Kritik:
Room in Rome
von Christian Mester
ROOM IN ROME
(2011)
Regie: Julio Medem
Mit: Elena Anaya, Natasha Yarovenko
Story:
Zwei junge Urlauberinnen, die sich
gerade erst kennengelernt haben, begeben sich gemeinsam
auf ein Hotelzimmer in Rom. Die lesbische
Alba will die zögerliche Natasha,
doch diese ist sich nicht sicher, ob
sie so etwas kann und will. Es beginnt
eine längere Unterhaltung in
offener Nacktheit, in der sich beide etwas
vormachen und lange unklar bleibt, was
wahr, was gelogen ist und wo alles
hinführt...
Kritik:
Ein Spielfilm über zwei Frauen, die
eine erotische Nacht in einem
römischen Hotelzimmer verbringen?
Das kann eigentlich nur bedeuten,
dass es ein anspruchsvoller, dialoglastiger französischer
Arthouse-Streifen ist, in dem viele
Tränen rollen oder aber - dass es exploitatives Gafferkino ist, das
unter der Maskerade eines
anspruchsvollen Dramas
verdächtig an Softcore-Pornographie
erinnert. Belanglose Nackedeien ala
"9 Songs" oder "Shortbus"?
"Room in Rome" sorgte im letzten
Jahr regelrecht für Aufsehen, da schon der
skandalträchtige Trailer zum Film verriet, dass die beiden
Damen fast den gesamten Film über
buchstäblich nackt sein würden. Im Grunde
macht sich der Independent-Streifen
dafür dieselbe Idee eines
"Buried:
Lebend begraben"
oder "Cube"
zu Nutze und fragt sich generell, ob
man aus wenigsten Personen und nur
einem Handlungsort einen ganzen Film
stemmen kann. Hier gibt es keine
cineastischen Morde, keine
Handgreiflichkeiten und keinen Kampf
gegen die Zeit, nur zarte Berührungen und
harmlose Dialoge zwischen zwei Fremden
(Frank Herbert bedauert: leider
nicht zwischen zwei Fremen). Genug, um Spielfilmlänge zu
füllen? Und wie viel Skandal steckt
nun im Skandalfilm?
"Room in Rome" beginnt mit einem
eleganten Schwenk über einen Balkon
in Rom: man sieht von einem
(fiktiven) Hotelzimmer aus, wie die
beiden Damen nach einem Party-Abend
das Gebäude betreten. Einen Moment
später kommen sie ins Zimmer,
entkleiden sich und legen los; der
Film endet später fast ebenso.
Obwohl es im Film nun mehrere Szenen
gibt, in denen sich die beiden,
zumeist splitternackten
Protagonistinnen tatsächlich sexuell
näher kommen, bleibt das nicht
alles. Die
Sexszenen sind vereinzelt
eingestreut und wirken wie
Wachmacher, Aufputschmittel, um die
äußerst stille Handlung immer wieder
anzutreiben. Regisseur Julio Medem setzt
seine Sexszenen wie Actionszenen in
einem Thriller ein
- Kern der Handlung sind letzten
Endes die anderen Szenen, die
Dialoge, in denen sich die beiden
Frauen nicht nur umgarnen, sondern
versuchen, mehr über die
andere zu erfahren.
Genau genommen wirken die Sexszenen
sogar fast störend für die
eigentliche Handlung, da sie jedes
Mal eintreten, droht ein ernsterer
Disput der beiden. Es werden
Abtreibungen, Misshandlungen,
Familienprobleme und andere
emotionale Kerker geöffnet, werden
aber stets eiligst wieder
geschlossen, da man sich jedes Mal
lieber der Lust hingibt und in die
Laken flieht. Zum Teil funktioniert
dieses
Hin und Her sehr gut, da beide
Darstellerinnen undurchsichtig
bleiben
und ein interessantes Spiel damit
getrieben wird, was nun echt und was
erfunden ist und durch den
ständigen Themenwechsel ständig
Platz für neue emotionale Problematiken
geöffnet wird,
doch bei finalem Verlassen des Raumes bleibt
man unzufrieden zurück. Keiner der
Charaktere findet zu einem
befriedigendem Abschluss, es fehlt
Katharsis. Viele der Dialoge sind geflüstert,
und da in Sachen Handlungen nichts
groß passiert und der ganze Film aus
einem langen geführten Dialog in einem
Zimmer besteht, zieht es sich ein
wenig, dass in den Dialogen nie
große Emotionen, oder zumindest ein
merklicher Streit hervorbricht. Dass
das ganze dennoch sehenswert wird,
ist den guten Darstellerinnen und
Medems Regie zu verdanken. Medem
lässt sein Erotikdrama ungeheuer
gemütlich aussehen und lullt mit
angenehmen Farben und einer
prickelnden Stille ein, bei der man
mitunter eine Stecknadel fallen
hören könnte. Trotz aller roher
Nacktheit ist "Room in Rome" jedoch
keine Exploitation im eigentlichen
Sinne - die Frauen werden zwar in
Gänze unverhüllt gezeigt, jedoch nie
kameratechnisch übersexualisiert,
wie es bei Megan Fox und den FSK 12
"Transformers"-Filmen beispielsweise
der Fall war. Hinzu kommt, dass die
eigentlichen Sexszenen bescheiden
bleiben - es gibt keine großen
Nahaufnahmen und sie dauern nie
lange an. Man kann also sagen, dass
es nicht unbedingt ein banaler
Sexfilm mit Drameninhalten, sondern
eher ein sexlastiges Drama ist, das
auch ohne Sexszenen mit angezogenen
Figuren funktionieren würde.
Fazit:
"Room in Rome" ist ein zartes,
trotz aller Schamlosigkeiten nie
ausnahmslos voyeuristisches
Erotikdrama, das aus einem reinen
One Night Stand einen interessanten
Charakterabend macht. Wer nur des
Visuellen wegen hinzu stößt, der mag
zwar auf seine Kosten kommen,
langweilt sich aber recht schnell am
andauernden Dialog. Wer mehr als
nackte Haut sehen will, bekommt ein
nicht allzu emotionales, aber
charmantes, angenehm gefilmtes
Drama, das sich sehen lassen kann.
6 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
> Deine Meinung
zum Film?
|