Kritik:
Red Riding Hood
Unter dem Wolfsmond
von Christian Mester
RED
RIDING HOOD
(2011)
Regie: Catherine Hardwicke
Darsteller: Amanda Seyfried, Gary
Oldman
Story:
In einer undefinierten Zeit im
Mittelalter lebt ein kleines Dorf in
Angst und Schrecken, denn seit eh
und je plagt sie ein grausiger
Werwolf. Als sich dieser nicht mehr
länger mit Opfertieren begnügen
lässt und Menschenblut leckt,
entscheidet man, dem übernatürlichen
Untier den Garaus zu machen. Ein
Versuch, der kläglich nach hinten
losgeht und einen erfahrenen
Monsterjäger des Vatikans auf den
Plan ruft (Gary Oldman).
Inmitten der Wolfsjagd merkt die
junge Valerie (Amanda Seyfried)
plötzlich, dass sie eine besondere
Verbindung zum Monster besitzt, da
es sie zu kennen scheint. Während
sie versucht, herauszufinden,
welcher ihrer Bekannten hinter der
verflohten Gefahr steckt, buhlen ein
junger Schmied und ein Holzfäller um
ihr Herz.
Kritik:
Eine junge Frau, die sich in der
Präsenz eines Werwolfs zwischen zwei
Männern entscheiden muss? Die
Parallelen zu einem gewissen Hype
namens „Twilight“ sind zweifellos
unverkennbar, zumal „Red Riding
Hood: Unter dem Wolfsmond“ sogar von
der Regisseurin des ersten Teils der
Vampir-/Werwolf-Reihe inszeniert
wurde. Abgesehen von den verdächtig
übereinstimmenden Mustern lässt sich
jedoch erkennen, dass die Filme sehr
verschieden sind. Hardwickes
Neuinterpretation der traditionellen
Rotkäppchen-Geschichte ist im
direkten Vergleich ein waschechter
Horrorfilm, in dem Romantik ein
wichtiger, aber nicht grundlegender
Bestandteil der Handlung ist. Wie
bei
„Outlander“, „Der dreizehnte
Krieger“ und „The Village“ liegt der
Fokus vielmehr auf der drohenden
Gefahr von außerhalb, die viele
Leben kostet und eiligst dezimiert
werden muss, bevor die Einwohnerzahl
des Dorfes gen Null sinkt.
Als solcher begeht er eine der
größtmöglichen Sünden, die ein
Genrefilm beinhalten kann: er ist
kein bisschen schaurig, stimmig,
spannend. Dass die Angriffe der
Bestie der Altersfreigabe ab 12
entsprechend blutarm ausfallen, ist
eine Sache, doch Hardwicke vermag es
nicht, das regelmäßige Anschleichen
der Kreatur und das Bangen um die
Figuren fesselnd und relevant zu
machen. Das, obwohl es sogar relativ
gelungen ist, die Identität des
Wolfes geschickt genug zu
verstecken.
Dass „Red Riding Hood“ nahezu keine
Stimmung aufkommen lässt, enttäuscht
insbesondere hinsichtlich der Optik.
Obgleich es bei geübtem Auge hin und
wieder auffällt, dass das Dorf ein
Set und kein eingeschneites Nest im
wäldlichen Nirgendwo ist, ist es ein
visuell sehr ansehnlicher Film, der
in vielen schicken Bildern und
darüber hinaus sehr geschmeidig
inszeniert ist. Der untermalende
Soundtrack ist nicht schlecht, fällt
aber nicht ganz so positiv auf. Der
Wolf? Leider gibt es keine einzige
Verwandlungsszene, aber das Tier an
sich ist trotz offensichtlicher
Künstlichkeit passabel gemacht. Eine
völlige Fehlentscheidung ist es
indes, den Wolf via
Gedankenübertragung sprechen zu
lassen.
