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Kritik:
Rio


von Christian Westhus

RIO (2011)
Regie: Carlos Saldanha
Darsteller: -

Story:
Der blaue Ara Blu landet durch Zufall in einer amerikanischen Kleinstadt und wächst unter Menschen, genauer, mit Menschenfreundin Linda auf. Als er zum Erhalt seiner Art nach Rio gebracht wird, gerät er an Ara-Dame Jewel, aber auch an kriminelle Vogelhändler. Der domestizierte Blu und die freiheitsliebende Jewel stürzen nun in ein turbulentes Abenteuer, quer durch das farbenprächtige Rio zur Karnevalszeit.

Dank an 20th Century Fox

Kritik:

Samba in Rio. Das ist natürlich die ideale Vorlage für ein kunterbuntes Familienabenteuer im dreidimensionalen Gewand eines Computeranimationsfilms. Da darf man sich mal so richtig austoben, um mit Schwung und visueller Übersaturierung kurzweiliges Entertainment zu schaffen. Das ist eigentlich auch einigermaßen gelungen und zumeist unterhaltsam, bei einer gewissen musikalischen Flexibilität, aber um im mittlerweile stark überwucherten Angebotsdschungel der Animationsfilme herauszuragen, fehlt am Ende noch das gewisse Etwas, ein markantes Element oder einfach größere Klasse, als der hier präsentierte, fraglos unbedenkliche Durchschnitt.

Die musikalische Flexibilität dürfte dabei für alle über 8 Jahren zum entscheidenden Faktor werden, denn Regisseur Carlos Saldanha, der zuvor die „Ice Age“ Filme inszenierte, mag sein Rio, seine Heimat, am liebsten laut, schrill und in überdrehter Dauerbeschallung. Das mag vielleicht der brasilianischen Realität und Lebensart entsprechen, insbesondere zur Karnevalszeit, aber dass unsere tierischen, zumeist gefiederten Hauptfiguren ständig in Tanz- und Gesangsnummern ausbrechen, sorgt manches Mal für betretenes Zähneknirschen. Besonders, wenn sich Gangster-Affen auf „I like to move it“ Niveau verausgaben und übergewichtige Vögel im gestenreichen Sprachgesang Flirt-Tipps verteilen. Überhaupt ist die Musik zu deutlich fixiert auf Hip Hop und R’n’B, statt den Samba deutlicher zu feiern. So ist eine größere Nebenfigur derart offensichtlich seinem US-Sprecher, Will.i.am von den Black Eyed Peas, nachempfunden, dass große Zweifel aufkommen, ob der deutsche Culcha-Candela-Ersatz da mithalten kann. Nicht, dass Will.i.ams Auftritt so großartig wäre, gehört er doch eher zu den überzuckerten Nervfaktoren des Films, aber die Figur passte zusammen.

Da muss die deutsche Sprachfassung kreativ werden, weil es mangels Synchronpendant Neues zu probieren gilt. Statt aber die deutschen Synchronsprecher für die Hauptsprecher Jesse Eisenberg und Anne Hathaway zu engagieren, dürfen Jungschauspieler David Kross und Moderatorin Johanna Klum ihr Glück versuchen. Gerade Hauptvogel Blu, der "Nerd-Bird" (Filmzitat) ist mit seinem idiosynkratischen und sehr vermenschlicht unsicherem Verhalten ein perfektes Pendant für Eisenberg. Diesen Casting-Coup kann Kross mit seiner beherzten Leistung natürlich nicht aufwiegen, macht seine Sache aber gut. Dabei funktioniert unser „Letztes Männchen seiner Art“ Ara Blu generell ganz gut als Hauptfigur, weil er nicht zu gewollt extra schrullig gemacht wurde. Das Leben als domestizierter Vogel erscheint ihm mit seiner Menschenfreundin Linda als annähernd perfekt, je nach Anzahl der Marshmallow im Kakao. In Rio muss Blu nun über den Tellerrand schauen und entdeckt eine Welt, die ihm zunächst fremd und gefährlich vorkommt, aber eigentlich natürlich sein natürliches Umfeld ist. Das gilt in ähnlicher Weise auch für Linda selbst, die ihren blauen Freund als Mann-Ersatz hält und sich nur selten aus der drögen Kleinstadt wagte, ehe sie nun im lärmenden Rio zu mehr Offenheit gezwungen wird. Lindas Wandel zur bewussten Veränderung und zu mehr Lebensfreunde entspringt am Ende aber nur holterdiepolter einer spontanen Einsicht. Der menschliche Part dient zu Slapstick und der ständigen Erinnerung, dass Blu zwischen zwei Welten schwebt, na ja, kriecht.

Blus Entwicklung - und damit der Großteil des Films – ist klassisch und damit vorhersehbar. Das Individuum bricht aus dem Bekannten aus, muss sich selbst und seine Bestimmung finden und das alles nach erfolgreicher Dekonstruktion mit erweitertem Horizont neu zusammensetzen. Derartiges hat man schon mehrere Male gesehen, aber immerhin wurde hier Bekanntes ganz nett und amüsant in frischer Umgebung aufbereitet. Blus unfreiwillige Erkundung einer neuen Welt steht im Zentrum, mit Jewel als ständige Triebfeder und Personifikation der Naturheimat. Dazu eine Flucht-in-Ketten-Thematik, die ganz offensichtlich auf das „was sich liebt, das neckt sich“ Prinzip von Buddy-Komödien herausläuft. Die eigentlich ernste, aber locker und ironisch präsentierte Vogelmafia-Komponente ist ebenfalls nur ein nötiger Impuls, um Flucht, Suche und Jagd spannend, tempo- und abwechslungsreich zu gestalten. Es funktioniert, hat größtenteils sympathische Figuren und ein ordentliches Tempo. Sogar der gefiederte Oberschurke funktioniert, wenn er nicht gerade zu singen anfängt.

Optisch ist „Rio“ seeeehr bunter Durchschnitt im aktuellen Animationszirkus. Beim finalen Karneval darf man sich tatsächlich kurz austoben, ansonsten geht es einmal quer durch Rio, mit teils ordentlichen, zumeist aber unspektakulären 3D-Effekten, die eine gute Dosierung von räumlicher Tiefe und Gimmickhaftigkeit für einen Familienfilm bietet. Für Fans von „Madagascar“ und den „Ice Age“ Fortsetzungen sicherlich ein turbulent-unterhaltsames Filmvergnügen, insgesamt harmlos und unauffällig, sowohl positiv, als auch negativ gemeint.

Fazit:
Bunt, laut und durchaus sympathisch, mit musikalischem Overkill der penetranten Sorte und einer 0815-Handlung, dafür mit netten Figuren und einer routinierten Inszenierung. Spaßig, ohne besonders lange im Gedächtnis zu bleiben.

4,5 / 10

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