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Kritik:
The Place beyond the Pines


von Christian Westhus

THE PLACE BEYOND THE PINES
(2013)
Regie: Derek Cianfrance
Cast: Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes

Story:
Motorradstuntman Luke (Gosling) erfährt, dass er einen Sohn hat. Er schlägt einen neuen Weg ein und will für den Kleinen sorgen, notfalls auch als Bankräuber. Das gedenkt Polizist Avery (Cooper) zu verhindern, der selbst für einen kleinen Jungen zu sorgen hat.

Kritik:
Wie der Vater, so der Sohn. Das zumindest ist das Gesetz des Sprichworts. Regisseur und Autor Derek Cianfrance versucht in seinem dritten Spielfilm der Wechselwirkung zwischen Vater und Sohn auf den Grund zu gehen. Neben allerhand anderen Dingen. Schon im gelungenen Ehedrama „Blue Valentine“ beschäftigte sich Cianfrance ausgiebig mit der Männerrolle, auch da gespielt von Ryan Gosling. Der Weg eines Mannes, am Ende der Jugend, der Verantwortung für ein neues Leben übernehmen will, übernehmen muss. „Mein Vater war nie da“, sagt Motorradstuntman Luke hier zu Romina, der Mutter seines kleinen Sohnes, und wundert sich, was für ein Typ Mann er dadurch geworden ist. 

Der Film beginnt mit einem Weltklasse-Intro. Wir folgen dem nackten, tätowierten Torso von Luke, folgen ihm beim Gang über einen Jahrmarkt, in ein Zirkuszelt, auf ein Motorrad und in einen runden Stahlkäfig. Wenn sich der Film danach als ambitionierter Dreiakter entfaltet, wenn mutige Perspektiv- und Zeitsprünge das „große Ganze“ des Films zusammenfügen, steht alles im Schatten dieser visuell und inszenatorisch herausragenden Szene. Nie wieder kann der Film die lebensmüde Macho-Männlichkeit von Goslings Charakter Luke derart präzise einfangen. Nie wieder, auch nicht bei einer spektakulären Verfolgungsjagd oder beim Erklimmen eines Hügel auf zwei Rädern, strahlt der Film eine derartige visuelle Kraft aus, fühlt sich derart lebendig und geradezu fiebrig-unwiderstehlich an. Mit zunehmender Laufzeit wird aus „The Place beyond the Pines“ ein überfrachtetes Thriller-Drama, an dem es viel zu mögen gibt, das sich aber nie wirklich entfalten kann. 

Cianfrance will zu viel. Die drei Handlungsakte hätten auch jeweils einen eigenen Film abgegeben, wenn man die Themen, Charakterszenen und Hintergründe auf Spielfilmlänge erweitert hätte. So tummeln sich in beachtlichen und mitunter langen 140 Minuten mindestens drei Filme, von denen nur einer wirklich funktioniert. Wir sind gut in den Film gestartet und die Arbeit von Kameramann Sean Bobbitt hält das Geschehen zu Beginn durchweg spannend. Nicht, weil das erste Drittel mit seinen Raubzügen und Motorradszenen noch am deutlichsten Genre-Anleihen hat, die immer stärker in den Hintergrund rücken. Das erste Drittel hat eine Anziehungskraft, weil die Handlung banal, aber aufs Wesentliche beschränkt ist. Und auch, wenn Ryan Goslings unaffektiert-schweigsames Verharren hat hier nicht mehr die sogartige Kraft hat, die noch in „Drive“ so meterdick durch den Film waberte, ist seine Präsenz entscheidend für das Gelingen des ersten Drittels. Bradley Cooper, der im zweiten Drittel als Polizist mit Ambitionen übernimmt, ist im Gegenzug sicherlich nicht schlecht, ja eigentlich sogar gut, doch alles um ihn herum scheint überfrachtet und häufig übereilt. Dieser Abschnitt ist komplexer, reicher an moralischen Dilemmas, an diskussionswürdigen Themen, aber durch die Laufzeit derart eingegrenzt, dass der Film zusehends verflacht. Nach einem plötzlichen Zeitsprung – der visuell nur bedingt glaubwürdig ist – steht man quasi komplett auf der Stelle. Dane DeHaans Präsenz rettet das Schlussdrittel vor überkandidelten und unglaubwürdigen Nebenfiguren, vor einer schwammiger Dramaturgie und vor Cianfrances unstillbaren Wunsch, eine moderne griechische Tragödie zu entwerfen.

