Kritik:
Perfect Sense
von
Christian Westhus
PERFECT SENSE
(2011)
Regie: David
Mackenzie
Cast: Ewan McGregor, Eva Green, Ewen Bremner
Story:
Virologin Susan (Green) lernt Chefkoch Michael (McGregor) in Glasgow
kennen, als gerade erste Infizierte eines unbekannten Virus in den
Krankenhäusern auftauchen. Die Betroffenen klagen
über den Verlust des Geruchssinns, im Anschluss an eine
emotionale Überreaktion. Susan und Michael finden zueinander,
doch die Krankheit macht auch vor ihnen nicht halt. Sie versuchen die
Zeit zu genießen, einander beizustehen, so wie die Menschheit
sich mit der eingeschränkten Sinneswahrnehmung arrangieren
muss. Doch die ungewisse Frage steht im Raum, was nach dem Verlust des
Geruchssinns folgt.
Kritik:
Gesehen auf dem Fantasy Filmfest 2011.
Der Menschheit geht
das Licht aus. Mal wieder. Es ist eine lautlose, unsichtbare, nicht
fühl-, riech- oder schmeckbare Katastrophe, die als
vermeintlicher Virus ohne Erklärung, ohne bekannten Ursprung
erscheint und die Menschheit nach und nach ihrer Sinne beraubt. Jeweils
gekoppelt an einer extremen emotionalen Überreaktion, wird die
Welt für die Menschheit ein geruchsneutraler Haufen, wird
Nahrung geschmacksloser Brei, wird die Umgebung totenstill. Als erstes
verschwindet der Geruch. Die Wahrnehmung der Welt verändert
sich. Was war, wird nie wieder so wahrgenommen werden, was ist, kann
nicht mehr in seiner sinnlichen Vollkommenheit empfunden werden. Doch
wie war es eigentlich, das „Vorher“? Mit einem
bedeutungsvollen, aber nie aufdringlichen Erzählkommentar
erhalten wir Impressionen aus der Welt. Nicht nur aus Schottland, wo
der Film hauptsächlich spielt, sondern auch aus Mexiko, Kenia
und Indien. Und nach dem Ausbruch der Sinnes-Epidemie erhalten wir
immer wieder Einblick in menschliche Reaktionen im Rest der Welt. Ein
kosmopolitischer Reisebilderbogen aus Einzelbildern und kurzen Szenen
aus dem Vorher, dem Währenddessen und dem Danach.
Es ist
eine globale Katastrophe, mit unzähligen Einzelschicksalen.
Die schwierige Beziehung zwischen Koch Michael und Wissenschaftlerin
Susan ist nur eine Möglichkeit, eine Impression unter vielen.
Es ist lediglich das Beispiel, mit dem wir uns zentral
beschäftigen. Damit vermeidet es „Perfect
Sense“, zu einem soziopolitischen Moralstück, zu
einer symbolbehafteten Humanismusparabel zu werden, wie es der
vergleichbare „Die Stadt der Blinden“
(„Blindness“, 2008) vormachte. Regisseur David
Mackenzie und Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson sind nicht an einem
allgemeingültigen Kommentar interessiert. Sie suchen das
menschliche, wirklich humanistische Element im globalen Untergang. Die
wahrhaftigen Emotionen von möglichst authentischen
Einzelschicksalen, die auf die Veränderungen an sich und in
der Welt reagieren. Und mit dieser sentimentalen statt intellektuellen
Gefühlsvariante, trifft der Film fast vollständig ins
Schwarze. „Perfect Sense“ ist ein über
weite Strecken ergreifender Film.
Dabei sind die beiden
Hauptfiguren doch so passend für einen symbolischen,
allgemeinen und intellektuellen statt emotionalen Diskurs angelegt.
Sie, die Wissenschaftlerin, die die Krankheit als Erste an Betroffenen
sieht und zu verstehen sucht. Er, als Koch, dessen Beruf und Metier es
ist, einige und häufig alle menschlichen Sinne anzuregen. Und
gleichzeitig zeigt sich in diesen Figuren, wie wenig Aakeson und
Mackenzie an Theorie interessiert sind. Die Wissenschaft
verfällt in eine Art hilflose Ohnmacht, ist rat- und
häufig tatenlos, während sich in dem kleinen
Restaurant, in dem McGregors Michael arbeitet, wie in einem Mikrokosmos
die Folgen der Epidemie abzeichnen. Michael ist Teil dieses
Mikrokosmos, aber nicht seine zentrale Symbolfigur. Nach dem Verlust
des einen Sinns, intensivieren die Menschen die verbliebenen Sinne. Das
kann zwar auch als Kommentar zur Reizüberflutung der Welt
verstanden werden, dient jedoch eher dazu, den lange unbeirrbaren
Überlebenssinn der Menschen aufzuzeigen. Mit Erfindungsgeist
und einer Mischung aus Naivität und Trotz kämpft der
Mensch um sein Recht nach Sinnlichkeit und nach wahrhaftigen
Empfindungen. Die Ordnung wird versucht aufrecht zu erhalten, den neuen
Begebenheiten anzupassen. Wir machen das Beste aus dem Unheil, scheint
die Maxime. Selbst als beim Fortschreiten der Krankheit das Chaos
größer wird, stellt Mackenzie in einer starken Szene
Ohnmacht, Wut und besagten Trotz gegenüber. Dieser Moment
wirkt deshalb so stark, weil er kurz und unvermittelt ist, ein weiteres
Fragment aus dem weltweiten Bilderbogen, wenn wir uns gerade mal nicht
mit Michael und Susan befassen.
