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KRITIK:

PSYCHO I-IV


von Christian Mester

PSYCHO I-IV: THE BEGINNING (1960, 1983, 1986, 1990)
Regie: Alfred Hitchcock, Richard Franklin, Anthony Perkins, Mick Garris
Cast: Anthony Perkins, Janet Leigh, Jeff Fahey

Story Teil 1:
Die junge Büro-Angestellte Marion Crane (Janet Leigh, Jamie Lee Curtis’ Mutter) bestiehlt ihren Chef und verlässt eifrig die Stadt. Müde und verloren sucht sie ein Motel auf, in dem sie kurz darauf verschwindet. Ihre Schwester Lila (Vera Miles) geht der Sache nach und vermutet, dass der schlaksige Motelmanager Norman Bates (Anthony Perkins) für ihr Verschwinden verantwortlich ist.

Für ihre Duschszene wurde Janet Leigh
von einem Body Double unterstützt

Kritik:
Im Jahre 1959 lobte man Alfred Hitchcock in den Himmel. „Vertigo“ und „Der unsichtbare Dritte“ waren gerade große Erfolge geworden, weswegen seine Produzenten nicht fassen konnten, was der Star-Regisseur als nächstes angehen wollte. „Psycho“ sollte die Romanverfilmung eines Buchs von Robert Bloch werden, von dem Hitchcock nach einer Empfehlung vollends begeistert war. Seine Geldgeber waren anderer Meinung: sie hielten nicht viel von derartigem Horror und schon gar nichts von der Idee, den Film im mittlerweile verlebten Schwarz/Weiß zu produzieren. Der ewig sture Hitchcock blieb jedoch dabei und handelte fix aus, dass er den Großteil des geringen Budgets selbst stemmen (und damit natürlich auch das größte Stück vom Kuchen abbekommen) würde.

“Psycho“ erschien 1960 und sollte der wohl bekannteste und finanziell erfolgreichste Film des Meisterregisseurs werden. Nicht nur das; „Psycho“ war der erste kommerziell rentable Film seiner Art und damit der Grundstein des kompletten Slasher-Untergenres ("Psycho" war somit Vorlage von "Halloween", in dem Janet Leighs Tochter Jamie Lee Curtis die Hauptrolle spielte. 38 Jahre nach "Psycho" sollte es zum Treffen der Generationen kommen: in "Halloween H20" spielt Janet Leigh die Direktorin in Jamies Schule. Mit dabei: der original Wagen, mit dem sie fast 40 Jahre zuvor das Bates Motel besuchte). Trotzig brach Hitchcock moralische Regelwerke und zeigte die erste Toilettenspülung der Filmgeschichte, das für die 60er skandalöse Bild einer fremdgehenden Frau in Unterwäsche und ließ das Wort „Transvestit“ sprechen, obwohl Moralverfechter seit Jahren darum gekämpft hatten, das zu verhindern. Kinobesucher stürmten die Lichtspielhäuser und nahmen es sogar in Kauf, bis zur nächsten Vorstellung zu warten, da fast jede ausverkauft war. 50 Jahre später ist „Psycho“ noch immer einer der berühmtesten Horrortitel eines schier Tausende umfassenden Genres, doch trägt er seinen Ruf verdienterweise?

Was „Psycho“ damals wie heute zu einem sehr ungewöhnlichen Film macht, ist seine untypische Entfaltung. Hitchcock spielt mit den Konventionen und lässt vermeintliche Hauptfiguren sterben, baut seine Handlung spannend auf und lässt dabei gänzlich vergessen, dass man im Grunde eine nur „simple“ Mördergeschichte verfolgt. Durch durchdachte Schnitte verschachtelt er seinen Film zu etwas Komplexerem und untermauert dies mit ungewöhnlichen Szeneneinstellungen, die im Gedächtnis bleiben. So ist ein Großteil gemächlich, doch die berühmte Duschszene eindrucksvolle Theatralik, genial inszeniert und meisterlich vertont (man meint sogar mehr Haut und Blut zu sehen, als da ist). Die fehlende Fokussierung auf eine der Hauptfiguren erscheint nicht als Mangel, es ist effektive Erwartungszerstreuung, die wie das großartig designte Bates Motel schleichend überzeugt. Die fehlende Farbe erweist sich als Kunstgriff. Durch den Farbverlust wirkt „Psycho“ anfangs alt, schematisch und berechenbar, doch in Wahrheit ist Hitchcock seiner Zeit längst voraus. Voraus war auch seine Marketingidee: anstatt einen erwartungsgemäßen 0815 Zusammenschnitt der Story zu zeigen, zeigte er einem vollkommen ruhigen Rundführung der fiktiven Tatorte des Geschehens (das Bates Motel steht übrigens noch immer auf dem Gelände der Universal Studios).

