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Kritik:
Planet der Affen: Prevolution


von Christian Westhus

PLANET DER AFFEN: PREVOLUTION (Rise of the Planet of the Apes, 2011)
Regie: Rupert Wyatt
Cast: Andy Serkis, James Franco

Story:
Eine Variation der Vorgeschichte zu „Planet der Affen“: Im San Francisco unserer Gegenwart forscht Will Rodman an einem Heilmittel gegen Alzheimer, an dem sein Vater erkrankt ist. Sein Serum, mit dem abgestorbene Hirnzellen reaktiviert werden sollen, wird an Affen getestet, bei denen es die Hirnfähigkeit und Intelligenz verstärkt. So hält sich Will den hochbegabten Schimpansen Caesar als Hausaffen, erzieht und unterrichtet ihn, bis Caesar auch die andere, unangenehme Seite der Menschenwelt kennen lernt.

Kritik:
„Take your stinky paws off me, you damn dirty ape.“ Fast 40 Jahre nach der „Schlacht um den Planet der Affen“ und zehn Jahre nach Tim Burtons reichlich verschmähter Neuauflage, wagen sich die „Maniacs“ von 20th Century Fox erneut an die haarigen Revoluzzer und fahren nun die ganz schweren digitalen Geschütze auf. Masken sind out und passé, also gibt „Gollum“ Andy Serkis per Motion-Capture Verfahren die Hauptfigur Caesar. Enorm teuer war der neue Blick auf die Anfänge der Affen-Revolte und so will man die zahlende Kinokundschaft natürlich auch mit aller Macht zur Kasse locken. Aber: „Planet der Affen: Prevolution“ ist kein Actionfilm. Das ist auch gar nicht schlimm, waren doch zumindest vier der fünf originalen Filme auch eher Abenteuerfilme mit mal mehr, mal weniger durchdachter satirischer Note. Es ist nur verwirrend, wurde es doch lange Zeit anders suggeriert. „Prevolution“ gibt sich nun als alternativer Teil 4, kann aber auch problemlos eigenständig laufen und sollte auch so gesehen werden. Er kommt komplett ohne Erinnerungen an Charlton Heston, Gummimasken und Co. aus, bietet hier und da aber dennoch kleinere oder größere Anspielungen, in Form von Zitaten oder gewissen Wahrzeichen, die in Affenhand natürlich besondere Wirkung erzielen. 

Damals musste man sich noch mit einem sich selbst bestätigenden Zeitreise-Paradoxon behelfen, um die so langsam ausgetretene Reihe interessant zu halten. „Prevolution“ kappt die Verbindungen zu Schimpansen-Paar Cornelius und Zira, obwohl auch deren Sohn Caesar hieß und natürlich deutliche Parallelen zum Serkis-Caesar aufweist. Der Neue ist dank der atemberaubenden Tricktechnik der Weta-Studios nun erstmalig ein richtiger Schimpanse. Im Gegensatz zu Gollum oder den Na’Vi aus „Avatar“, ist es natürlich wesentlich schwieriger, computergenerierte Affen als real anzunehmen, weiß man doch in der Regel, wie die Kerle aussehen. Bei 100% sind wir tricktechnisch immer noch nicht, was aber nach wenigen Minuten komplett weggeblasen ist. In nahezu allen Szenen und Einstellungen geht die digitale Herangehensweise voll auf und offenbart einen ganz neuen Gefühlskosmos, auch dank der großartigen Leistung des „unsichtbaren“ Darstellers Andy Serkis, der hier das bisherige Highlight seiner Karriere abliefert; eine grandiose, lebendige Verkörperung einer nicht menschlichen Figur. Es wird Zeit, dass Serkis die Anerkennung erhält, die er verdient.

Aber was für ein grandioser Film ist es ohnehin geworden, dieses finanzielle Vabanque-Spiel, das sich bis zuletzt unsicher anfühlte. Die Parallelen zu Teil 4 der originalen Reihe sind deutlich und doch atmet dieser Film eine ganz andere Luft, gibt sich größer, emotionaler, wuchtiger und selbstbewusster. Man sollte die für beide Seiten unfairen Vergleiche wahrscheinlich komplett unterlassen, aber „Prevolution“ ist ein derartiges Mordspfund eines als Blockbuster getarnten Dramas, dass man geneigt ist, das unsagbare Sakrileg zu begehen: Das hier ist der beste „Planet der Affen“, der bisher gedreht wurde. Das tolle Script, das so emotional, clever und perfekt ausbalanciert ist, entscheidet sich gegen einen spirituellen Evolutionsansatz, um die plötzliche Weiterentwicklung der Affen zu erklären, und stattdessen für eine wissenschaftliche Herangehensweise, was tatsächlich ausgesprochen gut funktioniert. Die Menschen schaufeln sich mit ihrer Forschung, mit ihrem Willen zu Veränderung, mit der Manipulation der Natur, ihr eigenes Grab. Abgesehen davon ist der Film von all den soziopolitischen Subebenen befreit, in denen sich die alten Filme auf Dauer selbst verhedderten. „Prevolution“ fokussiert sich größtenteils stark auf das Individuum Caesar und formuliert eher einen hoch emotionalen Aufruf zu Selbstbestimmung, persönlicher Freiheit und Zugehörigkeiten zu Familie und Rasse. (Wer da unbedingt die Sklaverei-Keule schwingen will – bitte sehr.) 

