BG Kritik:

Okja


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Okja (USA, Südkorea 2017)
Regisseur: Bong Joon-ho
Cast: Ahn Seo-Hyun, Tilda Swinton, Paul Dano, Jake Gyllenhaal, Steven Yeun, u.a.

Story: Die junge Mija (Ahn Seon-Hyun) lebt mit ihrem Großvater irgendwo in den koreanischen Bergen und zieht ein neuartiges „Superschwein“ auf, welches im Auftrag eines globalen Lebensmittelkonzerns an verschiedene Züchter der Erde verteilt wurde. Nun, nach rund zehn Jahren idyllischer Quasi-Familie, soll das Okja genannte Superschwein seiner Bestimmung für Firma Mirando und Chefin Lucy (Tilda Swinton) nachkommen. Doch Mija will Freundin/Schwester/Ersatzmutter Okja nicht gehen lassen.

Frei nach dem Motto, man solle seinem Essen keinen Namen geben.

Als erste Netflix Produktion (neben The Meyerowitz Stories) im Wettbewerb von Cannes.


Es gibt eine Nahrungsmittelkrise, sagt Mirando Chefin Lucy (Tilda Swinton). Millionen Menschen hungerten, so Mirando, doch nun habe sie die Lösung gefunden: Ein neues, gaaanz zufällig irgendwo im Nirgendwo entdecktes Superschwein, welches man über einen zehnjährigen Prozess und mehr als zweidutzend unabhängige Züchter aus verschiedenen Nationen zum bestmöglichen Superschwein aufziehen möchte, denn diese neue Superrasse verbrauche angeblich wenig Ressourcen, hinterlasse einen minimalen Globalen Fußabdruck und schmecke „verdammt lecker“. Auftritt Okja, das Superschwein, welches in den vergangenen zehn Jahren bei Mija und ihrem Großvater in Südkorea aufwuchs. Okja ist 10% Schwein, 15% Seekuh, 35% Flusspferd, 30% Hund und 10% Totoro, also insgesamt 100% brachial-niedlich.

In der idyllischen Abgelegenheit ihres Zuhauses ist Okja für die junge Mija Verkörperung all dessen, was ihr zwischenmenschlich fehlt. Und in der Kinotradition nicht-menschlicher Begleitwesen für Heranwachsende reiht sich Okja mühelos zwischen E.T., Gizmo, Elliot dem Drachen und dem Giganten aus dem All ein. Okja ist Spielkamerad, emotionaler Vertrauter, Furzmaschine und nächtliche Zudecke, bis eines Tages ein Kamerateam von Mirando das hochgelegene Zuhause erklimmt und Mijas Großvater Ablenkungsgeschenke an seine Enkelin verteilt. Aus der „Heimführung“ der 26 weltweiten Superschweine und der Kür des größten Superschweins will Mirando ein gewaltiges, multimediales Happening veranstalten, um die neue Wurst- und Grillfleischquelle angemessen der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Koproduziert von Brad Pitts Firma Plan B.


Mit der Entdeckung, welches Schicksal ihrer geliebten Okja bevorsteht, beginnt für Mija Verfolgung, Flucht und weitreichende Odyssee halb um den Globus. Etwa zur Halbzeit inszeniert Regisseur Bong Joon-ho (The Host, Snowpiercer) eine eben solche Verfolgungsjagd und Fluchtszene, die sich gewaschen hat, die in bester Spielberg’scher Tradition kindgerechte Dramatik, actionreichen Slapstick und waghalsiges Tempo verbindet. Wenn es ein koreanisches Pendant zum sprichwörtlichen Elefanten im Porzellanladen gibt, bekommen wir dieses hier zu sehen. Mehrere Parteien belagern Okja und jagen hinter ihr her, darunter die Animal Liberation Front (ALF), eine radikale Tierschutzorganisation unter der Leitung von Paul Dano. Während man bei Mirando versucht das kostbare Gut heil ins Ziel zu bringen, während Jake Gyllenhaal als Natur-Doku TV-Star und Moderator der Mirando Werbekampagne geradezu absurd schrill vom Leder lässt, tun sich Mija und die ALF zusammen.

Leider muss Mija feststellen, dass die Welt größer, komplizierter und gefährlicher ist, als sie sich das erträumen konnte. Die ALF will Okja nicht einfach nur zurück in die koreanische Berglandschaft bringen, sondern will Mirando zu Fall bringen, wozu eine gewisse Opferbereitschaft von Nöten ist. In der zweiten Hälfte wird Bong Joon-hos Familienabenteuer zu einem mitunter finsteren und auch didaktischen Film. „Okja“ kann mitunter den stärksten Grillmeister zum Vegetarier machen. Ähnlich „We feed the World“ macht Regisseur Bong einen kurzen albtraumartigen Abstecher hinter die Kulissen der Fleischproduktion. Dabei ist „Okja“ in seiner Grundausrichtung gar nicht so radikal gegen Fleischkonsum. Nicht nur ist das Vorgehen der ALF nicht frei von Widersprüchen und gelegentlicher Doppelmoral, schon ganz zu Beginn sehen wir Mija und ihren Großvater gemeinsam Fischeintopf essen, und sehen, dass beim unorthodoxen Fischfang fein selektiert wird. Wenn Wurst als Werbegeschenk durch die Straßen geschmissen wird, geht es weniger um Fleischkonsum per se, sondern vielmehr um den Überfluss, den unreflektierten und bedarfslosen Massenkonsum. Nahrung ist ein Grundbedürfnis und ein solches Grundbedürfnis, so „Okja“, sollte kein eiskaltes Geschäft mit Marken, Werbung und radikaler Gewinnmaximierung sein.

Fazit:

Früher kamen Filme wie „Okja“ ins Kino, doch statt tadelnd den Finger zu heben darf man Netflix danken, dass der Film überhaupt existiert. „Okja“ ist einerseits enorm unterhaltsames Familienabenteuer und andererseits ein ungewöhnlich direkter Thriller im Milieu der Nahrungsmittelproduktion, von Regisseur Bong erstklassig inszeniert und schillernd besetzt.

8 / 10

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