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Kritik:
Der Geschmack von Rost und Knochen


von Christian Westhus

DE ROUILLE ET D'OS
(2013)
Regie: Jacques Audiard
Cast: Matthias Schoenaerts, Marion Cotillard

Story:
Ali (Schoenaerts) muss sich um seinen kleinen Sohn kümmern und verlässt Belgien in Richtung Frankreich, um bei seiner Schwester zu leben. Finanziell und beruflich ohne große Perspektive, trifft Ali auf Schwertwal Trainerin Stéphanie (Cotillard), die nach einem schrecklichen Unfall stark zurückgezogen lebt.

Kritik:
Jacques Audiard macht erst seit 1994 als Regisseur Filme. „Der wilde Schlag meines Herzens“ war 2005 ein erster beachtlicher Fingerzeig, doch so wirklich katapultierte sich Audiard erst 2010 in die High Society des europäischen Films. Mit seinem fünften Film „Ein Prophet“ war Audiard plötzlich einer der gefragtesten Männer in Film-Europa. Film #6, „Der Geschmack von Rost und Knochen“, ist ein erneuter Ausdruck von Audiards Können, der Fusion aus Kraft, Gewalt und Sensibilität. Die Geschichte zweier Außenseiter, die nach diversen Schicksalsschlägen auf einander treffen und zu einander finden, klingt zunächst banal. Zwei gebrochene Seelen, die sich nicht gesucht, aber gefunden haben und die einander auf die eine oder andere Art beeinflussen. In gewisser Weise könnte dies der Partnerfilm zu David O. Russels Erfolgsfilm „Silver Linings“ sein, der ebenso zwei geplagte Individuen zu einander führt. Die beiden Filme ähneln sich und sind sich doch grundverschieden. 

Es ist so oberflächlich wie unfair zu behaupten, an den beiden Filmen erkenne man den Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Kino; als wären alle Film jeweils immer mehr oder weniger gleich. Und doch ist „Der Geschmack von Rost und Knochen“ unmissverständlich europäisch. Rauer, gleichzeitig nüchterner, realistischer und dennoch heißblütiger. Audiard lässt seinen Figuren und seinen Darstellern Freiräume, stellt sie gleichzeitig vor immer neuere Herausforderungen. Subtil ist Audiards Film nicht, aber unfassbar intensiv. In entscheidenden Szenen entwickeln sich durch vermeintlich simple Mittel ein Sog und eine Bildgewalt, die begeistern. Das sind mal beeindruckende Einzelszenen, wie nahezu alle Szenen, die mit den Schwertwalen zu tun haben. Und dann sind es Charaktermomente, Momente der Zuspitzung, Annäherung und Abstoßung in der komplizierten Beziehung von Ali und Stéphanie. Es ist verblüffend, wie Audiard klar inszeniert, wie er durch Bild, Schnitt und Ton lenkt, jedoch den Darstellern gleichzeitig ausreichend Raum zur Entfaltung überlässt. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist auch ein Film, der aus einem Katy Perry Song eine Art Leitmotiv macht, das die Entwicklung und das Innenleben einer Figur wunderbar erweitert. Ja, so abwechslungsreich und widersprüchlich ist der Film, der mit Brutalität, Blut und emotionalen Tiefschlägen abstößt und mit einer hochemotionalen, so komplizierten wie einfühlsamen Liebesgeschichte wieder fesselt.

Audiards radikal-emotionaler Volldampf-Stil würde ohne starke Figuren und gute Darsteller nicht funktionieren. Oscar-Gewinnerin Marion Cotillard und der Belgier Matthias Schoenaerts, der durch das in Deutschland noch nicht erschienene Drama „Bullhead“ bekannt wurde, sind eine Offenbarung. Schoenaerts als Ali leitet den Film, führt durch ihn, obwohl er ein zielloser Gescheiterter ist, der ein Kind aufs Auge gedrückt bekommt und weder das Geld, noch die Zeit und nur selten die Lust hat, sich um den Jungen zu kümmern. Ali bebt vor Energie, lebt spontan und impulsiv, vermeidet es, sich zu etwas zu verpflichten. Das Leben soll unkompliziert sein, obwohl er genau weiß, dass es nicht so ist. Davon will Ali aber nichts hören. Mit einer heiteren „Was soll’s“ Attitüde platzt er nach dem Unfall in Stéphanies Leben und treibt sie ziemlich direkt und unvorsichtig dazu, sich wieder zu öffnen. Während Stéphanie sich mit den neuen Lebensumständen arrangieren muss, übervorsichtige, bevormundende Hilfe in der Regel wütend zurückweist, während sie sich wieder an die Öffentlichkeit und insbesondere ans Wasser gewöhnen muss, will Ali kämpfen. Er will nebenbei ein bisschen Kohle machen, denkt über die Konsequenzen nicht groß nach, aber beim Straßenfaustkampf blüht er auf. Schoenaerts bullige Statur, in der gleichzeitig etwas Sanftes schlummert, ist absolut perfekt für diese Figur. Es ist Ali, der in seiner unbekümmerten Art mehr als einmal für große Lacher sorgt, der das emotionale Gefüge regelmäßig zum Wanken, aber nie zum Kentern bringt. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist ein Film der Kontraste, der vermeintlichen Widersprüche, die jedoch unmittelbar realistisch und – platt gesagt – aus dem Leben gegriffen scheinen. 

Einfacher oder umgänglicher ist Stéphanie nämlich auch nicht. Schon vor dem Unfall eckte sie an und wollte ganz bewusst anecken, provozieren und wollte ihre Wirkung austesten. Es ist Cotillards beste und intensivste Rolle seit sie Edith Piaf in „La vie en rose“ spielte. Hier ist sie vielleicht sogar noch besser. Stéphanie ist nach dem Unfall verschlossen, bricht aber auch immer wieder aus und wandelt sich durch Alis Einfluss. Es ist schlicht beeindruckend, wie subtil sie sein Leben beeinflusst, wie sie – ob gewollt oder nicht – seine raue Natur behandelt, ohne ihn je ganz zu bändigen. Cotillard und Schoenaerts machen aus einem guten Film einen großartigen Film, der bis zum dramatisch-intensiven Herzschlagfinale fesselt, der abwechselnd berührt, schockiert, abstößt und erheitert. Pralles Emotionskino.

Fazit:
Großartige Darsteller und ein effektiver Regiestil machen aus „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ein beeindruckendes, intensives Drama. Zwischen Heiterkeit, Romantik und Brutalität schwankend, zieht der Film gerade aus seiner vermeintlichen Unbeherrschtheit seine große Faszination.

8,5 / 10

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