Einer der wichtigsten Pfeiler „Psychos“ ist sein Hauptdarsteller. Als heimlicher Bösewicht brilliert er mit einer weiteren untypischen Eigenschaft, die an der Berechenbarkeit nagt: er ist nicht durch und durch böse, wie die meisten seiner Arbeitskollegen, er ist krank und ein innerlich zerbrechlicher, armseliger Charakter, den der betreffende Darsteller emotional perfekt aufrührt. Gleichzeitig ist er jedoch auch effektvoll gruselig, da der starke Kontrast schockt und klar macht, dass es hier das pure Böse ist, das via Menschenhand zuschlägt. Keinen Moment lang stört es, dass das Kostüm lachhafter kaum sein könnte, dass einige der Todesszenen vor lauter Exzentrik unrealistisch wirken oder dass der Film in Sachen Locations beachtlich klein bleibt.

Kritisieren darf man höchstens, dass es zwischen Duschszene und dem gelungenen Finale für einige Zeit etwas schwächer zu Werke geht, doch all das hilft wiederum, die Enthüllung des Endes noch kraftvoller zu machen. Hitchcocks Werk ist ein perfektes Beispiel für angewandte, vorbildliche Kunst der Regie: aus bescheidener Story macht er eine einfallsreiche, eigensinnige Geschichte mit Bildern und Tönen, die in Erinnerung bleiben. Er schafft eine gleichermaßen spannende und originelle Gruselgeschichte, die nicht an äußere Umstände denken lässt. So wie man bei zahlreichen Western vergessen durfte, dass die meisten City-Gebäude bloß Attrappen war, oder bei vielen heutigen Film, dass ein Großteil vieler Szenen aus dem Rechner kommt, entführt Hitchcock in ein schauriges, aber nicht ekelerregendes Gruselmärchen. Das gekonnter als viele heutige 100 Mio Dollar + Maschinerien, die es nicht vermögen, all die Technik vergessen zu lassen.

Fazit: Psycho“ ist ein zeitloser Klassiker.

10 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

Anmerkung: 1998 erschien ein Remake von Regisseur Gus van Sant, mit Vince Vaughn, Julianne Moore und Anne Heche in den Hauptrollen. Van Sants Remake orientiert sich derart präzise am Original, dass man es als reine Nachstellung bezeichnen könnte. Nahezu jede Einstellung wurde sinnfrei 1-1 übernommen, dennoch vermochte Van Sant es nicht, dieselbe Brillanz zu erreichen. Der spätere Dauer-Comedian Vince Vaughn schwächelt als neuer Norman Bates, sämtliche Szenennachstellungen erscheinen abseits ihrer absurden Existenz schwächer. ~ 4/10

Story Teil 2:
22 Jahre sind vergangen, seit Norman Bates (Anthony Perkins) mit gespaltener Persönlichkeit schreckliche Morde beging. Jetzt ist er wieder frei und zuhause. Während sich eine junge Frau (Meg Tilly) langsam mit dem schüchternen Mann anfreundet, bekommt er es mit der Angst zu tun: wieder hört er die Stimme seiner toten Mutter, die ihm befiehlt, sie alle zu töten.

PSYCHO II basiert nicht auf dem
gleichnamigen Roman des Vorlagenautors

Kritik:
Hitchcock war 1983 drei Jahre tot, da kam man 23 Jahre nach dem Original auf die törichte Idee, seinen größten Film fortzusetzen. Schlimmer noch, in Farbe. „Psycho II“ sollte ursprünglich ein reiner Fernsehfilm werden, doch als Anthony Perkins nach vielen Jahren Abscheu vor dem Ruhm seiner Rolle bereit war, sie erneut zu besuchen, wagte Universal den Nachfolger. Normalerweise hätte ein Film wie „Psycho II“ keine Daseinsberechtigung haben dürfen und als Sakrileg in den Annalen der Filmgeschichte verstauben müssen, doch in der Tat war und ist es eine erfreuliche Überraschung. „Psycho II“ erreicht die Qualitäten des unvergesslichen Vorgängers natürlich nicht, ist als riskante Fortführung aber ein würdiges Sequel mit ganz eigenen Vorzügen.

