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Kritik:
Die Tribute von Panem: Catching Fire


von Christian Westhus

THE HUNGER GAMES: CATCHING FIRE
(2013)
Regie: Francis Lawrence
Cast: Jennifer Lawrence, Josh hutcherson, Woody Harrelson, Elizabeth Banks, Donald Sutherland, Philip Seymour Hoffman

Story:
Katniss und Peeta haben die 74. Hungerspiele gewonnen und hoffen auf ein ruhiges Leben nach der traumatischen Erfahrung, doch die wahre Gefahr lauert nicht in der Arena. Das Kapitol und Präsident Snow sehen ihre Macht durch das Paar aus Distrikt 12 in Gefahr …

Kritik:
Mit dem nicht enden wollenden Ansturm aus ‚Young Adult‘ Buchverfilmungen ist es ein wenig wie mit dem Fantasysturm vor ein paar Jahren. Damals wurde in Reaktion auf „Harry Potter“ (der sich irgendwie auch auf den YA Hype ausgewirkt hat) und „Herr der Ringe“ jede noch so unwichtige oder unbekannte Fantasygeschichte verfilmt oder zumindest mal ins Spiel gebracht. Die aktuell beliebten ‚Young Adult‘ Geschichten, fast immer in einem Fantasy- oder Sci-Fi-Szenario angesiedelt, fast immer mit einer Dreiecksromanze zwischen wichtigen Figuren versehen, sind häufig genug nicht schlecht oder haben Potential. Trotz ihrer zuweilen frappierenden Ähnlichkeit. Aber sie sind auch ein Mittel zum Zweck, ein Objekt, eine Ware, mit der man Geld verdienen möchte. Mit dem überraschend erfolgreichen ersten Teil avancierten „Die Tribute von Panem“, basierend auf der Romantrilogie von Suzanne Collins, zum aktuellen Anführer und Vorbildmodell für die Epigonen und Windschattenfahrer. Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet die Hungerspiele, mit ihrer doch verhältnismäßig düsteren, regimekritischen und revolutionären Grundhaltung, ein solcher Erfolg wurden. Ein Superblockbuster, in dem Jugendliche sich gegenseitig töten müssen, in dem ein diktatorisches Regime seinen eisernen Griff um seine Bewohner legt, diese ausbeutet, hungern lässt, brutal bestraft oder gleich erschießt. Und die Fortsetzung „Catching Fire“ geht nicht auf Nummer sicher. Mehr noch, der Film verstärkt den Terror des Kapitols und macht den revolutionären Geist seiner Hauptfiguren so überdeutlich, dass es schon fast wie eine Parodie wirkt. 

Der erste Teil der auf vier Filme gestreckten Filmadaption war vieles, aber sicherlich nicht subtil. Man war lange Zeit damit beschäftigt, die neuen Regeln und Eigenheiten dieser Welt zu erklären, zu zeigen, wie die Distrikte, wie das Kapitol, wie die Spiele und wie die Hintergründe mit TV-Auftritten, Sponsoren und Geschenken funktionieren. Als dann in der zweiten Hälfte das eher an Abenteuerfilme erinnernde Abschlachten in der „Arena“ begann, hatte man kaum noch Zeit den Finger auf die Wunde zu legen. Entsprechend überdeutlich und wenig subtil kamen die Phrasen und Stereotypen daher. Und „Catching Fire“ schließt daran an. Ein paar Monate sind vergangen, seit Katniss und Peeta durch einen Trick gemeinsam die 74. Spiele gewannen. Sie täuschten ihre Liebe vor und drohten mit Selbstmord, zwangen das rigide System des Kapitols damit zu einem Kompromiss und wurden zu einem noch sehr fragilen Symbol des Widerstands. Präsident Snow (Sutherland – treffend besetzt) will verhindern, dass insbesondere die rebellische Katniss zu einem echten Revolutionssymbol wird. Überall prangt der Spotttölpel als Zeichen des neu erweckten Widerstands, man spricht von Aufständen, von Revolution, und das Kapitol reagiert. Snow spricht mit einem Mitarbeiter darüber, wie man den Menschen die Hoffnung austreiben kann. Und dann sehen wir genau das, was in diesem Gespräch besprochen wurde. Es hagelt ganz direkt und nonchalant Drohungen, Einschüchterungen, es werden Leute verschleppt, öffentlich ausgepeitscht oder vor versammelter Mannschaft erschossen. Das ist plump, aber wirkungsvoll.

