BG Kritik:

Phoenix


von Christian Westhus

Phoenix (Deutschland 2014)
Regisseur: Christian Petzold
Cast: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf

Story:
Nelly (Hoss) kehrt nach Kriegsende als Überlebende aus dem Konzentrationslager zurück. Ihr Gesicht ist entstellt und die Rekonstruktion ihres vorherigen Ichs stellt Nelly nicht zufrieden. Ihr Mann Johnny (Zehrfeld), der laut einer Freundin (Kunzendorf) für Nellys Verhaftung verantwortlich war, erkennt sie nicht, sieht in ihr aber eine Möglichkeit, an Nellys geerbtes Vermögen zu kommen. Nelly gibt sich als Esther aus und lässt sich von Johnny beibringen, wie sie eine authentische Nelly abgibt.

Das deutsche Gegenwartskino und die Nazis. Häufiger als vielen lieb ist greifen hiesige Film- und Fernsehproduktionen auf diese Kombination zurück, da es sich als automatisches Signal für Prestige und Ernsthaftigkeit bewährt hat und als variabler historischer Hintergrund funktioniert. Ein Automatismus für Qualität ist es jedoch nicht. Dafür braucht es tatsächliches Talent.

Sechste Zusammenarbeit von Regisseur Petzold und Nina Hoss.


Auftritt Christian Petzold, der zurzeit wohl fleißigste, international renommierteste und stilistisch klarste Regisseur des Landes. Als Vorreiter der so genannten „Berliner Schule“ dreht Petzold Filme über Menschen in Zwischenwelten, Menschen in einer Übergangsphase, häufig zwischen Leben und Tod. So auch hier. Zum sechsten Mal arbeitet Petzold in „Phoenix“ mit Nina Hoss zusammen, der er einige der besten deutschsprachigen Rollen der letzten fünfzehn Jahre schrieb. Petzolds ruhig beobachtender, von einer unterschwelligen Emotionalität geführter Film und Hoss, die im Innern mehr durchmacht, als sie nach außen zeigt, funktionieren abermals prächtig zusammen.

„Phoenix“ ist zu gleichen Teilen eine Identitätssuche und ein symbolischer Diskurs über Leid, Schuld und einen Neuanfang. Mit physischen und psychischen Narben kehrt Jüdin Nelly aus dem Lager zurück. In der Obhut ihrer Freundin Lene soll sie wieder ins Leben zurückgeführt werden. Der erste Schritt dazu ist ihr Gesicht. Im Lager zerstört fleht Nelly den Chirurgen an, ihr das alte Gesicht wieder zu geben. Sie will kein neues Leben, sie will ihr altes zurückhaben. Doch so, wie ihr neues altes Gesicht nicht ganz detailgetreu „wie damals“ aussieht, ist auch Nelly als denkender, handelnder und fühlender Mensch noch nicht befreit von den Erfahrungen des Lagers. Umso bedeutsamer, als ihr Mann Johnny, der sie nicht erkennt, ihr beibringen will, wie man glaubwürdig Nelly ist. Die Suche nach Johnnys Schuld, ob er wirklich an Nellys damaliger Verhaftung beteiligt war, tritt lange Zeit in den Hintergrund. Nelly muss sich finden, um ihre ebenfalls grundlegend veränderte Umwelt wieder wahrnehmen zu können.

Frei nach dem Roman "Le Retour des cendres" von Hubert Monteilhet.


Mit diesem Spiel aus Maskerade, doppelten Persönlichkeiten und Rollenspielen erinnert „Phoenix“ nicht nur zufällig an Alfred Hitchcocks Meisterwerk „Vertigo“. Jimmy Stewart und Ronald Zehrfeld spielen Männer geplagt von Schuld und getrieben von einer kaum mehr erreichbaren Liebe. Dabei funktioniert und fasziniert „Phoenix“ als Identitätssuche und symbolischer Heilungsprozess besser, denn als Stück über Schuld und Vergebung. Hier wird Petzold hin und wieder ungewohnt plump und schwammig, wenn Nelly und ihre Freundin Lene über einen Neuanfang für das jüdische Volk sprechen oder wenn Johnny „Esther“ erklärt, sie brauche sich keine glaubwürdige Geschichte aus dem Lager ausdenken, da eh niemand wagen würde danach zu fragen.

Es gibt viele kleinere und größere Hintergrunddetails dieser Art, gerade in der ersten Hälfte, wenn beispielsweise der Gesichtschirurg Nelly zum kompletten Identitätsneubeginn rät oder wenn sie nachts durch die vermeintlich gesetzlose amerikanische Besatzungszone läuft. Insbesondere Lene sehnt sich nach einem Neuanfang, hat kein Mitgefühl für Mörder und Verräter, egal wie viel Zwang und Opfer auch in diesen steckt. Sie will sich befreien, will raus, an einen Ort, wo man irgendwann, wenn die Wunden verheilt sind, auch wieder deutsche Lieder hören kann, ohne von Wut, Scham und Trauer überwältigt zu werden. In Palästina wollen die Frauen mit Nellys Erbschaft einen großen Neuanfang machen, für alle Juden. Und so zwingt uns Petzold den unbequemen und doch zwangsläufigen Assoziationsdreisatz Israel/Juden – Asche – Phoenix auf. Das Hauptaugenmerk liegt dennoch bei Nelly als Individuum, wie sie durch Johnnys Regie zum Charadespiel wieder zu sich selbst zurückfindet, immer mit der finsteren Warnung im Hinterkopf, Johnny habe sie verraten, um seine eigene Haut zu retten. So ist es die großartige, für Petzold typisch vage und doch treffende Schlussszene, die aufgewühlt und bewegt zurücklässt.

Fazit:

Christian Petzold beweist einmal mehr, warum er zu den wenigen dauerhaften Lichtblicken im deutschen Autorenkino gehört. Sein Selbstfindungs- und Schuld-Drama fährt zweigleisig und funktioniert nicht immer vollständig, fasziniert jedoch und bewegt. Auch dank erneut starken Leistungen von Nina Hoss und Ronald Zehrfeld.

7,5 / 10
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