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Kritik:
Pina


von Christian Westhus

PINA (2011)
Regie: Wim Wenders
Choreographien: Pina Bausch
Darsteller: Ensemble des Tanztheaters Wuppertal

Kritik:
„Ein Film für Pina Bausch von Wim Wenders“ – Da reiht sich der gute Herr Wenders ganz richtig ein, nämlich hinter die Beschenkte, die Verstorbene, die Choreographin, Pina Bausch. Im 3D-Tanzfilm „Pina“ ist Wenders nur Beobachter für Sprache und Leben durch Tanz. Er ist Bastler eines Erinnerungsalbums an die große Choreographin, deren Werk er hier eine neue Bühne gibt. Über einige Jahre hinweg teilten Bausch und Wenders die Idee vom Tanzfilm. Gefilmtes Tanztheater, so wild, natürlich und ausdrucksstark, wie Bausch es erfunden hat. Mit ihrem Tod 2009 entwickelte Wenders die Filmidee um, machte daraus ein sehr persönlich gefärbtes Projekt. Ein filmischer Nachlass, der gleichzeitig ein großes „Danke“, voll Bewunderung und Verbundenheit ist. Ein Blick ins Leben durchs Werk. Dabei geht Wenders den Film derart persönlich und auf die zentrale Figur zugeschnitten an, dass es schon intim wirkt und man als Außenstehender geneigt ist, die treibende Kraft jeder Bewegung auf der Leinwand ständig beim Vornamen ansprechen zu wollen. Pina, Pina, Pina. Es herrscht nicht nur eine ungewöhnliche Allgegenwärtigkeit der Choreographin, sondern auch eine zunehmende Vertrautheit. Die Herausforderung des Films bestand darin, Tanz in Filmform fühlbar, erlebbar zu machen. Gerade als Wenders die Lösung des Problems, nein, der Herausforderung gefunden hatte, verstarb das Zentrum des geplanten Films. Angeregt von Pinas Tänzern am Tanztheater Wuppertal, wagte er sich mit der neuen Technik an das Erinnerungs- und Poesiealbum „Pina“.

Die neue Technik ist ein alter Bekannter namens 3D, doch seit James Cameron die Technik mit „Avatar“ revolutionierte, bietet es ganz neue Möglichkeiten. Und Wenders erschafft hier den vielleicht ersten 3D-Film, der die Technik ganz klar und effektiv fürs eigene inhaltliche und künstlerische Anliegen nutzt. Das Problem, Tanztheater in Filmform zu bringen, löst er, indem er die Leinwand zur Erweiterung des Auges, zur offenen Bühne, zum greif- und verstehbaren Raum werden lässt. Mit viel räumlicher Tiefe, einem geschickten Einsatz von Tiefenschärfe und teilweise sogar mit Publikum und Sitzreihen im Bild, nein, vor uns, rekonstruiert Wenders im Film das Gefühl der Theaterbühne und führt sich darin gänzlich filmisch auf. So sehen wir beispielsweise einige Mitglieder des Tanztheaters, wie sie einen Filmausschnitt mit Pina Bausch betrachten. Sie sitzen vor uns, uns den Rücken zugewandt und wir sind Teil dieses Ensembles, wir sind Teil derer, denen Wim Wenders Einblick in Leben und Werk von Pina Bausch gewährt, indem er durch die spricht, die mit ihr tanzten und damit das machten, was elementarer Bestandteil ihrer Lebensphilosophie war.

