Kritik:
Pirates of the Caribbean 4:
Fremde Gezeiten
von Christian Mester
PIRATES OF THE CARIBBEAN: ON
STRANGER TIDES
(2011)
Regie: Rob Marshall
Mit: Johnny Depp, Geoffrey Rush
Story:
Nach einer wahnwitzigen
Befreiungsaktion landet Captain Jack
Sparrow (Johnny Depp) auf dem Schiff
des gefürchteten Piraten Blackbeard
(Ian McShane), der mit seiner
hitzköpfigen Tochter Angelica
(Penelope Cruz) nach dem Quell des
Lebens sucht.
Verfolgt werden sie von Hector
Barbossa (Geoffrey Rush), der
mittlerweile für das Royal Empire
arbeitet und sich an beiden rächen
will - an Jack, weil er ihm die
Karte zur Quelle abgeluchst hat, und
an Blackbeard, weil er wegen diesem
neuerdings ein Holzbein trägt...
Kritik:
Käptn auf Brügge: da wohl jeder die
"Pirates" (ehemals: "Fluch der
Karibik") Filme gesehen hat, muss
man für diese wohl nicht weiter
vorgreifen. Wissen muss man nur
zweierlei: dass "Fremde Gezeiten"
bedeutend weniger Budget als der
Vorgänger zur Verfügung hatte - "Am
Ende der Welt" kostete stattliche
300 Millionen Dollar und war damit
der bislang teuerste Film - und Teil
4 nun "nur" rund 200, zieht man
Depps Gage und die 3D-Kosten ab,
sogar bloß 150 zum spaßigen
Verfeuern übrig hatte; und - dass es
einen neuen Regisseur hinter dem
Ruder gibt: Rob Marshall, der zuvor
die wenig popcornactionlastigen "Die
Geisha", "Chicago" und "Nine"
gemacht hat. Beides trägt gehörig
Schuld daran, dass der Film nicht
wirklich gut, und, ja, beim
brennenden Barte Blackbeards, ein
enttäuschender "Pirates of the
Caribbean" ist.
Am Drehbuch liegt es dabei nur
minimal; Ted Elliott und Terry
Rossio spicken die Story mit allen
essentiellen Elementen der Reihe:
Jack darf erneut als schusseliger
Piratenschalk herumgaunern, es gibt
genügend Möglichkeiten für schräge
Action, auf dem Papier existieren
viele interessante neue Schauplätze
und Figuren - nur ein Antrieb fehlt.
Sah es am Ende des letzten Teils
noch so aus, als wollte Sparrow den
Quell des ewigen Lebens finden -
dafür hatte er Barbossa schließlich
erst die Karte gestohlen - so
scheint es im gesamten neuen, als
habe er überhaupt kein Interesse.
Sparrow will zwar noch immer sein
altes Schiff Black Pearl zurück,
doch am Quell der ewigen Jugend ist
er desinteressiert und somit
inmitten der Handlung antriebslos,
wie eine Flipperkugel, die durch
Umstände gegen zahlreiche Banden
gepfeffert wird, bis irgendwann mal
zufällig die Pearl in Reichweite
gelangt. Nur, dass es hier im Tilt
endet.
Es gibt mehrere große Actionszenen,
darunter Verfolgungsjagden,
verschiedene Duelle, Stunts und
Explosionen, doch Neuling Marshall
outet sich als miserabler
Action-Regisseur. Bis auf einen
halbwegs gelungenen Angriff von
Meerjungfrauen in einer Bucht ist
alles fader Musterdurchlauf, lieblos
choreographiert, ohne Überraschungen
und Highlights. Denkt man nur mal an
vorherige Szenen wie den Angriff des
Kraken, das Schiffsduell im Strudel
oder den Schwertkampf auf dem
Mühlenrad, gibt es derartig
bemerkenswerter Popcornszenen hier
nicht. Ironischerweise vermasselt
Marshall auch die ruhigeren Momente;
so gibt es zahlreiche Szenen, in
denen sich die Charaktere starr
hinsetzen und ungelenk Story-Fäden
abgearbeitet werden, anstatt dass es
mit Schwung, beherzt und lebhaft wie
in den vorherigen Teilen umgesetzt
wird.