Die prägnanteste Relevanz darf man der Handlung zusprechen, die überaus funktioniert. Zeitlich passend gesetzt, sieht Perkins gealtert aus. Schwere private Jahre und der langjährige Versuch von der Rolle des Norman Bates getrennt zu werden, zeichneten sich langsam in ihm ab, wodurch Norman dieses Mal noch zerbrechlicher wirkt. Neuzugang Meg Tilly (Jennifer Tillys Schwester) fordert ihn regelmäßig, zeigt selbst jedoch zu wenig. Norman spielt dieses Mal eine größere Rolle, wird allerdings nicht der Einfachheit halber zum offensichtlichen Mörder gemacht. Es ist kein Spiel der Verlängerung, keine Hinauszögerung zum zweiten Showdown mit zusätzlichen Morden. Wieder steckt man die Erwartungen in die Waschmaschine und lässt gelungen schleudern, so dass man bis zum erneut überraschenden, nahezu ikonischen Ende gebannt mitraten darf. Richard Franklin, der außerhalb des Bates Motels nie wieder etwas Bemerkenswertes inszeniert hat, ist kein Hitchcock, läuft im Vergleich zu seinen restlichen Filmen aber zu hohem Werksstandard auf (wobei ihm die ikonische Musik und das erneut fesselnde Set sehr entgegen kommt, ähnlich wie bei Jeannot Swarc und dessen „Der weiße Hai II“),

Fazit: „Psycho II“ ist penibel gesehen der „Der weiße Hai II“ seiner Reihe. Ein gutes, ansprechendes Sequel, das sich nicht im Schatten seines übermächtigen Originals zu verstecken braucht. Tipp: nach Möglichkeit den Film auf Schwarz/Weiß sehen.

7 / 10

Story Teil 3:
Nach den Ereignissen des zweiten Teils bekommt Norman zwei neue Gäste. Eine junge Frau mit psychischen Problemen, die er bald zu beschützen gedenkt und ein vorlauter Mistkerl (Jeff Fahey), der den vermeintlich einfältigen Kauz übers Ohr hauen will.

Perkins gab später zu, mit dem Dreh
von PSYCHO III vollkommen überfordert gewesen zu sein

Aller guten Dinge sind drei, dürfte man meinen, doch „Psycho III“ ist leider der Film geworden, den sich schon alle vom Zweiten befürchtet hatten. Ein talentärmeres, günstiges Sequel, das Elemente der Vorgänger nachahmen und imitieren will, daran jedoch scheitert. Anthony Perkins ist vor der Kamera zwar ein weiteres Mal ein tragisch guter Norman Bates, doch der bei diesem Film als Regisseur agierende Hauptstar beweist kein geschicktes Händchen für Inszenierung. Obgleich die neue Handlung interessante Ansätze hat, da die Psyche des Mädchens die Rekonstruktion Bates eigener verlangt, was zu interessanter Selbstreflexion führt, ist „Psycho III“ ein recht lahmes Sequel.

Abseits der geistigen Auseinandersetzungen der beiden ist der Rest belanglose Slasher-Einerlei, mit einem hilflos wirkenden Jeff Fahey, der ebenso wie ein angereistes Schülerteam nur des erzwungenen Bodycounts wegens da zu sein scheint (wobei es insgesamt weniger als eine handvoll Morde gibt). Das Finale will zum dritten Mal mit geballter Wendung überraschen, ist aber zum ersten Mal nichts Überraschendes. Lasch ist der Soundtrack, der sich vom Klassischen weg entfernt und verstärkt auf (damals) moderne Musik setzt (Perkins trat zu der Zeit sogar bei MTV auf, um seinen „Psycho III“ zu bewerben. Alfred Hitchcock wird sich im Grabe umgedreht haben). Obwohl Perkins ein stattliches Filmbudget zur Verfügung hatte, fällt auf, dass sein Teil merklich schlechter aussieht als der letzte. Es macht den Eindruck eines gehobenen TV-Films, was zum nächsten Teil der Reihe führt.

