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Kritik:
Planet der Affen: Prevolution


von Christian Mester

PLANET DER AFFEN: PREVOLUTION (Rise of the Planet of the Apes, 2011)
Regie: Rupert Wyatt
Cast: Andy Serkis, James Franco

Story:
Eine Variation der Vorgeschichte zu „Planet der Affen“: Im San Francisco unserer Gegenwart forscht Will Rodman an einem Heilmittel gegen Alzheimer, an dem sein Vater erkrankt ist. Sein Serum, mit dem abgestorbene Hirnzellen reaktiviert werden sollen, wird an Affen getestet, bei denen es die Hirnfähigkeit und Intelligenz verstärkt. So hält sich Will den hochbegabten Schimpansen Caesar als Hausaffen, erzieht und unterrichtet ihn, bis Caesar auch die andere, unangenehme Seite der Menschenwelt kennen lernt.

Kritik:
Ein paar Affen brechen aus dem Zoo aus und erobern die Welt. Diesen völlig affigen Eindruck vermittelte die Vorschau zum auch noch haarig betitelten Planet der Affen: Prevolution, der sich 2011 in die elendig lange Reihe unnötig aufgewärmter Klassiker einreiht. Zuletzt hatte es bereits Tim Burton (Alice im Wunderland) versucht, bot letztlich aber einen nur mauen Actionfilm mit exzellenten Affenmasken. Da seine Schmach verjährt ist, versucht es der relativ unbekannte Rupert Wyatt (The Escapist) auf ein Neues. Um den Stand seines Teils zu klären: es ist kein zweiter Teil zum Burton-Film, kein Prequel und auch kein neues Remake. Der Film ist ein kompletter Reboot, da er die sechs anderen Teile nicht nachäfft. Zwar gab es auch im alten vierten Film Die Eroberung vom Planet der Affen einen Caesar, der brusttrommelnd die Welt eroberte, doch bis auf das gleiche Knochengerüst haben jener und der neue nichts miteinander gemeinsam.

Man darf sich direkt von zwei frühen Vermutungen verabschieden: Entgegen der Prämisse ist der Film kein Actiontitel, und es ist in der Tat absolut plausibel erklärt, wie ein paar verlauste Affen die Welt der Menschen stürzen können. Hinsichtlich der Action lässt sich sagen, dass sie durchaus vorkommt, aber nie des Selbstzwecks wegen drin ist. Wer nur dafür kommt, Affenamok gegen US-Militär zu sehen, kommt zu kurz, bleibt aber für den Rest, gefesselt. Es scheint offensichtlich, dass sich hier niemand vor allem anderen überlegte, was coole Actionszenen mit Affen sein könnten, auch wenn sie am Ende drin - und gut sind. Der finale Chimp-Showdown auf der Golden Gate Bridge ist packend, packender als die diesjährige Hirnflucht Transformers 3: Menschheit 0. Der neue PDA ist dabei weniger spektakulär oder destruktiv (die Ape-Vasion am Ende des Films ist sogar noch kleiner, als es die Trailer erahnen ließen), hat aber, was die Stahlkolosse Bays trotz Energon und Matrix of Lealdership missen: Seele.

Herz des Films ist Andy Serkis, der in einer der besten schauspielerischen Leistungen des Filmjahres (!) einen durch und durch faszinierenden Affen spielt, dessen mimische Bandbreite den der meisten anderen Menschenrollen des Jahres sprengt. Der Film, der größtenteils Caesars Aufstieg vom nuckelnden Chimp-munk bis hin zum gefürchteten Affenkönig zelebriert, zeichnet ein ungeheuer detailreiches Aufwachsen des Tieres, das durch seine veränderte Genetik über sich hinaus wächst und ungeahntes Weltverständnis erreicht. Er wird nicht zum bebrillten Hipster, der Sokrates liest und Molekularbiologie auf Klingonisch studiert, sieht und versteht aber weit mehr als seine Artgenossen, was seine Weltsicht schleichend ändert. Es ist schon faszinierend genug, Caesar als authentisch portraitiertes Tier zu sehen, doch sein Schicksal als weltveränderndes Wesen fesselt und ist mit Gänsehaut-schaffenden Wow-Momenten gespickt. Realisiert wurde Caesar mithilfe der Mo(tion-)Cap(ture-)Technik von WETA, mit der schon Serkis‘ andere Figuren Kong und Gollum umgesetzt wurden. Interessant zu wissen ist dabei, dass Serkis nicht bloß Vorbild war: er spielte jede der schwierigen Affenszenen selbst, wobei seine Mimiken und Gestiken akkurat auf den digitalen Schimpansen übertragen wurden. Dass die Affen trotz bestmöglicher Technik nie unverwechselbar echt aussehen, spielt keine große Rolle, da man Caesar, wie auch die vielen anderen Affen umgehend als atmende, greifbare Filmfiguren akzeptiert. Dass sie nichtmenschlich sind und sich langsam ins Menschsein hinein finden, erstaunt, berührt - und ist unheimlich.

