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Kritik:
Portal 2


von Christian Mester

PORTAL 2 (2011)
Studio: Valve Software

Intro & Handlung:
Als die zweite "Half-Life 2" Episode in der sogenannten Orange Box erschien, beinhaltete die Box neben dem neuen Shooter-Kapitel Gordon Freemans und dem MP-Titel "Team Fortress 2" ein weiteres Goodie: "Portal", ein originelles Rätselspiel, dessen Spielprinzip und Humor derart gut ankamen, dass man sich kurzerhand dazu entschloss, das eigentlich sehnlich erwartete "Half-Life 2: Episode 3" zur Seite zu schieben und zuerst ein "Portal" zum Vollpreistitel zu machen. 2011 ist es nun für PC, Mac, X360 und PlayStation 3 erhältlich und wird mit Lorbeeren geradezu überhäuft, doch zu Recht?

Ein kleiner Rückblick: Im ersten Teil spielte man Chell, eine junge Frau, die als Laborratte in einem von Menschen verlassenen Testparcours aufwachte, der von einer hinterhältigen Künstlichen Intelligenz namens GLaDOS kontrolliert wurde. Man durchlief zahlreiche Testkammern, bis man am Ende hinter die Kulissen sehen und die fiese Maschine vermeintlich besiegen konnte. Im letzten Bild hatte man es gerade an die Erdoberfläche geschafft...

[Handlung Singleplayer]
... doch Chell kam anscheinend nicht weit. Eines Tages wacht sie wieder in der Anlage auf und wird von einem kleinen Roboter namens Wheatley willkommen geheißen. Beim Versuch erneut aus der Anlage zu fliehen, weckt sie GLaDOS versehentlich wieder auf, die prompt mit neuen Tests fortfährt. Was folgt, ist eine schräge Flucht durch verschiedene Kammern, bei der u.a. Kartoffeln, Echsenmenschen und der Mond zum Thema werden.

[Handlung Coop Multiplayer]
Die Multiplayer-Kampagne spielt zeitlich nach den Ereignissen des Singleplayers und dreht sich um zwei Roboter namens P-Body und Atlas, die für GLaDOS ein schwer zu erreichendes Lagerhaus mit einem versteckten Geheimnis erreichen müssen.

Valve sind für ihren sehr eigensinnigen Humor bekannt und den gibt es auch hier wieder in beiden Kampagnen. Während man sich durch die verschiedenen Testkammern kämpft, wird man ständig von Wheatley, GLaDOS und später noch von dem Erschaffer der Anlage schwer zugetextet, die alle drei auf ihre Art herrlich schräg ausfallen. Teilweise ist der Humor wunderbar absurd ("Ich weiß nicht wie es dir gerade geht, aber ich bin eine Kartoffel!"), nicht immer ganz gelungen, doch da die Stimmen der Begleiter vortrefflich filmreife Persönlichkeiten haben, ist man immer gut unterhalten (man muss den ersten Teil übrigens nicht gespielt haben, um die Handlung zu verstehen). Inhaltlich imitiert das Sequel seinen Vorgänger, wobei man dieses Mal durch eine instabile Anlage wandert, die teilweise von Pflanzen zugewuchert ist und damit nicht mehr ganz so kalt und steril wie im ersten Teil wirkt. So wie man im Vorgänger später hinter die Kulissen blicken konnte, werden die Hintergründe hier noch wesentlich weiter vertieft: in einem großen Abschnitt schaut man sich die Ursprünge der Anlage an, wobei Voice-Overs und kleinere Details wie Tafelanschriften groben Aufschluss über die dort passierten Ereignisse geben (und Kenner des ersten Teils und der "Half-Life" Titel oftmals schmunzeln lassen). Die Handlung bleibt dünn und man darf sich vieles weiterhin bloß erahnen, doch Valve jongliert gut damit, Fitzelchen zu verraten und Wendungen ins Spielgeschehen zu bringen. Nichts in "Portal 2" ist jemals spannend oder aufregend, viel mehr ist es ein eher gemütlicher Spaziergang durch ein amüsantes Kuriositätenkabinett.

