Kritik:
Rango - Tarnung ist alles
von
Christian Westhus
RANGO
(2011)
Regie: Gore Verbinski
Darsteller: Johnny Depp
Story:
Ein Haus-Chamäleon gerät in eine
tierische Westernstadt in der Wüste,
wo man ihn fälschlicherweise für den
heldenhaften Retter hält, denn die
Stadt plagt ein Wasserproblem und
dann herrscht noch ständige
Bedrohung durch Habichte und einen
schießwütigen Schlangen-Outlaw.
Dank an Paramount Pictures
Germany
Kritik:
„Zieh an meinem Finger“ – Frischer
Wind im amerikanischen Big Budget
Animationskosmos, denn die
Effektschmiede „Industrial Light &
Magic“ und der Kinder-TV-Sender
Nickelodeon tun sich mit diesem Film
zusammen. So entsteht eine neue
Firma, ein neuer Standort für
Animationsfilme, mit einem neuen
Team mit eigenen Ideen und
Herangehensweisen. Und tatsächlich
hat man einen Film wie „Rango“ wohl
lange nicht mehr gesehen. Von der
Nickelodeon-Beteiligung braucht man
sich gar nicht abschrecken zu lassen
oder man ist gedanklich eh näher an
Kollegen wie „Spongebob
Schwammkopf“. Eine augenscheinliche
Kinderserie, der mit ihrer
absurd-anarchischen (und nicht immer
100% kindgerechten) Art durchaus nah
an dem dran ist, was uns „Rango“
bietet. Inhaltlich ist es dennoch
eigenständig genug, was hier in und
um den Mikrokosmos einer tierischen
Bizarro-Western-Parallelwelt
geschieht, als ein Haus-Chamäleon
ungeplant in die Wildnis und in die
Stadt gelangt, die mit grotesk
stilisiertem Wüstengetier in
Western-Montur bevölkert ist.
Schuppig-monströse Echsen in allen
Formen und Farben, halb zermoderte
Hasen, Ratten, Biber und Kröten
leben hier ein klassisches und auch
klassisch entworfenes
Western-Szenario vor.
Unser Sunnyboy-Chamäleon mit seinem
Hawaiihemd passt da eigentlich nicht
rein, will da zunächst auch gar
nicht reinpassen, weil er durch
seinen ganzen Hofstaat an Psychosen
und sonstigen
Persönlichkeitsstörungen ständig
depressiv oder panisch wirkt und
damit eigentlich ausreichend
beschäftigt wäre. Das Schicksal legt
ihm jedoch durch die Befreiung und
den Illusionsbruch seiner bisherigen
Existenz eine Aufgabe vor, die es
als zentrales Motiv seines Lebens zu
bewältigen gilt. Das nennt sich
primär Selbstfindung und damit
beginnt der eigentliche Film, der
lange Zeit wie eine bizarre
Persönlichkeitsstudie wirkt. Don
Quijote trifft auf Baron
Münchhausen, denn Rango ist ein
gestörter, vereinsamter Fantast, der
in wohl durch Filme (und irgendwie
auch durch Literatur) inspirierte
Fantasiewelten abtaucht,
Gegenständen Leben einhaucht, sich
selbst stets in der Rolle des
furchtlosen Helden sieht und auch
sonst nicht mehr alle beisammen hat.
Was „Fluch der Karibik“ Regisseur
Gore Verbinski und seinen Star
Johnny Depp an dieser Geschichte
reizte, ist schnell ersichtlich.
Zwischen Jack Sparrow und Rango gibt
es einige Parallelen, die Verbinski
dann vereinzelt auch visuell
untermauert. Rango erlügt sich mit
Hilfe glücklicher Zufälle einen
heldenhaften Ruf in der
Western-Stadt „Dirt“ („Dreck“),
schwindelt sich um Kopf und Kragen
und wird dabei schnell zum Cap… zum
Sheriff.