Planet der Affen: Prevolution ist aber nicht bloß Schimpansendrama, denn neben der zuerst putzigen, später spannenden Evolutionsgeschichte ist es zudem Science-Fiction-Thriller der Sorte "verhängnisvolle Wissenschaft". James Franco spielt den forschenden Wissenschaftler, der auf Biegen und Brechen ein Heilmittel gegen Hirnkrankheiten sucht. Er ist kein Mad Scientist, der Fäuste schüttelnd bei Blitz und Donner an Apparaturen herumdrückt und finster lacht, aber ein naiver Tüftler, der um das Leben seines Vaters bangt, bis er selbst unverhofft zum Affen-Frankenstein wird. Viele Kritiker sehen James Franco (grandios in 127 Hours) als hölzern und einfach spielend - was stimmt. Es ist jedoch absichtlich so gehalten um die Menschlichkeit der Affen noch stärker zu betonen, was sich in allen anderen menschlichen Figuren widerspiegelt. Brian Cox (der Bösewicht aus Filmen wie X-Men 2, Die Bourne Verschwörung und Troja) und ‚Draco Malfoy‘-Darsteller Tom Felton agieren als nur-fiese Zoowärter, David Hewlett ist ein nur-aufgebrachter Nachbar, David Oyelowo ein nur eiskalter Geschäftsmann, Freida Pinto als Francos nur-hübsche Freundin. Trotz der Einfachheiten der Rollen ist jedoch keiner von ihnen je schlecht – sie alle sind wichtige Stolpersteine, die Caesar effektiv auf seinen Weg bringen, und bis auf Pinto bekommen alle mindestens eine gute Szene spendiert. Der einzige Mensch, der mit Caesar gleichkommt, ist Francos Vater, im Film vom starken John Lithgow gespielt. Der Alzheimer-Erkrankte sieht seine menschliche Komplexität schwinden, was im tollen Kontrast zu Caesars steigender steht. Etwa die Hälfte des Films gebührt den Menschen, wobei sich hier die einzige wirkliche Schwäche findet – sie ist essentiell für die andere, aber nicht vergleichbar gleichauf.

Bei allem Lob gebührt das größte jedoch dem Regisseur. Was ein plumper, stupider, unterhaltsamer aber keineswegs denkwürdiger Action-Reißer ala I am Legend oder I, Robot hätte werden können, wird von Rupert Wyatt zielsicher mit starken Dramenqualitäten versehen. Mit großer Subtilität erwirkt er Gefühle, ohne je an Dynamik zu verlieren –der Film fühlt sich trotz stark aufgeschmierten Anspruchs immer wie ein leichtgängiger Blockbuster an. Es ist ein Film, der ständig gekonnt zwischen Spannung, Fun, Gefühlen, Action und tiefer gehenden Motiven wechselt, ohne je irgendeine mögliche Zielgruppe auszuschließen, ohne je blödes CGI-Blendwerk oder trockenes Dialogdrama zu werden. Nun ist das Original für seine sozialkritischen Motive bekannt (ein Republikaner wacht in einer von schwarzen, Menschen ähnlichen regierten Welt auf? Für ihn: Horrorvision, also willige Playmate-Wildfrau geschnappt und Revolte eingeleitet) und bot menschenrechtliche und philosophische Diskussionsansätze, doch in Planet der Affen: Prevolution ist dies weit weniger plakativ aufgetragen. Zwar stellt man die Frage, was Menschsein ausmacht, wann Sklaverei eben solche ist, wohin uns Wissenschaft führen mag, doch all das geht Wyatt unterschwelliger an. Intelligenter. Da es zum Aufhänger Planet der Affen bereits sechs Filme, zwei Fernsehserien, Comics und Bücher gibt, vergisst Wyatt auch die alten Fans nicht. Wer hinschaut, was im Fernsehen-im-Film zu sehen ist, womit Klein-Caesar spielt, was so mancher ausspricht (Felton bekommt gleich zwei klassische Zitate), darf wissend schmunzeln. Ob Caesars Erbe anschließend noch in die Verlängerung gehen mag? Es bleibt anzuzweifeln, dass man Caesars bemerkenswerten Lebensweg nochmals derart gut hinbekäme, doch da schon dieser lässig Bananen schälend sämtlicher Skepsis trotzt, darf es dazu kommen. So unterhaltsam darf die Erde gern öfter untergehen.

Fazit:
Ape
-ocalypse Now! So und nicht anders macht man ein Reboot. Ähnlich wie Batman Begins rechtfertigt diese Neuschöpfung ihr Dasein durch drastischen Stil- und Handlungswechsel, ohne die geliebten Ursprünge aus den Augen zu verlieren oder sie schlechter zu zeigen - im Gegenteil. Der neue Planet der Affen ist der beste seiner Reihe. Das Resultat ist sogar einer der besten Event-Filme des Jahres, der als phänomenale Mischung aus bewegendem Charakterdrama und gutem Sci-Fi-Thriller überzeugt. Ein Pflichtfilm.

9 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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