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Kritik:
Prometheus - Dunkle Zeichen


von Christian Westhus

PROMETHEUS
(2012)
Regie: Ridley Scott
Cast: Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron, Idris Elba, Logan Marshall-Green

Story:
Das Jahr 2095. Wissenschaftlerin Elizabeth Shaw (Rapace) überzeugt eine Firma namens Weyland, eine Expedition zu einem weit entfernten Planeten zu unternehmen. Dort vermuten Shaw und ihr Partner eine außerirdische Spezies, die an der Entstehung der Menschheit beteiligt sein soll.

Kritik:
Ridley Scotts „Alien“ von 1979 gilt noch immer und wahrscheinlich auf ewig als ein Meilenstein des Science-Fiction Films, auch wenn man ihn seit einigen Jahren vermehrt als Haunted House Horror im Weltraum bezeichnet. „Alien“ war im Grunde ein B-Movie, von einem Könner inszeniert und durch die legendären Albtraumdesigns des schweizerischen Künstlers HR Giger zum Meisterwerk aufgewertet. Mit „Prometheus“ reist Ridley Scott nicht nur zurück zum Science-Fiction Genre, sondern auch zu den Ursprüngen des Alien-Mythos. Seit der Film angekündigt wurde, stellte sich die Frage, was genau er ist, wo man ihn verordnen soll. Ist es „Alien 5“, ist es eine Fortsetzung, die Vorgeschichte, oder doch etwas Eigenständiges? Mehr als 100 Jahre vor den Ereignissen des ersten Films angesiedelt, lässt der „Prometheus“ früh keinen Zweifel daran aufkommen, dass man sich im selben Universum befindet. Forscher finden Gemeinsamkeiten in Bildern uralter terrestrischer Hochkulturen und haben in der Weyland Corporation (na klingelt’s?) einen mächtigen Geldgeber. Auf dem Planeten angekommen, findet man alsbald verdächtig bekannt erscheinende Architektur und alte Bekannte, die man in den vorherigen Filmen bisher nur tot auf einer bizarren Liege vorgefunden hat. „Prometheus“ ist ein Alien-Film, ob er will oder nicht. Viel wichtiger ist jedoch, ob der Film an sich überhaupt was taugt. 

Dabei beschreitet man mehr als eine Stunde lang überraschend eigenständige Wege. Nachdem wir den atemberaubend schönen Werbeclip für Urlaub auf Island genossen und das empörend unpassende Titeldesign ignoriert haben, setzt „Prometheus“ an zu einem Sturzflug durch die Präastronautik, an der Erich von Däniken seine grelle Freude gehabt hätte. Der Film wagt sich an die ganz großen Fragen, will Antworten zum Ursprung der Menschheit, will Gott finden bzw. enttarnen. Man kann Scott und den beiden Autoren Jon Spaihts und Damon Lindelof nicht absprechen, große Ambitionen zu haben, denn die sind in der Science-Fiction immer willkommen. Die Suche nach unseren Erschaffern, die wir gerne mal als Götter bezeichnen, beschäftigte das Genre schon immer auf vielfältige Art und Weise. Aus diesen Ansätzen kann ein unsterbliches Meisterwerk wie Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ entstehen, oder unfreiwillig komischer Murks wie „Star Trek V: Am Rande des Universums“. Ridley Scotts Film macht sich mit mythologischem Beiwerk auf zu unseren vermeintlichen Schöpfern, stellt den Konflikt aus Wissenschaft und Religion überraschend und relativ neu dar, und stopft jede zweite Szene voll mit mal subtilen, mal platten Symbolen visueller und verbaler Natur. Allein Charlize Theron als eiskalt konzentrierte Chefin an Bord des Raumschiffs flucht gefühlte 325 Mal „Jesus Christ!“, wenn sie überrascht oder schockiert ist. Und dann wäre da auch noch Michael Fassbender, dessen Figur eine ganz eigene Bedeutungsebene hat.

Fassbenders Charakter David, dessen wahre Natur von seiner ersten Szene an klar sein dürfte, fungiert anschaulich und faszinierend als Doppelung des Dualismus aus Erschaffern und Erschaffenden. Und Fassbender ist schlicht großartig in dieser Rolle. Nicht nur holt er sich Frisurtipps von Peter O’Toole, auch seine Mimik und Körpersprache lässt David jederzeit interessant wirken. Überzeugend auch Noomi Rapace in der Quasi-Hauptrolle als Wissenschaftlerin Elizabeth Shaw. Sie macht eine ähnliche Wandlung durch, wie Sigourney Weaver im ersten Film, ist zu Beginn jedoch ein wesentlich warmherzigerer, emotionalerer Charakter. Neben Rapace, Fassbender und Theron fallen sämtliche weitere Figuren jedoch ab. Das Nebenpersonal ist nötiger, aber charakterloser Ballast, egal ob Idris Elba, dessen Figur sympathisch, aber bedeutungslos bleibt, oder Logan Marshall-Green, der relativ unelegant in die zweite Reihe verbannt wird. An Bord der Prometheus, dem Schiff, läuft noch ein Dutzend weiterer Crewmitglieder herum, doch in der Regel sind sie nur dazu da, die teils unglaubwürdigen und unnötigen Handlungskonstruktionen zu legitimieren. Eine Stunde lang bietet immerhin das prominente Dreigestirn das Hauptinteresse des edel gefilmten Science-Fiction Abenteuers, doch als man zum Finale eilt, die Handlung konkretisiert und Antworten liefert, fällt die Kiste beinahe auseinander. 