Der Film nimmt sich in seiner knapp zweieinhalbstündigen Laufzeit ausgiebig Zeit, die Dinge hochköcheln zu lassen. Denn auch wenn man uns die Botschaft „Kapitol ist böse, mh-kay!“ arg penetrant aufs Auge drückt, ist diese Botschaft dennoch thematisch reizvoll. Die nicht zu vermeidende Dreiecksliebesgeschichte bekommt eine hochdramatische und politische Dimension. Peeta liebt Katniss, doch diese liebt eigentlich ihren Jugendfreund Gale. Doch um das Kapitol nicht noch weiter zu verärgern, muss die Liebe zu Peeta, die beiden das Leben gerettet hat, aufrechterhalten werden. Auf einer Sieger-Tour durch die zwölf Distrikte sind Katniss und Peeta gezwungen, die Verliebten zu spielen, um ihre eigenen Familien zu schützen. Katniss muss zwischen Kopf und Herz entscheiden, muss abwägen, ob sich eine Flucht lohnt und inwiefern sie eine Verantwortung für die anderen Distrikte hat, die als Reaktion auf ihren Sieg bei den Spielen die Chance wittern, die Macht des Kapitols zu untergraben und die Diktatur zu Fall zu bringen. Das ist thematisch und charakterlich komplex, was die Konkurrenz im YA Sektor nur selten von sich sagen kann. Obwohl „Catching Fire“ als Blockbuster für eine alterstechnisch weit gefächerte Zielgruppe angelegt ist, wurde die Handlung nicht auffällig verweichlicht. Erschießungen, Auspeitschungen, Verschleppungen, die erhöhte Polizeipräsenz und schließlich die Spiele – es geht verhältnismäßig drastisch zu, ohne wirklich explizit gewalttätig zu werden. Wir haben hier eine Protagonistin in einem jugendorientierten Big Budget Film, die bewusst und deutlich sichtbar jemanden tötet; jemanden, der nicht das unbestreitbare Böse schlechthin ist, sondern nur eine kurzzeitige Gefahr. 

Das thematische und inhaltliche Grundgerüst des ersten Teils wird übernommen, doch die Vorzeichen sind anders. Die Auswahl der Tribute, das Training und schließlich die Spiele sind anders und das nicht nur, weil sich das Kapitol einen ganz perfiden Schachzug hat einfallen lassen, um das Katniss-Problem zu lösen. „Catching Fire“ ist erfreulich abwechslungsreich, dabei spannend und aufregend, auch wenn die Handlung auf den ersten Blick wie eine Wiederholung aussieht. Der Regiewechsel von Gary Ross zu Francis Lawrence fällt eigentlich nur positiv auf, etwa durch die klarere inszenatorische Führung und den Verzicht auf Wackelkamera. Dass dieser Fortsetzung auch ein sichtbar größeres Budget zur Verfügung stand, hilft natürlich auch. Dennoch ist nicht alles anstandslos gelungen. Wie schon Teil 1 prägt auch „Catching Fire“ ein recht humorloser und ernster Ton. Das Leid, die Tragik, eigentlich sämtliche Emotionen wirken immer eine spür überdramatisiert, leicht melodramatisch. Und weil „Catching Fire“ verstärkt auf seine ernsthafte Thematik pocht und sich als Dystopie-Film der Marke „Planet der Affen“ und „Soylent Green“ verkauft, wirkt manch nicht vollends stringentes Detail, wirkt manch Design oder emotionale Reaktion schnell unfreiwillig komisch. 

Der Film macht dennoch so viel richtig, dass man schon Dinge kritisiert, über die man für gewöhnlich bei Filmen dieser schnell hinwegsehen kann. Die plumpen Dialoge, das zuweilen überengagierten Spiel der eigentlichen guten Darsteller fällt auf. Gleichzeitig gibt es trotz Überlänge charakterliche und thematische Lücken in der Handlung, durch die man doch mit etwas zu viel Eile wetzt. Katniss‘ Albträume, ihre Todesabsicht, dass Peeta eigentlich viel mehr ist, als ein Schwächling mit gutem Herz – all das ist entweder halbherzig integriert oder extrem vage gehalten. Besonders schade ist, dass wir die neuen Teilnehmer an den Spielen erneut nicht wirklich kennen lernen. Knapp die Hälfte bekommt immerhin eine Ein-Satz Charakterisierung, während der Rest nur Frischfleisch ist. Wenn ausgewählte Teilnehmer in der Arena dann deutlicher in die Handlung eingewoben werden, können wir nur selten wirklich sagen, was für ein Charakter diese Person jetzt ist. Wir können Finnick Odair und Johanna Mason benennen und oberflächlich einschätzen, was für ein Typ Mensch sie sind, doch letztendlich kommen sie zu kurz. Wie so viele Figuren abseits von Katniss und Peeta. Wie so oft hängen wir beim Mittelteil einer Trilogie ein wenig in der Luft. Während der erste Teil problemlos für sich stehen könnte, ist „Catching Fire“ nur der gelungene nächste Schritt zu etwas Größeren. Dennoch – und vielleicht gerade durch den melodramatischen Pomp – wirkt das Finale. Wir enden nicht in völliger Leere, sondern mit einem faszinierenden Blick auf die Zukunft, auf die letzten beiden Kapitel einer erfreulich gelungenen Filmreihe.

Fazit:
Mit neuer Regie und höherem Budget verbessert sich „Catching Fire“ leicht zum ersten Teil, der auch schon ein relativ guter Film war. Der Film ist thematisch plump, aber auch nur, weil es thematisch überhaupt etwas zu holen gibt. Das fasziniert, ist spannend inszeniert, sieht toll aus und unterhält.

7 / 10

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