Marshall hat auch keinerlei Händchen
für seine Seeräuber. Bei den
Veteranen Sparrow, Barbossa und
Sparrow's Bootsmann Gibbs geht es
noch, da er ihre vorherigen
Auftritte zu imitieren versucht,
doch die markanten Newcomer laufen
alle über die Planke. Aus kreativer
Sicht enttäuscht der neue Bösewicht
Blackbeard. "Der Pirat, den alle
Piraten fürchten", sagt Sparrow. Der
selbst schon zweimal tot war und
Squidkopf Davy Jones und sein
Schiffe zerberstendes Haustierchen
von Nahem erlebt hat (letzteres
sogar von innen). Was kann dieser
Blackbeard also Tolles? Auf seinem
Schiff Seile lebendig werden lassen,
mit Voodoopuppen spielen und Zombies
als Offiziere haben. Ersteres ist
interessant, nach erstem Mal aber
nicht mehr wuchtig, zweiteres wird
kaum genutzt und die Zombies sind
die wohl langweiligsten der letzten
20 Filmjahre. Blackbeard's Zombies
sehen schon mal gar nicht wie Untote
aus, bloß wie gepiercte Piraten -
und verhalten sich auch so. In einer
Szene zeigt man zwar, dass sie
Schwertstiche unbekümmert
wegstecken, doch ansonsten ist es
eine einfallslose Ausstattung, die
Blackbeard da zu bieten hat und
nichts, was ihn als gefurchtesten
aller Piraten nominieren würde.
Blackbeard selbst ist auch kein
echter Kämpfer, und als Charakter
ein nur ständig grummelnder
Miesepeter, der weder eindrucksvoll,
noch gefährlich wirkt. Barbossa, Tia
Dalma und Jones können nur müde
lächeln.
Schauspielerisch ist Penelope Cruz
gar enttäuschend, denn die ansonsten
immer gute Cruz verliert sich in
einem unsympathischen Charakter. Von
Anfang an wird deutlich, dass sie
eine nahezu sozopathische Lügnerin
ist, die seit einer Verführung
Sparrows vor 20 Jahren obsessiv
meint, er habe ihr Leben gestohlen.
Es fällt ungeheuer schwer,
Sympathien aufzubauen, da sie oft
hart, aber auch naiv agiert und es
nie zu romantischem, spannenden Hin-
und Her, "lieben sie sich oder
versuchen sie, sich gegenseitig
auszutricksen" ala "Verlockende
Falle" kommt. Ihr Temperament?
Ungebraucht. Ebenfalls misslungen
ist der obligatorische
Liebespaar-Ersatz zu Knightley und
Bloom, hier in Form eines
bibelfesten Priesters und einer
Meerjungfrau platziert. Marshall
widmet sich beiden nur kurz, sodass
spätere Liebesbekundungen der beiden
völlig wirkungslos bleiben - ihre
Szenen sind letzten Endes nichts als
Breaks, um nicht Nonstop bei Sparrow
und Barbossa sein zu müssen. Was die
beiden Altpiraten betrifft, so sind
sie, wie zu erwarten war, das Beste
am Film, auch wenn sich bei Sparrow
mittlerweile auffällig Wiederholung
einfindet: er macht nichts neues,
wird nicht verändert, reift nicht,
bekommt keinen neuen Spin - es sind
genau dieselben Ticks und Bewegungen
wie in den ersten drei Filmen (in
denen er jedoch immerhin in der
Unterwelt landete, verflucht wurde,
in Elizabeth einen ernsten Gegner
fand und sich Gedanken um ein
mögliches Ende des Piratendaseins
durch das Royal Empire machen
musste. Im Vierten ist er einfach
nur da). Wirklich schlecht ist der
Film nun nicht, dafür ist er
größtenteils gut gemacht (doch,
obwohl der Film zum Teil vor Ort
gedreht wurde, sieht es manchmal
doch ungewollt nach schwach
ausgeleuchtetem Hallendreh aus), ist
Hans Zimmers Score mal wieder
herrlich piratig und zieht Johnny
Depp mit seiner ewig liebenswerten
Sparrow-Manier den Karren fast im
Alleingang aus dem Dreck, aber es
lässt sich fraglos fragen, wie man
sich nach ersten Test-Screenings für
einen Nachfolger dieser Reihe, und
für einen Aspiranten auf die
Eventfilmkrone 2011 zufrieden geben
konnte.
(3-D? Technisch durchaus gut, da
direkt in 3-D gedreht statt
nachkonvertiert, aber schwach
genutzt. Anstatt gimmickhaft aus der
Leinwand herauszuragen oder tolle
Tiefenwirkung aufzubauen, hält der
Effekt die Mitte und bleibt damit
nicht wirklich empfehlenswert)
Vergleichswertung:
- "Fluch der Karibik": 8/10
- "Pirates of the Caribbean: Fluch
der Karibik 2" - 7,5/10
- "Pirates of the Caribbean: Am Ende
der Welt" - 6,5/10
Fazit:
Es fällt schwer, vom vierten "Pirates"
nicht enttäuscht zu sein. Selbst
wenn man Depp als Sparrow innigst
liebt und das dann schon die halbe
Miete ausmacht, nagt es an der
Zufriedenheit, dass das Drumherum so
schwach ausfällt. Es ist der
schwächste Teil der Reihe: vom
Spektakel her, von den Schauspielern
her, von der Handlung her, von den
neuen Locations her, von den neuen
Gegnern und Partnern her. Für
Sparrow lohnt der Besuch, doch 2011
hatte bereits und wird auch noch
bessere Eventfilme bekommen.
5,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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