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Kritik:
Only Lovers Left Alive


von Christian Westhus

ONLY LOVERS LEFT ALIVE
(2013)
Regie: Jim Jarmusch
Cast: Tilda Swinton, Tom Hiddleston, Mia Wasikowska, Anton Yelchin, John Hurt

Story:
Adam (Hiddleston) und Eve (Swinton) sind Vampire und seit Jahrhunderten ein Paar. Beide haben „Hobbys“ und sind mit der gewaltlosen Blutbeschaffung beschäftigt, doch Adam rutscht immer weiter in eine krankhafte Lethargie ab. Und dann taucht auch noch Eves schrille Schwester Ava (Wasikowska) auf.

Kritik:
Vampire und kein Ende. Angesichts der unzähligen Untoten-Variationen, die es allein in den letzten zehn Jahren gab, kann man schon mal genervt und gelangweilt sein. Dabei waren Vampire schon lange vor „Twilight“ beliebt und wurden in den unterschiedlichsten Versionen beschrieben und inszeniert. Nun nimmt sich ausgerechnet Jim Jarmusch den Blutsaugern an; ein Regisseur, der selbst im amerikanischen Indie-Bereich eine Sonderstellung innehat. Doch die Verbindung von Vampiren und Jim Jarmusch ist eigentlich sehr naheliegend. Seine Protagonisten sind häufiger Wesen der Nacht, irgendwie aus der Zeit und aus der Welt gefallene Sonderlinge und Beobachter. Jarmusch erforscht die Faszination der Unsterblichkeit. Adam und Eve leben seit Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden, und sind nicht nur durch ihren Blutdurst und ihre Unsterblichkeit eine ganz andere Spezies als die Menschen, die insbesondere Adam nur als „Zombies“ bezeichnet. Sie sind Zeitzeugen und langjährige Beobachter der Menschheit. Sie haben gesehen, wie das Mittelalter antike Errungenschaften zurückwarf, wie Seuchen und Kriege die Erde verwüsteten, wie großen Künstlern und Denkern immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden. Wenn es nach Adam geht, ist die Menschheit auf direktem Weg in den Abgrund. Er ist an einer lähmenden Lethargie erkrankt, am menschlichen Weltschmerz, der angesichts von globaler Erwärmung, dem unsinnigen Kampf ums Öl und der vernetzten Idiotie von YouTube und Co. immer stärker anwächst. 

Adam und Eve, die sich diese Namen wahrscheinlich im Spaß irgendwann mal selbst verpassten und noch heute mit anspielungsreichen Tarnnamen auf Reisen gehen, hatten ihren Einfluss auf die Menschheit. Und Jarmusch macht sich einen Spaß daraus, so etwas wie vampirischen Rückblendenhumor immer wieder einzubauen. Überhaupt ist der Film sehr häufig unverkrampft witzig. Trotz des finsteren Blicks auf die „Zombies“ überwiegt durch die Vampirperspektive wenn überhaupt nur ein lakonisches Schulterzucken. „Was bleibt uns anderes übrig?“, stellt Eve am Ende eine mehrfach anwendbare rhetorische Frage. Eve lebt für Literatur und fremde Kulturen, hat ihren Hauptsitz aktuell in Marokko, spricht wahrscheinlich ein paar Dutzend Sprachen und nimmt auf Reisen einzig Bücher mit. Ein alter Vertrauter, gespielt von John Hurt, entpuppt sich als der englische Autor Christopher Marlowe, der behauptet „Hamlet“ geschrieben zu haben. So verweist der Tarnname „Dr. Faust“, den Adam hin und wieder benutzt, eben nicht auf Goethe, sondern wohl eher auf Marlowes „Doctor Faustus“. Diese literarischen und wissenschaftlichen Querverweise gibt es permanent. Man kann kaum alles entschlüsseln, was Jarmusch hier mal im Spaß und mal in bewusster Symbolik heraufbeschwört. Denn die Literatur und Geschichte sind nur ein Teil des Spektrums, den die Unsterblichen als Kommunikationsbasis nutzen.

Die Jahrhunderte alten Wesen, die sich in einer ganz eigenen Zeitlichkeit durch Jarmuschs gewohnt entschleunigte und wenig zielgerichtete Geschichte bewegen, kommunizieren fast ausschließlich in Zitaten. Da wird aus einem „White Stripes“ Lied zitiert, 50er Jahre Blues und Rock’n’Roll aufgelegt oder Adam behauptet, dem Komponisten Schubert vor Jahren (vielen Jahren) ein Adagio angedreht zu haben, ehe er spontan Paganini auf der Geige anstimmt. Und mittlerweile können wir angesichts des Rückblendenhumors davon ausgehen, dass Adam auch den Teufelsgeiger höchst selbst angelernt hat. Und Jarmusch, selbst ein Musiker, füllt den Film wo er nur kann mit Musik. In der Gegenwart des 21. Jahrhunderts spielt Adam ultra-langsame, schrammelige „Beerdigungsmusik“. Zerfahrener Post-Rock mit Anklängen an Neil Youngs Gitarreneskapaden zu „Dead Man“. Hier legt Jarmusch selbst Hand ans Instrument, mit seiner Band Sqürl und Jozef van Wissen. Es ist ein Hochgenuss, wie die permanente Nacht, die schwelgenden Untoten und die unwirkliche Musik verschwimmen. Adam hat in seiner Heldengalerie kluge Köpfe der Menschheitsgeschichte ausgestellt, obwohl er nach eigener Aussage keine Helden hat und nicht mehr mit ansehen kann, was die „Zombies“ mit ihren Genies machen. So bleibt er mit seiner Musik, ganz Jarmusch entsprechend, lieber im Untergrund und wünscht unbeliebten Personen, sie mögen doch in L.A., dem Höllenschlund der Erde, verrotten. 

Eine wirkliche Handlung setzt erst nach einer Weile ein, wenn Ava, Eves jugendlich-unkontrollierbare Schwester, auftaucht. Sie bringt das Leben der alten Liebenden durcheinander und ist doch nur ein kleiner Aspekt darin. Der Film pendelt mit seinen Anspielungen, seiner Musik und seiner geographisch lange zweigeteilten Handlung in verschiedene Richtungen und ist dabei nicht immer konsequent. Und doch ist der Blick auf eine Liebe, die Jahrhunderte umspannt, enorm faszinierend. Während Ava, die Mia Wasikowska herrlich schrill (für Jarmusch Verhältnisse) und ungestüm spielt, die „jugendliche“ Vergnügungssucht verkörpert, sind Adam und Eve die geruhsamen und lebensweisen Liebenden, die auch nach so vielen Jahren nicht ohne einander können. Wie sich der Mensch nach dem ewigen Leben oder einem Leben nach dem Tod sehnt, sehnt sich der untote Vampir nach dem Tod, ist fasziniert davon und kann doch nur weiter sein Leben leben und es irgendwie zufriedenstellend füllen.

Fazit:
Faszinierende, anspielungsreiche und gewitzte Vampir-Version von Jim Jarmusch. Ein erfreulich ungewöhnlicher Blick auf die Untoten oder vielmehr durch die Untoten auf die Menschen. Musikalisch mitreißend, ansprechend gespielt und zudem spannend. Vielleicht Jarmuschs bester seit „Dead Man“.

8 / 10

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