Und damit ist man wieder bei Serkis, ohne den dieses riskante Unterfangen mit dem Charakter Caesar nie gelungen wäre. Mit subtiler Gestik und noch beeindruckenderem Mienenspiel wächst Caesar uns wie auch James Francos Will ans Herz. Die ungewöhnliche Familiensituation, inklusive Wills Alzheimer krankem Vater, wird mit viel Geduld und Feingefühl entwickelt. Man ist immer wieder geneigt zu betonen, dass die Entwicklung Caesars, das neugierig Kindliche, das rebellisch Jugendliche, für einen Affen und für eine komplett computergenerierte Figur beachtlich und lobenswert ist. Aber das ist es auch an sich. Caesar ist ein enorm faszinierend entwickelter Charakter, der irgendwann beide Seiten, schwarz und weiß, der Menschenwelt erlebt und auf seine Weise durchschaut. Es geht von einem Gänsehautmoment zum nächsten, wenn Caesar einen Mammutbaum erklimmt oder wenn er sich später, in einem schon jetzt ikonischen Mega-Moment, gegen einen aufdringlichen Menschen behauptet und einen Entschluss fasst. Caesar reflektiert, fühlt, leidet und revoltiert schließlich, mit verblüffender Intelligenz und Überlegtheit; Affe hin oder her. Mit zunehmender Laufzeit reißt er den Film und damit auch die Erzählhaltung beinahe vollständig an sich und drängt James Franco und dessen kommentierende Tagebuch-Narration stark in den Hintergrund. 

Die Befreiung und Revolte ist so spannend wie faszinierend, weil sie psychologisch fundiert und stark inszeniert ist. Obwohl der Film durchgängig sehr hell und in freundlichen Farben gehalten ist, kommt er mit einer enormen Wucht daher, die sich immer weiter steigert. Die absolut glaubwürdige, subtil angelegte Wut der Primaten entlädt sich am Ende im kurzen Actionhöhepunkt, der aber keineswegs bloß ein spektakulärer Bombast-Abschluss um des Bombast-Abschluss-Willens ist. Selbst in der Action ist dieser Film wuchtiger, packender und emotionaler, als das meiste Vergleichbare. Genau das verpassen viele große, vermeintliche „Publikums“ Filme, dass uns die handelnden Figuren etwas bedeuten. Dazu veranstaltet die Kamera einige sehr mitreißende, computerunterstützte Ausflüge, die mit der Zunge schnalzen lassen. Unter den Affen ragt Caesar natürlich hervor, aber es gibt haarige Nebenfiguren, wie einen unheimlich-majestätischen Orang-Utan oder die tobende Naturgewalt eines Gorillas, sowie weitere Schimpansen, die ebenfalls ernstzunehmende Charaktere und Figuren sind. Es ist ein Szene-Wort, aber mit zunehmender Laufzeit quillt der Film förmlich über vor „epischen“ Szenen, Momenten aus purer Kraft und Emotionalität, unterstützt von einem Score, der die richtige Dosis Pathos und Melodramatik versprüht. Dass man bei größeren Gruppen mitunter den Überblick verliert, welcher Affe gerade wo herumrennt, ist natürlich klar. Im Detail jedoch sind sämtliche wichtige Figuren ausreichend und niemals aufgesetzt gekennzeichnet und bekommen alle ihre großen Momente, bis hin zum fantastischen Ende, bei dem man gleichzeitig applaudieren und heulen will, vor Rührung und Freude, über magische Momente und einen Big-Budget-Film (von Fox!), der mit seinen Figuren, seinen Ideen und seiner Handlung nahezu alles richtig macht. 

Meckern muss man wenn überhaupt auf schwindelerregend hohem Niveau und beschränkt sich dabei in erster Linie auf die Menschenhandlung. Die Forschung im High-Tech Labor ist routiniertes Allerlei in klinischem Weiß, mit einem wissenschaftlichen Geschäftsmann, dessen Geldgier ein wenig zu offensichtlich ist. Freida Pinto dient in ihrer Rolle als Francos Freundin nur als Spiegel für Caesar, dass ihm ein Partner fehlt. Mehr hat sie nicht zu tun, was angesichts manch unrunder Dialogzeile vielleicht auch besser ist. Dass ausgerechnet „Draco Malfoy“ Tom Felton den eindimensional bösen Bengel im Affenheim geben muss, irritiert ein wenig, obwohl der junge Mann zweifelsfrei mehr kann. Auch könnte der Kontrast, zwischen Familienidylle mit James Franco und Käfigdasein im gelinde gesagt „unsauber“ geführten Affenheim, kaum offensichtlicher sein. Im pragmatischen Kapitalismus gleicht Brian Cox aber dem Anzugtypen aus dem Labor, was dann irgendwie wieder passt. Und dass er ein paar sehr viele Affen beherbergt, fällt zwar auf, stört aber nicht wirklich. Der Rest ist ne Wucht. „Planet der Affen: Prevolution“ ist kein intelligentes Popcornkino, sondern ein enorm faszinierendes, hochemotionales, nie langweiliges und vielschichtiges Blockbuster-Drama mit einem brachialem Showdown und enormen Budget.

Fazit:
Ein Knüller. Eine großartige Story mit brillanter Hauptfigur, großer Emotionalität und mehr Gänsehautmomenten, als man zählen kann. Was stört sind Kleinigkeiten, denn ansonsten ist es ein Genuss, mit brillanter Tricktechnik, glaubwürdigen Affen und einem fantastischen Andy Serkis, den man hinter der digitalen Maske jederzeit spürt. Groß.

9 / 10

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