Mit Depp als Sprecher in der
Originalversion an Bord, beginnt
auch der Reigen popkultureller
Verweise, die bei Depps „Fear and
Loathing in Las Vegas“ anfangen und
meist durchaus subtil ihre Kreise
ziehen. Das ist auf keinen Fall zu
verwechseln mit „Shrek“, der zu
Beginn noch Märchenwelten subversiv
durch den Kakao zog, dann aber nur
noch Popkultur per se nachäffte und
verulkte. „Rango“ nimmt seine
Western-Identität und die damit
verbundene Welt ernst, zitiert sich
passend und clever durch den (Italo-)Western-Kosmos,
insbesondere bei Leone. Damit
erinnert der Film eher an Pixars „The
Incredibles“ und erzählt
anspielungsreich und ernsthaft eine
klassisch motivierte
Wild-West-Geschichte, um einen
Fremden, einen Helden und eine
Bedrohung. Im Dorf wird das Wasser
knapp („Vergiss es, Rango, dies ist
‚Dirt’“, falls jemand „Chinatown“
gesehen hat.) und der Verdacht
verhärtet sich, dass irgendjemand
ein fieses Spiel treibt. So lässt
man Rangos existentialistische Sinn-
und Persönlichkeitssuche etwa ab der
Hälfte deutlicher in den Hintergrund
fallen, wenn entführt, gesucht,
geschossen und ganz besonders
geritten wird. Die Ideen sind
mitunter sehr schräg, der Humor
reicht von absurd bis albern und die
Designs tun das Übrige, aber
irgendwann geht es auch recht
straight um Handlung, nicht nur um
humoristische Kuriositäten. Die
Geschichte ist immer noch durchzogen
von kurzen Dialogen oder
vereinzelten Sprüchen, die mehr als
ungewöhnlich für einen
vermeintlichen Kinderfilm sind. Ein
solcher ist es eben nicht unbedingt,
trotz einiger harmloser Lacher und
einer putzigen Hauptfigur. Mal geht
es in einem flotten Spruch um den
Genpool, ein Abschnitt beschäftigt
sich mit Shakespeare und
experimentellem Theater und Rangos
Persönlichkeitsfindung führt zu
einer surrealistischen Metapher, die
nicht nur bildgewaltig und cool
präsentiert ist, sondern wohl einen
Jack Sparrow forsch „klar soweit“
sagen, nicht fragen, lassen würde.
Verbinski inszeniert den munteren,
abwechslungs- und actionreichen
Reigen flott, suhlt sich in
fantastisch eingefügten
Western-Klischees und Eigenheiten,
lässt eine Reitszene vor einem
Sonnenuntergang zum epischen Moment
werden und knallt Traum- wie
Actionszenen mit derselben
wild-dynamischen und
überdimensionalen Art raus, wie
schon in „Fluch der Karibik“. Das
Finale ist etwas zu bleihaltig
(nebst anderem Element) und ein
Schurke schießt mit seiner Art etwas
übers Ziel hinaus, aber ansonsten
ist es ein absolutes Fest. Auch dank
ILM, die sich technisch sofort in
die vorderste Riege der
Animationsstudios katapultieren,
aber natürlich auch schon seit
Jahrzehnten Vorreiter im Bereich der
Computeranimation sind. Pixar hat
den ultrahochqualitativen Comic-Look
perfektioniert, doch was
Fotorealismus betrifft, kann „Rango“
den Meistern von Animal Logic („Happ
Feet“, „Die Legende der Wächter“)
locker Paroli bieten. Die
schuppigen, haarigen, zerknautschten
Bewohner Dirts sind grandiose und
groteske Geschöpfe, die Bewegungen,
auch dank Kamera und Schnitt, sind
dynamisch und die Farben der
gesamten Welt eine Pracht, bedenkt
man, wie beschränkt die Palette in
einem Western-Szenario eigentlich
ist. Optisch eine Wucht und
musikalisch hämmert Hans Zimmer
wieder brachial und effektiv in die
Tasten, haut Western-(und
andere)Klassiker mit neuem Dampf
raus und bietet eine grandiose
Klangumgebung für das
semi-philosophische
Persönlichkeitsdrama in Gestalt
eines reinrassigen Westerns.
Da fehlt am Ende vielleicht nur das
Herz, die emotionale Note, mit der
sich Pixar seit Jahren effektiv und
unwiderstehlich an uns klammert. So
geht es hier letztendlich zwar um
Selbstfindung, Vertrauen, Hoffnung
und Heldenmut, aber fürs Dramatische
und Emotionale ist es dann doch zu
wild und zu schräg, in der zweiten
Hälfte zu klassisch, obwohl sich in
den Subplots, Querverweisen und
Themenfeldern sogar leise und
unaufgelöst eine kleine
Liebesgeschichte versteckt.
Fazit:
Ungewöhnlicher Animationsfilm in
bewundernswerter Edeloptik. Schräg
bevölkerter Western mit
psychologischem Kern, kruden Ideen
und eine mitreißenden Inszenierung.
„Rango“ ist der bemerkenswerte erste
Auftritt einer neuen
Animationspräsenz, den man sich
nicht nur als Western-Fan unbedingt
anschauen sollte.
8 /
10
> Deine Meinung
zum Film?
|