Die Präsenz der Körper auf der Bühne wird durch 3D bewusst gemacht. Die Verortung des Tänzers im Raum wird plastisch, nachvollziehbar und durch die Bewegungen noch dynamischer. Besonders in Gruppenszenen entsteht eine ganz neue, faszinierende Ästhetik. Die Essenz des Films ist der Tanz und der Tanz ist das Gefühl, die Emotion(en), ausgedrückt durch den in Bewegung versetzten Körper. Pinas Choreographien sind teils wuchtig, teils grazil, durchzogen von natürlich Gesten, stets dynamisch, energetisch und – eben – emotional. Durch die Bewegung ausdrücken, was die Menschen bewegt. Wenders’ Film holt die Bühne auf die Leinwand und in den Kinosaal, ist damit ganz klar für’s Kino und für 3D gemacht, um dem Tanz und den Emotionen zu dienen. Einem dient der Film nicht, nämlich einer Erklärung, einer Verklärung oder Dekonstruktion der Choreographien. Dafür ist es eben auch explizit ein Film für Pina Bausch, nicht über sie. Ein persönlicher Blick eines Freundes auf das Werk einer Freundin, die im Tanz und durch den Tanz lebte. Erfreulich kurz und unerklärend dann auch die subtil inszenierten Momente der Ensemblemitglieder. Ein kurzer Kommentar, wenn auch nicht immer übermäßig treffend, dann eben doch kurz und knapp persönlich, geschickt montiert mit einem kurzen „Solo“, meist sehr anschaulich in den Fluss des Films integriert. Und irgendwann verlässt Wenders die Bühne und taucht ein in die Natur und in Pinas Heimatstadt Wuppertal, bricht das Konstrukt Bühne/Tanz auf und mäandert ganz frei und filmisch durch den Kosmos Pina Bausch.

So vollzieht der Film das, was der Tanz intendiert, nämlich über die Grenzen von Bühne und Saal hinaus in die Realität, in die Gefühls- und Gedankenwelt der Menschen einzudringen, dessen Spiegel er, der Tanz, ist. So werden auch die natürlichen Schauplätze in Wuppertal zu Bühnen, zum Raum für Tanz, Bewegung und Ausdruck, der durch die 3D-Technik größer wirkt, ausgefüllt werden muss durch den Tänzer. Wenders tut insgesamt gut daran, keine wirkliche Dokumentation abzuliefern, auf Archivmaterial größtenteils zu verzichten und die Kommentare Anderer, die leicht hätten redselig und unnötig sentimental werden können, nicht vor den Film treten zu lassen. Wenders’ Herangehensweise ist abstrakt, inspiriert durch die Tänze, ohne Historisierung, ohne dramatischen Spannungsbogen. Vier größere Bühnenwerke, durchzogen von den individuell vorgetragenen Auftritten, rekonstruiert Wenders in diesem mal nostalgischen, mal wehmütigen, stets jedoch dankbaren Film. Dankbarkeit und Bewunderung für Pinas Werk sind jederzeit spürbar. Wenders zelebriert den Tanz. Nicht eine Minute vergeht ohne, ohne ein expressives Hin und Her von Blicken, Gliedmaßen, Menschen. Die Kamera überlässt den Tänzern die neu geschaffenen Bühnen und beobachtet ruhig, in fließenden Aufnahmen, fast immer auf Augenhöhe. Dazu ein gelungener Schnitt, ruhig und unaufdringlich, oft aber sehr effektiv, wenn zwischen den sich abwechselnden und überlagernden Intervallen gesprungen wird. Zentraler Moment sicherlich, wenn Pina Bausch selbst, durch eine ältere Aufnahme aus dem Stück „Café Müller“, plötzlich Teil der aktuellen Inszenierung wird. „Pina“ ist ein sogartiger Film, der den Zuschauer mitten auf die Bühne, in die Natur- und Stadtbilder zerrt. Stets getrieben von der abwechslungsreichen, dynamischen und großartig eingesetzten Musik. Für den unbedarften, nicht persönlich verbundenen Zuschauer bleibt die Wirkung von Tanz im Film, präsentiert in einer außergewöhnlichen Art und Weise und anhand einer außergewöhnlichen Frau, die wir nach 100 Minuten nicht kennen können, der wir uns jedoch verbunden fühlen, weil sie uns durch ihre Kunst bewegt hat. Und Wenders kann anscheinend doch noch Filme machen.

Fazit:
Wim Wenders’ sehr persönlicher Erinnerungsfilm für Pina Bausch, über, oder eher mit dem Tanz als lebenszentrale Ausdrucksform, ist ein mitreißender Tanzfilm in abstrakter, freier Erzählweise, mit großartigem Einsatz von 3D und bietet vor allem eines: Menschen in Bewegung. Das kann, bei vorhandenem Grundinteresse, eine außergewöhnliche Filmerfahrung werden.

8 / 10

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