Es wäre zu einfach, auf Drehbuchautor Damon Lindelof zu zeigen, der maßgeblich für die Drehfassung des Scrips verantwortlich ist, und ihm die Schuld zuzuschieben. Die Parallelen zur TV Serie Lost, bei der Lindelof einer der Hauptverantwortlichen war, sind schlicht zu auffällig. In blitzsauberen Effekten, mit den bekannten Biomechanik-Designs von HR Giger und einigen netten neuen Einfällen erkunden wir den fremden Planeten, irren durch ein dunkles Höhlensystem und beobachten mit begeisterter Faszination, wie Fundstücke untersucht und gedeutet werden. Dann kommen die Antworten und wir stellen fest, dass „Prometheus“ viel Lärm um wenig bis gar nichts macht. Die Erkenntnisse über die Ursprünge der Menschheit sind antiklimatisch und banal, in nahezu allen Fällen ein mutloser Mittelweg oder die Verweigerung einer klaren Entscheidung. Figuren tun Dinge, für die es nur wenig glaubwürdige Motivation gibt, rennen blind herum und (auch so eine Lost-Parallele) sprechen einfach nicht miteinander. Es passieren so viele unglaubliche Dinge auf dem Schiff und auf dem Planeten, aber die Figuren sind in der Regel nur allein unterwegs und behalten Ideen, Vermutungen und bedeutungsvolle Sichtungen komplett für sich. 

Was in der ersten Hälfte ein spannender, weil faszinierender Exkurs in Sci-Fi Philosophie ist, wird in der zweiten Hälfte zu einem noch immer visuell aufregenden, aber insgesamt öden Space-Thriller, der in dieser Form heute niemanden mehr von den Sitzen reißt. Noomi Rapace darf mal wieder zeigen, wie tough sie ist, die Effekte werden gewaltiger, das Tempo höher, aber nichts wirkt. Und mittendrin die mittlerweile abgestorbenen Ansätze der Präastronautik, sowie der Ballast der Alien-Geschichte, den man nun doch noch mit an Bord holen muss. Mit einem musikalischen Score, der nie so sehr aus den Puschen kommt, wie es noch im Trailer der Fall war, torkelt der Film umher, verweigert, sich seinen anfänglichen Ambitionen zu stellen, und positioniert bisweilen schreiend dämliches Spektakel über Atmosphäre, Figuren und Handlung. Zum Finale ist „Prometheus“ aufwändig inszenierter Durchschnitt, mit ein paar ekligen und garstigen Szenen, die aber zu oft handlungsneutral eingestreut sind. Der konfuse Brei aus interessanten Ansätzen, die zu nichts führen, verwirrt eher, als dass er wirklich fasziniert. „Prometheus“ ist kein Horror, will das meist auch gar nicht sein. Statt jedoch Fragen aufzuwerfen, die über das Filmende hinaus diskutiert werden könnten, überkommt den Zuschauer wohl eher Leere und Verwunderung, was das alles denn soll und ob man nicht besser einen thematisch ähnlichen Film ohne „Alien“ Begleitung gemacht hätte. Wenn man die beiden absolut überflüssigen und stilistisch uneleganten Schlussszenen ansieht, ist klar, wohin man will. Noch näher zur Alien-Mythologie. Dabei pfuscht „Prometheus“ bisweilen schon genug in dem Bildmaterial herum, aus dem Scotts erster Film seit 1979 seine Faszination zieht.

Fazit:
Edel designtes Quasi-Prequel zur Alien-Reihe, dem mit zunehmender Laufzeit Originalität und Fokus abhanden kommen. Es beginnt mit großen Fragen, großen Ambitionen und versumpft in einem belanglosen Sci-Fi Thriller, der nicht weiß, wo er hin will. Zum Ende hin banal, mit schwachen Nebenfiguren und teils schwach konstruierter Handlung, überzeugt der Film nur durch seine Optik, die Faszination der ersten Hälfte und Michael Fassbender.

6 / 10

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