Ob der Film Amanda Seyfrieds („Jennifer’s
Body“, „Chloe“, „Mamma Mia!“)
Karriere pushen mag? Da der Film
weltweit eher enttäuschend lief,
sieht es nicht danach aus, zumal der
blonde Engel als verirrtes
Rotkäppchen nur solide Leistung
abgibt und sie größtenteils nur ihre
großen (keine Doppeldeutigkeit
beabsichtigt) Kulleraugen sprechen
lässt. Gelangweilt hinzu telefoniert
hat sich Gary Oldman, der als
Superkrieger des Vatikans machen
darf, was ihm am meisten liegt:
Reden schwingen, Autorität
ausstrahlen, Kommandos brüllen und
bei all dem ein wenig verrückt
wirken. Für Filmfans nichts neues,
doch wie immer gute Arbeit Oldmans.
Die einzigen anderen nennenswerten
Namen sind Billy Burke (Bellas Vater
aus „Twilight“), der erst kürzlich
als mauer Bösewicht in
„Drive Angry - Fahr zur Hölle“
zu sehen war, der hier ebenfalls den
Vater der Hauptrolle abgibt, als
solcher aber kaum zu sehen ist, und
Julie Christie als mysteriöse
Großmutter, die in einer abgelegenen
Waldhütte wohnt und dafür sorgt,
dass alle Elemente des allgemein
bekannten Märchens (teils albern) im
Film vorkommen (inklusive den
Wackersteinen, dem Picknickkorb und
der Fragerei, wieso die Großmutter
so große Ohren, so große Augen und
so große Zähne hat). Amüsant ist die
Erinnerung daran, dass Christie
bereits einmal mit einem Rotkäppchen
zu tun hatte - im Giallo "Wenn die
Gondeln Trauer tragen". Völlig
schwach sind die beiden Herzbuben
des Films, die als spießiger Schmied
und rebellischer Holzfäller um die
Hand Rotkäppchens buhlen. Es mag am
Script liegen, doch während Taylor
Lautner und Robert Pattinson in den
„Twilight“ Filmen zumindest amüsant
schlecht darin sind, die übermäßig
melodramatischen und kitschigen
Liebesflüstereien Stephenie Meyers‘
zu formulieren, rattern die beiden
„Red Riding Hood“ Boys ihre
Bekundungen völlig trocken und
charakterlos herunter. In dieser
Hinsicht ist der Film sogar
schlechter als
„Twilight“, da er diesbezüglich
nicht einmal unfreiwillig amüsant,
sondern nur langweilig ist.
Glücklicherweise lässt sich das
nicht über den gesamten Film sagen,
da Hardwicke losgelöst vom
Meyers-Mythos bessere Arbeit
erbringt. „Red Riding Hood“ ist
kompetent visualisiert, weist keine
Längen auf, lässt sich von keinem
künstlich aufgezwängtem Liebespathos
bremsen (wobei der Film mit
fähigeren Schauspielern durchaus
auch als romantisches Stück hätte
funktionieren können) und macht die
"Wer ist es?" Frage zum zumindest
mittelmäßig interessantem Spiel. Die
Horrorelemente sind leider nur zum
kleinsten Teil eingestreut, hat der
Film doch leichten Touch alter
Horrorklassiker wie "Schrecken vom
Amazonas" und "Der Wolfsmensch" und
hätte gerade diesbezüglich - auch
ohne extremes Blutvergießen ala dem
"The Wolfman" Remake - mit mehr
Elan sehr interessant werden können.
Fazit:
"Red Riding Hood" ist kein blasser
"Twilight"-Abklatsch im Mittelalter,
ist trotz einiger Stärken (Optik,
Oldman, Regie) und kompetenter
Umsetzung jedoch nicht wesentlich
besser. Als Romanze funktioniert er
nicht, da Seyfrieds Gegenüber
talentfreie Zonen sind, für einen
Horrorfilm ist er zu lasch und
spannungsarm umgesetzt. Ein nur
mittelmäßiger Mix aus beidem.
4,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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