Gameplay:
Kennt man das Spielprinzip aus dem vorherigen Teil, findet man sich direkt wieder zu Recht, doch aufgrund der simplen Spielweise sind auch Neulinge sofort im Spiel. Hauptsächlich geht es darum, mit Hilfe einer Portalwaffe an schwer zugängliche Orte zu kommen. Dafür schießt man jeweils einen Eingang und einen dazu gehörigen Ausgang auf spezielle Flächen, sodass man durch die selbst erzeugten Portale an anderweitig unerreichbare Plätze kommt (Chell kann nicht klettern). Damit es kniffliger wird, gibt es tiefe Abgründe, bewegliche Plattformen, Sprungfelder, Laseranlagen und Selbstschussanlagen, sodass man oftmals gut überlegen und mit exaktem Timing vorgehen muss, um voran zu kommen. Neu sind dieses Mal drei verschiedene Flüssigkeiten, die unterschiedliche Effekte haben. Auf blauer Flüssigkeit kann man wie ein Gummiball springen, auf orangefarbener Flüssigkeit superschnell rennen und eine weiße ermöglicht es, zuvor unnütze Wände portalfähig zu machen.

Wie schon der erste Teil ist auch "Portal 2" sehr einfach gehalten - es gibt keine schier unlösbaren Rätsel, keinen merklichen Anstieg der Schwierigkeitsstufe und da immer sehr deutlich gehalten ist, was im Level überhaupt nutzbar ist, kommt man auch mit einigen Denkpausen relativ schnell vorwärts. Stirbt man, wird man nur wenige Meter zurück gesetzt. Störend ist dabei, dass man nach fertigen Parcours jedes Mal in einen Fahrstuhl steigen muss, der immerzu Ladepause bedeutet. Im Koop-Modus wird es etwas schwieriger, da man plötzlich mit vier Portalen arbeiten muss, doch auch hier reißt man sich nie die Beine aus. Das Spiel ist fraglos Cupcakes und für jeden leicht lösbar. Schade ist, dass es nur einen Bossgegner gibt und dieser wie schon im ersten Teil überaus einfach (wenn auch lustig) besiegt ist und es nie Alternativwege gibt: es gibt immer nur eine einzige Möglichkeit, weiter zu kommen und kaum Unterschiede im eigentlichen Handeln. Hin und wieder hebt man Kisten hoch oder bewegt Schalter, doch zum Großteil der Zeit ist man nur mit der Portalkanone zugange. Insgesamt wirkt "Portal 2" dadurch leider sehr einsilbig, auch wenn diese Silbe fraglos mit großem Aufwand ausgereizt wird.

Grafik und Sound
Die Source-Engine ist mittlerweile schon beinahe zehn Jahre alt, doch Valve vermag es noch immer sie interessant einzusetzen. Das Spiel ist nie Kinnladenstürzer, sieht aber technisch schick, wenn auch designtechnisch auf Dauer ebenfalls etwas eintönig aus. Zwar wird sich viel Mühe damit gegeben, die Testkammern zu variieren und zerbrochene und uralte Testkammern zu zeigen, doch im Grunde ist es alles doch immer sehr ähnlich. Soundtechnisch lässt sich nichts sagen: die Stimmen der Erzähler sind perfekt inszeniert und auf höchstem Niveau, und da man öfters überlegen muss, stört es nicht, dass echte Musik nur teilweise zu hören und dann dezent im Hintergrund gehalten ist.

Multiplayer und Spielumfang
Es gibt zwar kein Gegeneinander, doch dafür ist der Koop des Spiels sehr gelungen. Anstatt bloß Level der Singleplayer-Kampagne zu recyclen, wie es meistens der Fall ist, gibt es eine eigene Kampagne, die mit viel Liebe zum Detail entworfen wurde. Nett ist ein Zeige- und Timing-Feature, mit dem man sich mit seinem Partner bestens abstimmen kann. Vom gesamten Umfang her darf man rechnen, dass man als geübter Spieler ca. 7-8 Stunden mit dem Single- und 4 mit dem Multiplayer beschäftigt ist, während Gelegenheitsspieler auch wohl locker auf 11 und 7 kommen können - also wesentlich länger als die knappen 2-4 Stunden, die das ursprüngliche "Portal" damals bot.

Fazit:
Umsetzungstechnisch ist "Portal 2" ein Meisterwerk: großartiger Humor, eine technisch noch immer schicke Grafik, ein süchtig machendes Spielprinzip ("nur noch eine Testkammer...") und der tolle Multiplayer-Part machen großen Spaß. Aber: letzten Endes ist es doch ein sehr simples Spiel, bei dem sich vieles wiederholt, das streckenweise viel zu einfach ist und als vollkommen lineares Spiel ohne jegliche Alternativmöglichkeiten wohl nur selten mehr als einmal angerührt werden wird. "Portal 2" ist für viele ein Must-Have und wird sicher als eines der besten und interessantesten Spiele des Jahres verbleiben, doch da ist zweifellos noch Luft nach oben. Vielleicht in einem "Portal 3", wobei das Ende dieses Spiels es (mal wieder) danach aussehen lässt, als gäbe es keine Pläne für eine weitere Fortsetzung.

9 / 10

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