Fazit: Vor der Kamera mag Perkins noch retten, was zu retten ist, doch „Psycho III“ ist kein Motel, an das man sich lange erinnern dürfte. Ein überflüssiges Sequel.

4 / 10

Anmerkung: Nach dem dritten Film versuchte man sich an einer Fernsehserie, die "Bates Motel" heißen sollte. Darin sollte es um einen jungen Mann gehen, der die Besitzurkunde des Motels vererbt bekommt und dann selbst unheimliche Geschehnisse erlebt. Der Pilotfilm für die Fernsehserie floppte und wurde mit Hinblick auf einen vierten Film direkt wieder eingestampft.

Story Teil 4:
Norman Bates (Anthony Perkins) hört eines Abends eine Sondersendung im Radio und beschließt, dort anzurufen. Er fängt an, seine Lebensgeschichte zu erzählen…

PSYCHO 4: THE BEGINNING
erschien als Fernsehfilm

Trotz abfallender Leistung war auch “Psycho III” noch im Rahmen gewesen, weswegen Universal im selben Rhythmus einen Vierten folgen ließ. Dieser erreichte allerdings das Schicksal, dass schon „II“ bekommen sollte: direkte Veröffentlichung als Fernsehfilm. „Psycho IV“ ist Sequel und Prequel zugleich. Zum wird gezeigt, wie Norman Bates’ Geschichte ein für alle Mal zu ende geht, zum anderen in Rückblicken, wie sie begann.

Der mittlerweile 58jährige Perkins wollte endlich Schluss machen und verlangte ein Ende, das die "Psycho" Reihe ein für alle Mal abgeschlossen beenden sollte. Damit findet sich schon eins der beiden großen Probleme des Films, da "Psycho" bis dato immer offen geendet hatte und es stets eine mögliche Ambivalenz gab, die jeden Film interessant enden ließ. "Psycho IV" hingegen hat ein recht definitives Ende, das inhaltlich enttäuscht. Durch die Festlegung auf eine Psyche Bates nimmt es der Faszination des Charakters. Dieser wird darüber hinaus vollkommen in seine Einzelteile zerlegt, figurativ gesprochen. In den Rückblicken, die den Großteil des Films ausmachen und Perkins somit zu einer Randgestalt machen, der 90% der Zeit bloß in einer Küche steht und telefoniert, wird Bates kompletter Werdegang gezeigt.

Henry Thomas (der Junge aus "E.T.") spielt eine jüngere Version des schüchternen Bates, der nach und nach von seiner launischen Mutter (Olivia Hussey aus "Black Christmas") in den Wahnsinn getrieben wird. Thomas und Hussey spielen ihre Rollen überdurchschnittlich gut, die langsame Gradation hin zum Psychopathen wird interessant veranschaulicht, doch in Bezug auf "Psycho IV" und seine drei Vorgänger ist es eine unnötige, gar störende Erklärung einer Kultfigur. Niemand würde wissen wollen, wieso Michael Myers im original "Halloween" auf einmal böse wird oder wieso gleich mehrere weiße Haie nach Amity kommen. Gruselig ist allein, dass es so ist, Die Lieferung einer Antwort füllt einen Freiraum, der den Gruselwert erst ermöglicht. Das Ende des Films ist das schwächste der Reihe und macht es schade, dass der mittlerweile 50jährige Klassiker auf so einer Schwelle enden muss. Zeit zur Wiedergutmachung gab es nicht, da Perkins zwei Jahre später leider verfrüht starb.

Technisch ist es eine ähnlich günstige, schwache Produktion wie die des Dritten, inszeniert von Stephen Kings' Lieblings TV-Regisseur Mick Garris.

Fazit: Das Drama der Rückblicke ist annehmbar inszeniert, doch die Mischung aus finalem Ende und kompletter Aufdeckung der Bates Psychose raubt der Reihe ihre Substanz. Nach Möglichkeit zu ignorieren.

4 / 10



Fazit:
Jeder Filmfan muss "Psycho" kennen, einen der wichtigsten und besten Horrorfilme des gesamten Genres. "Psycho II" darf gerne nachgeschoben werden, da es ein akzeptables Sequel mit gelungenen Ideen ist. "Psycho III" geht noch so halbwegs, doch der vierte sollte aufgrund seiner inhaltlichen Entscheidungen in jedem Falle trotz dezenter Filmqualität ignoriert werden.


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