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Kritik:
Ruby Sparks -
Meine fabelhafte Freundin


von Christian Westhus

RUBY SPARKS
(USA, 2012)
Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris
Cast: Paul Dano, Zoe Kazan, Chris Messina

Story: Der junge Autor Calvin (Dano) hatte vor Jahren einen Hit, tut sich inzwischen aber schwer, etwas Neues auf die Beine zu stellen. Noch an den Folgen einer gescheiterten Beziehung leidend, sehnt er sich nach einer neuen Frau in seinem Leben. Im Traum sieht er eine Unbekannte, die er als Ruby Sparks zur Romanfigur macht, die dem nach ihm selbst benannten Romanprotagonisten begegnet. Von der Muse geküsst, nimmt der Liebesroman Form an, bis Ruby Sparks plötzlich in Fleisch und Blut in Calvins Küche steht, als habe er sie aus dem Roman heraus erschaffen.

Kritik:
Romantische Komödien gibt es wie Sand am Meer. Umso schöner, wenn es mal ein wenig anders gemacht wird, frischer, origineller, ohne gleich zu überfordern. „Ruby Sparks“ ist, wenn man so will, eine High Concept Fantasy-Tragik-Romcom, aber nicht mal halb so verwirrend, wie dieser Mischmasch vielleicht klingt. Ein Autor mit Liebeskummer erfindet ein Frauenideal in einem Buch, bis besagte „Traumfrau“ leibhaftig vor ihm steht. Natürlich ist dieser fantastische Kniff in erster Linie ein Initiator, ein Mechanismus, um Calvins problematische Weltsicht offen zu legen. Wie verhält sich ein problemgeplagter Mensch, wenn er exakt das erhält, was er glaubt sich zu wünschen? Denn Calvin hat mehr als nur Liebeskummer. Der – in den Worten seiner Generation – unhipste Hipster der Stadt, der noch ganz „oldschool“ auf der Schreibmaschine schreibt und mit Paul Danos patentierter Wirrkopf-Miene durch eine vermutlich vom Großvater geerbte Hornbrille schaut, ist ein sozial verkrüppelter Sonderling. Sein Therapeut und der deutlich lebhaftere (und verheiratete) ältere Bruder sind die einzigen Menschen, denen Calvin sich anvertrauen kann. Die berufliche Unsicherheit, die vorausgegangene Beziehung, Selbstzweifel, das zurückgezogene Leben hinter der stillschweigenden Schreibmaschine – das alles macht aus Calvin einen verhuschten Problemfall, dem selbst Neurosen-Fachmann Woody Allen in seinen besten Jahren aufmunternd auf die Schulter geklopft hätte.

Entsprechend groß die Sehnsucht nach Veränderung und entsprechend großartig die Zeit mit Ruby, nachdem Calvin sich an den Gedanken gewöhnt hat, eine Frau durch seine geschriebenen Worte manifestiert zu haben. Während der ‚Ruby Sparks’ Roman aus Selbstschutz ruhen muss, glaubt Calvin das bzw. diejenige gefunden zu haben, nach der er sich immer gesehnt hat. Und Ruby Sparks ist eine flippige, sympathisch unentschlossene, frei lebende junge Frau, die – von außen betrachtet – eigentlich gar nicht zum so klinischen und verschlossenen Autor passt. Aber sie soll ja auch sein Leben wieder in eine lebenswerte Bahn lenken. Zoe Kazan, Enkelin von Regie-Legende Elia Kazan und gleichzeitig Hauptdarstellerin, Drehbuchautorin und Co-Produzentin (und tatsächliche Freundin von Paul Dano) ist als Ruby schlicht und ergreifend zum Knuddeln. Ohne in die allertiefsten Klischees des Pixie-Dreamgirls abzutauchen oder eine zweite Juno zu sein, ist ihre Ruby ein sympathischer und ungemein niedlicher Wirbelwind, ehe das Drehbuch geschickt und überraschend deutlich die Gewichtung verändert. Denn Probleme sind bei solchen Geschichten immer vorprogrammiert, bei einer Konstellation wie in diesem Fall schlicht unvermeidlich. Es soll ja schließlich auch um etwas gehen.

