home  |  vorschau  |  kritiken  |  gewinnspiele  |  drehbücher  |  impressum  |  links  |  chat  |  forum


 

KRITIK:

Ponyo
Das große Abenteuer am Meer


von Christian Westhus

Gake no ue no Ponyo (2008)
Regie: Hayao Miyazaki

Story:
Der fünfjährige Sosuke lebt mit seiner Mutter an einem Kliff direkt am Meer. Während sein Vater zur See fährt, arbeitet die Mutter im Altenheim, in das sich Sosuke ab und zu schleicht. Eines Tages findet er einen Goldfisch mit Menschengesicht und nennt ihn Ponyo. Doch Ponyo kann plötzlich sprechen, liebt Schinken und wird von seinen Eltern gesucht. Der Vater ist ein merkwürdiger Öko-Aktivist mit Zauberkräften und Ponyos Mutter ist die Göttin des Meeres. Auch Ponyo, die immer mehr wie ein kleines Mädchen aussieht, hat magische Fähigkeiten und bringt schon bald das Meer zum Tosen.

Die ersten 12 Sekunden des Films
benötigten über 1600 Artworks

Kritik:
„Die kleine Meerjungfrau“ auf Japanisch. Hayao Miyazaki Filme sind Selbstläufer, qualitativ und wirtschaftlich. Als weltweit wahrscheinlich bekanntester und beliebtester Anime Auteur ringt Miyazaki dem handgezeichneten Geschichtenerzählen Film um Film neue Facetten ab. Seine fantasievoll gestalteten und detailreichen Parabeln sprechen zumeist alle Altersgruppen an, verbinden kindlichen Humor mit ansprechender Psychologie und vielschichtigen Themen. Dabei ist der Kosmos Miyazaki auch geprägt von der Tradition der jeweiligen Vorgänger. Stets fungieren kleine Mädchen als Hauptfiguren, Fantasie und Realität leben wie selbstverständlich im Einklang. Und auch optisch strahlen die Studio Ghibli Filme von Hayao Miyazaki schon seit einiger Zeit das Gefühl des Vertrautseins aus, egal wie außergewöhnlich fantastisch die Handlung auch wird.

„Ponyo“ macht da keine Ausnahme. Auch wenn Sosuke die eigentliche Haupt- und Identifikationsfigur ist, so drückt doch Ponyo der Handlung ihren Stempel auf. Die Freundschaft der beiden könnte auch als fünfjährige Version von Pazu und Sheeta aus „Das Schloss im Himmel“ gesehen werden. Der normale, größtenteils auf sich allein gestellte Junge, der auf das Mädchen aus dem Zauberreich trifft. Und Miyazaki gehen sicherlich nicht die Ideen aus. Es ist Konstanz und Vertrautheit, das Verharren auf Themen und Grundsätzen, die in immer wieder neu und originell erzählten Geschichten an Kraft und Ausdruck gewinnen. Denn erzählen kann er wie kaum ein Anderer. Auch in den Darstellungen finden sich wiederkehrende Elemente, die für einige Zuschauer das wohlige Gefühl ausstrahlen, sich hier zurechtzufinden. Das ist bei dem gewohnt außergewöhnlichen Bildersturm sicherlich auch von Vorteil. So sieht eine alte Oma im Altenheim aus wie die Hexe aus „Das wandelnde Schloss“, während das schleimige Blubberwasser mit Augen eine typische Geist-Entität ist.

Miyzaki erinnert mit PONYO
in vielerlei Hinsicht an RING DER NIBELUNGEN

Nachdem besonders „Das wandelnde Schloss“ die leichte Hilfestellung von Computern bei der Animation nicht mehr verheimlichen konnte, ist „Ponyo“ schließlich auch die Rückkehr zum komplett handgezeichneten Stil, mit einer einzigartigen Mischung aus simpel und überbordend. Ponyo selbst ähnelt in Fischgestalt eher einem einfach gestaltetem Kind im Pyjama, aber sicherlich keinem Fisch. Die reduziert vereinfachten Gesichter erzeugen mit Leichtigkeit Emotionen und wie schon in den ersten fünf Minuten eine ganze Tausendschaft an teils realistischen, teils fantastischen Meereskreaturen durchs Bild wuselt, verschlägt glatt die Sprache. Im Meer braut sich der bunt kostümierte Fujimoto ein Elixier zusammen, mit der er die Kräfte des Meeres entfesseln und das Land von den Menschen befreien will. Die Menschen haben das Meer und den Planeten verunreinigt und selbst wenn Fujimoto selbst ein Mensch war (ist?), so hat er sich nun komplett dem Meer hingegeben. Doch bei Miyazaki gibt es keine Bösewichter. Das von Disney geschulte Schwarz-Weiß-Prinzip funktioniert hier nicht. Miyazaki gibt seinen Figuren Tiefe und Charakter und so erzählt er auch hier eine Geschichte, ohne echte Boshaftigkeiten. Selbst das brutale Kriegsszenario in „Nausicaä“ verweigerte sich einseitiger Kategorisierungen. Die bedrohlichen Situationen entstehen durch Interessenskonflikte, durch Missverständnisse, aber niemals aus simpler Zerstörungswut. Und auch Fujimotos Ökologie-Anliegen ist so typisch für Miyazaki; und nicht erst seit „Prinzessin Mononoke“. Dass Fujimoto Ponyo und ihre – grob geschätzt – 300 Geschwister gefangen hält, ist kein Akt von strenger Elterndiktatur, sondern Sorge und Beschützerinstinkt, gepaart mit irrtümlichen Schlussfolgerungen. Vor allem liegt auf der Bedrohung durch Wassermassen überhaupt gar nicht der Fokus.

