BG Kritik:

Raum - Room


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Room (Irland, Kanada 2016)
Regisseur: Lenny Abrahamson
Cast: Brie Larson, Jacob Tremblay

Story: Jack (Tremblay) ist fünf Jahre alt. Seine gesamte Welt besteht aus „Raum“, der kleinen, abgeschirmten und verschlossenen Gartenhütte, in die seine Ma (Larson) vor sieben Jahren entführt und eingesperrt wurde. Doch bald glaubt Ma, Jack sei alt genug zu erfahren, dass es eine Welt, eine richtige Welt, hinter den Wänden von „Raum“ gibt.

Brie Larson gewann den Oscar als beste Hauptdarstellerin, aber was kann der Film, mit dem ihr dies gelang?

Drehbuchautorin Emma Donoghue adaptierte hier ihren eigenen Roman.


Filme können nahezu alles und so sehr sie uns auch in aufregende, spannende und unterhaltsame Welten mitnehmen können, so können sie uns auch mit den harten Fakten der Realität konfrontieren. Wie wir im Laufe von „Raum“ erfahren, wurde Joy (Larson) vor sieben Jahren von einem ihr unbekannten Mann entführt, in eine hermetisch abgeriegelte Gartenhütte gesperrt und seitdem gefangen gehalten. Man kennt leider ausreichend reale Beispiele ähnlicher Fälle von Entführungen, Gefangenschaften und dem Leid durch diese Gefangenschaft. Es gibt verschiedene Wege, eine solche Geschichte zu erzählen, verschiedene Wege, daraus einen Sinn oder eine Wirkung zu erzielen. Regisseur Lenny Abrahamson und Roman-/Drehbuchautorin Emma Donoghue wollen uns mit „Raum“ gar keinen Schlag in die Magengrube verpassen, doch ihre Figuren verraten, um simple Sentimentalitäten zu ernten, wollen sie auch nicht. Man will seine Zuschauer nicht vertreiben, ihnen aber auch nicht vorgaukeln, die Situation von Ma und Jack wäre in irgendeiner Form leicht.

Die Klaustrophobie von Raum, der kleinen, vierwändigen Welt des kleinen Jack, wird lange nur unterschwellig spürbar. Wir sehen regelmäßige Fitnessübungen und sehen sehr wohl, wie Jacks „Runden“ in seiner Welt in zwei, drei Schritten vollzogen werden, doch die wirkliche Enge trifft uns erst später. Old Nick, wie Jack und Ma den Mann nennen, den Entführer, der regelmäßig mit sparsamen Lebensmittelrationen und der zur schockierenden Routine gewordenen sexuellen Gewalt Raum betritt, verbreitet als fremdes Gravitationszentrum ein ganz neues Gefühl von Enge. Und dennoch: „Raum“ ist kein düsterer Blick in eine Hölle aus Leid und Finsternis, kein Film, der sich in Schocks suhlt. In gewisser Weise ist „Raum“ vielmehr interessiert an dem, was nach bzw. durch so eine Erfahrung übrig bleibt. (Das Werbematerial zum Film gab von Beginn an recht bereitwillig Auskunft darüber, wie sich die Handlung des Films in der zweiten Hälfte entwickeln würde. Diese Kritik nimmt die Trailer als Basis. „Raum“ ist kein Film bestehend aus Twists und großen Wendungen, sondern ein menschlich-emotionales Drama. Wer dennoch unbefangen bleiben will, sollte nun zum Fazit springen.)

Larson und Shailene Woodley (Divergent) waren die letzten beiden Kandidatinnen für die Hauptrolle.


Jack lebt eine Notlüge. Seine Ma Joy ließ ihn aufwachsen mit dem Glauben, hinter den Wänden von Raum sei das Weltall und sonst nichts. Jack glaubt, er sei auf magische Weise durch das Oberlicht zu seiner Ma gelassen worden, sieht den Fernseher als zweidimensionale Theaterbühne, auf der Nachrichtensprecher so real sind wie Zeichentrickfigur Dora the Explorer – nämlich gar nicht. Jack glaubt, er und Ma seien die einzigen Menschen der Welt, denn Old Nick wirkt nicht unbedingt wie ein Mensch. Von Mas vorherigem Leben in der Außenwelt weiß Jack so wenig, wie von ihrem grauenhaften Schicksal als Entführungs- und Vergewaltigungsopfer. Wir wissen all dies, weil Jack es uns sagt. In wohl dosierten Off-Einspielern schildert Jack, wie er seine Welt versteht. In Raum beschreibt er alles personalisiert und ohne Artikel; Raum ist nicht ein Raum sondern eben Raum, der Name der Welt. Jack kümmert sich um Pflanze, schaut durch Oberlicht in Weltall und badet mit Ma in Wanne. Er sagt uns, wenn er wütend auf Ma ist oder wenn er Old Nick nett findet, da dieser ihm Geschenke macht. Diese unterschwellig schockierende, aber enorm faszinierende Perspektive ist der große Reiz dieser Geschichte. Durch die Augen eines Kindes nehmen wir eine Extremsituation wahr und nehmen daran teil, wie Jack versucht darin zurecht zu kommen. Wir wissen mehr als er, erkennen was passiert wenn Jack, versteckt im Kleiderschrank, das regelmäßige Bettknatschen zählt, jedes Mal wenn Old Nick vorbeikommt.

Dann ist Jack plötzlich frei. In einer fantastischen Sequenz, die fesselt und den Atem stocken lässt, auch wenn man Werbematerial und Romanvorlage kennt, gelingt Jack die Flucht aus Raum in eine Welt, die für ihn gestern noch überhaupt gar nicht existierte. Für Joy ist es eine lange ersehnte Rückkehr, doch für Jack ist es die allererste Begegnung mit etwas Fremden. Während Polizei, Ärzte, Medien und Joys Eltern um die Geretteten schwirren, verändert sich auch die Beziehung zwischen Joy und Jack. Sein komplettes bisheriges Leben auf knapp vier-mal-vier Metern ausschließlich an seine Ma gebunden, schiebt sich nun eine Distanz, eine neuer Raum zwischen Mutter und Sohn. Plötzlich wird die vermeintliche Unendlichkeit dieser Welt beengend. In Raum kannten Ma und Jack jeden Fleck, jedes Detail, doch plötzlich offenbart sich auch der Wissens- und Erfahrungsvorsprung der erwachsenen Frau gegenüber einem Fünfjährigen.

Brie Larson und Jacob Tremblay sind ein fantastisches Team, die das faszinierende Wesen in und außerhalb von Raum in jeder Minute spannend und emotional gestalten. Es sind dankbare Rollen, doch beide leben diese voll aus und entwickeln sich zu einer spannenden Einheit, um deren Erhalt man mit jeder Minute stärker bangt. Durch den Wechsel von Roman zu Film büßt „Raum“ ein wenig an Details ein, hat nicht die Zeit (den Raum!), Regelmäßigkeiten zu etablieren und zerfallen zu lassen. „Raum“ der Roman war ein insbesondere sprachlich faszinierender Blick auf kindliche Wahrnehmung; diese Subjektivität reproduziert der Film gut, jedoch komprimiert. Abrahamson, Larson, Tremblay und Donoghue nutzen ihren Film stattdessen als visuelles Medium der Empathie und der Immersion. „Raum“ umkurvt zumeist die Gefahren der Rührseligkeit und bewegt dann sensibler Regie und fantastischer Darsteller.

Fazit:

Gelungene Umsetzung einer hervorragenden Romanvorlage; oder ganz alleinstehend ein bemerkenswerter und bewegender Film mit großartigen Darstellern.

8 / 10

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