen und nicht immer so deutlich ironisierten Provokation, ist jeder neue Lars von Trier Film ein Beweis, warum er zu den faszinierendsten und besten Regisseuren unserer Zeit gehört. Er hat den Mut, weiter zu gehen, und das Können, den vermeintlichen Tabubruch und die Provokation nicht nur faszinierend und emotional, sondern auch intellektuell stimulierend darzustellen. Die stilistisch-inszenatorische Bandbreite, mit der Von Trier die Kapitel inszeniert, lässt kaum glauben, dass er vor fast 20 Jahren mal mit der „Dogma95“ Bewegung alles Künstliche aus Filmen verbannen wollte.

Vermeintlich echt und direkt aber natürlich der Sex. Egal ob Body Doubles für Nahaufnahmen oder nicht, selbst die „Softcore“ Kinofassung stellt so ziemlich alles in den Schatten, was man normalerweise in Kinos serviert bekommt. Und Lars von Trier macht sich häufig auch einen Spaß daraus. Penetr… ähm… aufdringliche Extrem Close-Ups, clevere Perspektiven (eine Charlotte Gainsbourg „gerahmt“ von zwei baumelnden Schwengeln) und einfach mal eine Collage von gut und gerne 30 solcher Schwengel im Detail, wenn Joe erzählt, wie sie sich in jüngeren Jahren frei ihrer Sexualität hingab und was für „Entdeckungen“ sie dabei gemacht hat. Es gibt unglaublich viel zu entdecken und zu überdenken während und nach „Nymphomaniac“. Debütantin Stacy Martin führt im ersten Teil als junge Joe durch den Film und könnte eine echte Entdeckung sein. Während Gainsbourg und Skarsgård sich assoziative Bälle zuspielen, wirft sich Martin ohne Furcht in eine Rolle, die ihr mehr abverlangt als nur vollen Körpereinsatz. Selbst „Transformers“ Star Shia LaBeouf, der eine überraschend wichtige Rolle hat, überzeugt, während Uma Thurman einen unvergesslichen und gallig-witzigen Kurzauftritt hat. Denn ja, trotz viel Sex und Joes finsterer Argumentation, warum sie ein schlechter Mensch ist, bietet „Nymphomaniac“ weitaus mehr Humor, als man das sonst bei Lars von Trier gewohnt ist. Vol. I endet natürlich mittendrin und doch mit einem thematisch passenden und faszinierenden Quasi-Cliffhanger.

Shia LaBeouf bewarb sich angeblich mit einem eigenen Sex Tape.


Wenn es in Vol. I um Joes Entdecken ihrer Lust geht, geht es in Vol. II (ab hier leichte Vol. I Spoiler) um den Verlust und das versuchte Wiederfinden der Lust. Für Joe war ihre Sexualität, die Macht ihres Genitals, ihr zentraler Lebensinhalt und die zentrale Lebensmotivation. Als Jugendliche hatte sie ihren Club der rein sexuellen Liebesverweigerer und selbst nachdem sie Jerôme als Liebeshauptton ihres Lebens gefunden hat, kann sie nicht ohne ihre Lust. Dass Von Trier sich weniger mit dem drohenden Zerfall der Beziehung beschäftigt und mehr um die verschiedenen Möglichkeiten der Ersatzbefriedigung kümmert, überrascht nicht. Nach einem kleinen Zeitsprung löst Charlotte Gainsbourg Stacy Martin in den erzählten Rückblicken ab, was zunächst – ohne Frau Gainsbourg zu nahe treten zu wollen – irritiert, insbesondere da Joes Begleitpersonen parallel keinen Darstellerwechsel durchmachen.

Gainsbourg übernimmt den finsteren Abstieg, der aus der frei sexsüchtigen Joe eine verkrampft nach Befriedigung gierende Süchtige macht, die ihren Körper, ihren Geist und ihr Gewissen malträtiert, um wieder etwas zu fühlen. Der zunächst stark präsente Humor nimmt mit zunehmender Laufzeit ab und einige spätere Episoden wirken vielleicht einen Hauch zu geschlossen, zu abgehackt episodisch. Vol. 2 verflacht ein wenig, hat nicht mehr diesen irrwitzigen Ton, nicht mehr diese schelmische Inszenierungsfreude. Was bleibt ist der Frontalangriff auf den Zuschauer, der mit deutlichen Bildern, dreisten Dialogen und polemischen Aussagen aufgefordert wird zu reflektieren. Von Trier lockt mit einer vermeintlich simplen Lösung und lacht sich wieder ins Fäustchen, weil er uns gelockt hat. Und überhaupt, wie fänden wir die Geschichte eigentlich, würden Joe und ihre Tausend Männer die Geschlechter tauschen?

Fazit:

Neue Freunde macht sich Lars von Trier mit „Nymphomaniac“ nicht. Stattdessen ist der Film ein stilistisch berauschendes, thematisch provozierendes und durchweg faszinierendes Argument, warum das Kino einen so offenen und kreativen „Verrückten“ wie Lars von Trier braucht.

Vol. 1: 8,5 / 10
Vol. 2: 8 / 10
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