Aber um diese beiden geht es
natürlich zentral und sie, bzw. Eva Green und Ewan McGregor,
sorgen fast alleine dafür, dass „Perfect
Sense“ packt und emotional berührt. Besonders
McGregor ist einfach ein unerhört sympathischer Charmebolzen.
Der kann sich alles erlauben, braucht nur zu lachen und alles ist ihm
vergeben. Auch Eva Green erliegt der Charme-Gewalt des Schotten, der
mit Regisseur Mackenzie schon den eher verquasten „Young
Adam“ drehte. Hier kann McGregor seinen Typus voll
ausspielen, wie er mehr als offensichtlich Interesse für Green
zeigt, sie umgarnt und später, als Chaos herrscht, bei sich
hat. Das Großartige ist, dass McGregor trotz seiner
Charme-Offensive ein guter Schauspieler ist, dessen Figuren stets
glaubwürdig wirken. Green gibt sich in ihrer Arbeit
reserviert, beschwert sich bei ihrer Schwester, dass sie bei
Männern immer nur an „Arseholes“
gerät, ehe sie zusammen mit McGregor aufblüht. Die
Beziehung zwischen Michael und Susan ist enorm wichtig für den
Film und sie funktioniert. Im Angesicht der Epidemie wirkt die Rat- und
Hilflosigkeit auch auf sie, die sich irgendwie mit den sich stetig
verändernden Lebensumständen arrangieren
müssen. Und dann sind da ja auch immer wieder die emotionalen
Überreaktionen vor einem erneuten Sinnesverlust.
Plötzliche Trauer, eine hysterische Fressattacke oder
unkontrollierte Wut, die als emotionale Vorboten für die
körperlichen Veränderungen fungieren. Ganz zentral
für Herangehensweise und Stimmung des Films, eine Szene in der
Badewanne, die mit Witz, unterschwelliger Bitterkeit, Romantik und
Charme auftrumpft. Großartig.
Green und McGregor sind die
zentralen Emotionsknotenpunkte, überzeugen sowohl in
romantischen, wie in dramatischen, bitteren Szenen. Zusätzlich
fährt Mackenzie noch die ganz schweren Geschütze auf,
um sicher zu gehen, dass wir als Zuschauer auch mit genügend
Herz und Beklemmung dabei sind. Der deutsch-britische Komponist Max
Richter, der schon „Waltz with Bashir“ mit
tieftraurigen und melancholischen Klängen geschmückt
hat, steigert auch hier die emotionale Involvierung des Publikums. Ein
ergreifender Klangkosmos aus Piano und Streichern, der zwar gegen Ende
nicht immer konsequent eingesetzt wird, aber mehrfach für
Gänsehaut sorgt. Im letzten Drittel hat Regisseur Mackenzie
scheinbar nicht den Mut, sein Konzept mit letzter Konsequenz
durchziehen. Zu ungemütlich soll es dem Zuschauer auch nicht
gemacht werden. Doch auch wenn beispielsweise der Fühl-Kosmos
des Tastsinns ein wenig vernachlässigt scheint,
schärft „Perfect Sense“ die eigene
Sinneswahrnehmung, ohne dabei der Verlockung zu erliegen, die
Sinnesdarstellung mit audiovisuellen Regie-Ideen in ein
überreiztes Extrem zu bewegen. Mackenzies Film bleibt
realistisch und emotional. Und überzeugt.
Fazit:
Die emotionalere, bessere Alternative zu „Die Stadt der
Blinden“. Ein beängstigendes Grundkonzept in einer
fokussiert menschlichen Herangehensweise, fernab vom amerikanischen
Virenthriller-Genre. Zwei grandiose Hauptdarsteller, fantastische Musik
und eine über weite Strecken gelungene Regie machen „Perfect
Sense“ zu einem intensiven Filmerlebnis.
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