Der letzte Abschnitt fällt, wenn die ersten beiden Drittel wackeln. Ein zentral entscheidendes Charakterdetail müssen wir durch eine lieblos hineingequetschte Erklärung akzeptieren, die psychologisch eigentlich kaum nachvollziehbar ist. Für einen Film, der sich als großes, ernsthaftes und ambitioniertes Drama präsentiert, gibt es zu viele Entscheidungen und Entwicklungen, die schwammig, extrem oder gänzlich unmotiviert sind. Ray Liotta taucht in einer kleinen Rolle auf und weil es Ray Liotta ist, kann er als Arschloch-Cop direkt zur Tat schreiten, ohne etabliert zu werden. Mit einem anderen Darsteller wären wir irritiert, aber Ray Liotta hat nun mal dieses gewisse Etwas. Also fertigt man den Abschnitt „Die dunklen Seiten des Polizeiberufs“ noch rascher ab, ohne sich wirklich im Detail darum zu kümmern. Es geht ja eigentlich um Väter. Und um Moral. „The Place beyond the Pines“ ist ein Moralstück und dabei keineswegs eins, das den Finger hebt. Wir sehen eine Grauzone, in der Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit variierbar sind. Manchmal muss man für Gerechtigkeit auf die Straße gehen und etwas tun, sagt Coopers Figur Avery im Bezug auf seinen Job als Polizist. Die Gerechtigkeit sitzt manchmal hinter Gittern und Ungerechtigkeit trägt blaue Uniformen. Und selbst das kann man so eindeutig nicht sagen. 

Aber ja, Väter. Luke kannte seinen nicht. Avery erhält von seinem einen Rat. Lukes Sohn steht zwischen zwei Vätern. Averys Sohn geht im Karrierestreben seines Vaters unter. Der Film wird trotz unzähliger Nebendetails klar beherrscht von der Vater-Thematik. Einen Film über Frauen und Mütter wollte Cianfrance nicht drehen. Seine Entscheidung. Nicht mal um Ersatz- und Adoptivväter geht es hier. Söhne, die ihren leiblichen Vätern nacheifern; Männer, die Vater sein wollen, und Väter, die zwischen Selbstverwirklichung und Erziehung stehen. Cianfrance kreiert ein faszinierendes Konstrukt (und es ist wahrlich konstruiert) aus Denkanstößen, aus Schuld und Sühne Motiven. Und doch irritiert es, wie unmotiviert Väter und Söhne ihre Entscheidungen treffen. Es irritiert, wie Cianfrance mit großartigem visuellen Talent Generationen verbindet, ohne daraus wirklich viel zu machen. Es irritiert, wie auffällig passiv, ja überflüssig die Frauenrollen sind. Und, ja, es stört, welch biologisch-dominantes Vater- und Männerbild der Film präsentiert. Am Ende scheitert Cianfrance an seinen eigenen Ambitionen. Es ist ein Scheitern auf hohem Niveau, das trotz mancher Fehler Anerkennung verdient. Wer viel wagt, kann viel gewinnen, aber auch tief fallen. Insofern ist „The Place beyond the Pines“ noch ein positives Beispiel, denn an Ambitionen zu scheitern ist in der Regel besser, als sich mit routinierter Mittelmäßigkeit zufrieden zu geben.

Fazit:
Ein ambitioniertes Thriller-Drama in drei Akten, das zuweilen daran scheitert, zu viel zu wollen, zu viel zu versuchen. Mit Abstrichen gut gespielt und thematisch faszinierend, ist das Endresultat ein nicht immer glücklicher Mix, dem man dennoch seine Aufmerksamkeit schenken sollte.

6,5 / 10

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