Es geht um die etwas andere Meerjungfrau, die mit entwaffnender Kindernaivität die Welt der Menschen erkundet und Freundschaft schließt. Der radikal humanistische und optimistische Gedanke erscheint kitschig und selbst naiv, doch Miyazaki ist mit der Menschheit nicht unkritisch, auch trotz Fehlen von Hass und Boshaftigkeit. Menschen haben ihre Fehler und Schwächen und die tragen Konsequenzen mit sich. Da ist es abermals nur konsequent, dass wir aus unschuldigen Kinderaugen diese Welt beobachten. So unschuldig, dass die eigentlich wackelige Prämisse, wahre Liebe unter Fünfjährigen als Kernelement zu durchleuchten, nicht ein einziges Mal wirklich wackelig erscheint. Dass Sosuke und Ponyo sich bestimmt auch ganz hervorragend mit den beiden Mädchen aus „Mein Nachbar Totoro“ verstehen würden, unterstreicht dies. Auch „Totoro“ war ein Film ohne Negativität, ja beinahe ohne echte Bedrohung und doch bleibt es Miyazakis absolutes Prachtstück und einer der wahrscheinlich besten Kinderfilme überhaupt. An die Qualität kann auch Ponyo nicht anknüpfen, weder inhaltlich, noch technisch. Geschwister im Geiste sind die Filme dennoch, auch weil Miyazaki schon lange nicht mehr einen Film gemacht hat, der so glasklar für die ganz kleinen Zuschauer ist.

Kinder im gleichen Alter wie Sosuke dürften den bunten Reigen mit Wonne beobachten. Die Darstellung der Tierwelt ist abermals gigantisch, die Wasserwelt atemberaubend, auch wenn Miyazaki Flugszenen besser inszenieren kann, als Schwimm- und Tauchszenen. Wer genau hinsieht, kann zum Beispiel einen lässigen Kraken beobachten, der bei Hochwasser mal eben unbemerkt in ein Haus krabbelt. Die teils gewaltigen Fische, die unter, neben und über den Protagonisten schwimmen, sind beeindruckend und gerade im richtigen kindlichen Maße gruselig. Und Ponyo selbst ist als außer Rand und Band geratene Neugierde eine herzliche Wucht mit super niedlicher Quietschestimme. Wer in der Lage ist, sich in seine Kindheit zu versetzen oder wie ein Sechsjähriger zu denken, der dürfte auch im höheren Alter seine Freude haben. Und ein Miyazaki würde sich niemals grundlos vereinfachen, nur weil seine Filme auch von kleinen Kindern geschaut werden. Die Öko-Botschaft tritt irgendwann in den Hintergrund, doch gerade die Familienkonstrukte faszinieren; thematisch und psychologisch. Auffällig auch, dass es schließlich die Frauen sind, die ihre Männer zur Besinnung bringen. Die Parallelität von Sosukes und Ponyos Familie ist durchaus subtil entworfen, funktioniert aber auch ganz wunderbar an der Oberfläche. Auch, und auch das ist Stilmittel bei Miyazaki, wird hier wieder Westliches mit Fernöstlichem kombiniert. „Die kleine Meerjungfrau“ als kaum wieder zu erkennende Grundlage beispielsweise oder Wagners „Ring der Nibelungen“, der auch musikalisch vertreten ist, wenn Joe Hisashi nicht gewohnt eingängige Melodien entwirft. Der Kinder-Mitsing-Lala-Ohrwurm am Ende ist ebenfalls unwiderstehlich.

Und weil ohne etwas fehlen würde, wuselt sich wieder eine detailreiche Fantasiewelt durch den Film. Ponyo und ihre Geschwister sind mehr als nur Goldfische, die Göttin des Meeres mischt mit und in einer fantastisch animierten Sequenz wird die Macht des Meeres entfesselt, stürmen knopfäugige Riesenfische als lebendig gewordene Riesenwellen an die Oberfläche und über das Land. Für Sosuke und Ponyo gilt es einen Reifungsprozess zu bestehen, ohne die Hilfe der Eltern und nur echt mit finaler Prüfung. Größere „Ich will zu meiner Mama“ Rührseligkeit wird ausgespart und wer realisiert, dass er sich in einem Kinderfilm befindet, dürfte auch den kindgerechten Humor oder den dezenten Kitsch nicht all zu schlimm finden. Selbst wenn dem Drehbuch der rote Faden mitunter etwas entgleitet und der Humor, beispielsweise bei einer Szene mit einem Säugling, nicht immer ganz glückt, so ist das gesamte Abenteuer dennoch einfach lohnenswert, selbst wenn man von einem Miyazaki vielleicht noch mehr erwartet hätte. Ungewöhnlich, herzlich und doch Reich an Themen und klugen Gedanken.


Fazit:
Eine Miyazaki Wundertüte für die ganz kleinen Zuschauer. Wunderbar gezeichnet, voll von wuseligen Figuren und tollen Details, mit Themen und Handlungsansätzen, die auch ältere und flexible Zuschauer überzeugen können. Weder inhaltlich noch technisch ein absolutes Meisterwerk, aber ein witziges, herzliches und bezauberndes Werk. Ein Kinderfilm, ja, aber ein sehr schöner.

7,5 / 10

 


Das Copyright der genannten Markennamen und genutzten Promotionsmaterialien
liegt bei den entsprechenden Besitzern. Texte und nicht-promotionalen Bilder
Copyright bereitsgesehen.de
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websiten verantwortlich.