Bei der Darstellung, wie sich Calvin nach der anfänglichen Euphorie in ein – frei herausgesagt – riesengroßes Arschloch verwandelt, schießt das Script etwas übers Ziel hinaus, doch insgesamt gelingt der Wechsel ins Dramatische und Tragische äußerst gut. Wo man zuvor noch die Macht austestete, die Calvin durch das Buch noch immer über Ruby hatte, wo man gemeinsam Zombie-Filme schaute, französische Musik hörte und auf enorm unterhaltsame Weise Spaß zusammen hatte, herrscht nun Frust. Entscheidend dabei ein Ausflug zur esoterisch veranlagten Mutter (Annette Bening), die mit einem südländischen Lebensgefährten (ein wunderbarer Kurzauftritt von Antonio Banderas) und dubiosen Vergangenheitsandeutungen zumindest bei Calvin einen Rückfall verursacht. Dadurch, dass Calvin den meisten Zuschauern nach einer gewissen Zeit unbestreitbar auf die Nerven gehen wird, vermeidet der Film auch das, was beispielsweise „(500) Days of Summer“ vor ein paar Jahren noch häufig negativ ausgelegt wurde. Kazans Drehbuch hinterfragt anschaulich die häufig irrealen Erwartungen und Forderungen, die manche Leute (hier: Männer) an ihre PartnerInnen haben. Die naive männliche Sehnsucht nach einer Frau, die ins Leben des Mannes tritt und all seine Probleme lösen soll. Eine Partnerin, die man sich – wie Calvin – selbst erdenkt, die man sich aus Kummer und Idealen schnitzt, ist selten eine reale Persönlichkeit. An dem Menschen ist man(n) kaum interessiert, man braucht ihre Existenz als Frau, als Muse, als Sexualpartnerin und Retterin.

In romantischen Komödien hat die Hauptfigur eine Lektion zu lernen. Das war schon in der Blütezeit Hollywoods der Fall, als Beaus wie Cary Grant von ihrem hohen Ross absteigen mussten, um ihrer Herzdame zu gefallen. Das gilt auch heute noch, wenn aus Til Schweiger, dem knorrigen Womanizer-Macho, Til Schweiger, der sympathisch-knorrige Kumpeltyp wird, der sich super mit Kindern versteht. Also hat auch Clavin seine Lektion zu lernen und der Film macht es wahrlich großartig, dabei für einen Film dieser Art überraschend ungemütlich, wie er den Höhepunkt angeht, den – wenn man so will – Showdown. Da wird selbst die so anachronistische Schreibmaschine, mit dem bedrohlichen Knacken und Ratschen, den gewalttätig aufs reine Papier donnernden Buchstabenarmen, zum großen Symbol. Spätestens hier wird klar, dass „Ruby Sparks“ nicht einfach nur eine x-beliebige Romcom ist. Auch nicht nur eine mit irgendwie geartetem fantastischen Hintergrund. Man muss dem Film aber auch nicht zu viel zumuten. Ein so kreatives wie charakterintensives Meisterwerk wie „Der Stadtneurotiker“ muss es gar nicht sein, wenn der Film so viel so richtig macht, amüsiert und involviert, vielleicht gar die eine oder andere originelle Idee hat, eingefasst in einer Handlung, die wir so oder so ähnlich schon kennen, die in ihren Grundzügen jedoch zeitlos ist.

Fazit:
Unterhaltsame wie originelle Fantasy Romcom mit spaßigen Ideen und gut aufgelegten Darstellern. Auffällig, wie ungewohnt deutlich der Film die genretypischen Ausweichungen auf ernste(re)s Terrain bewerkstelligt und damit mehr über das Miteinander der Geschlechter andeutet, als die meisten Romcom-Kollegen.

7,5 / 10
 

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