Kritik:
Russian Ark
von
Christian Westhus
RUSSKIY KOVCHEG
(2002)
Regie: Alexander Sokurow
Darsteller: -
Story:
Eine halb fiktive, halb
dokumentarische Reise durch die
Eremitage in Sankt Petersburg, als
zwei Männer durch 300 Jahre
russischer Geschichte wandern.
Gedreht in einem einzigen Take.
Kritik:
Ein Film der Superlative, der mit
Zahlen wuchern und beeindrucken kann
und dies auch muss. Zu beeindruckend
die Leistung, zu gelungen das
filmische Wagnis. Was Alfred
Hitchcock 1948 schon bei „Cocktail
für eine Leiche“ probierte, aus
technischen Gründen aber mit
getarnten Schnitten umgehen musste,
kann Alexander Sokurow im 21.
Jahrhundert mit digitaler
Aufnahmetechnik umsetzen. Ein
90-minütiger Film in einem einzigen
Take, ohne unsichtbare Schnitte,
sondern von vorne bis hinten in
einem einzigen Rutsch durchgezogen.
Und weil es zu einfach wäre,
schlicht 90 Minuten lang drei, vier
Leute beim Dialog zu filmen, wandert
die Kamera traumwandlerisch durch
über 30 Zimmer der Eremitage,
begutachtet Bilder und Personen, alt
und jung, führt ständig Dialog mit
einem Begleiter, erlebt drei Live
Orchester samt Tanzeinlagen, ein
Theaterschauspiel und ist am Ende
von über 2000(!) aufwendig
kostümierten Statisten umgeben, die
die Eremitage mit dem Leben
russischer Geschichte füllen. Ein
einzigartiges Meisterstück,
entstanden unter schwierigen
Bedingungen. Nur zwei Tage hatte das
Team, um das Gebäude zu dekorieren
und wieder ordentlich zu verlassen.
Zwei Stunden blieben für die
Dreharbeiten, geprobt wurde nicht
ein einziges Mal innerhalb der Räume
der Eremitage. Nach zwei früh
gescheiterten Durchgängen, war der
dritte Anlauf die finale Chance für
den deutschen Kameramann Tilman
Büttner und für Sokurows Vision.
Diese Vision, nach einem Drehbuch
ohne Sokurows Beteiligung, ist zum
Einen Geschichtsdokumentation, zum
Anderen essayistischer
Experimentalfilm, gleichzeitig aber
ein fiktiver Spielfilm, wenn unser
namenloser Erzähler und sein
französischer Kumpan durch die
Eremitage wandern. Das weltberühmte
Kunstmuseum wird zur russischen
Arche, zur Zeitarche, einem
Knotenpunkt von 300 Jahren
russischer Geschichte, die hier
zusammenfließen. Der Erzähler,
dessen körperloser Blick der Kamera
entspricht, stammt aus der
Gegenwart, aus dem 21. Jahrhundert
und mit diesem Wissen beobachtet er
die Zeitzeichen eines Landes. Die
gesammelten Gemälde, gleichwohl wie
die vielen Inszenierungen lebendig
gewordener Geschichte. In nicht
chronologischer Folge trifft unser
Erzähler, der, wie er sagt, jüngst
verstorben ist und nun als Geist
umherwandert, auf authentische und
fiktive Figuren russischer
Geschichte. Die Zarenzeit, Katharina
die Große, bis hin zu den
Weltkriegen und dem Stalinismus. In
der Arche erlebt der Erzähler kurze
Episoden, Eindrücke des Vergangenen,
beobachtet und kommentiert.
Häufig wird der Erzähler dabei von
einem französischen Adligen
begleitet, dem Marquis de Custine,
der im frühen 19. Jahrhundert
tatsächlich Russland bereiste. Sie
tauschen sich aus, diskutieren über
Vergangenheit und präsentierte
Gegenwart Russlands, treten mal
aktiv mit den lebendig gewordenen
Personen der Geschichte in Kontakt,
wandern andernorts ungesehen durch
eine höfische Zeremonie. Die
Entdeckungsreise fokussiert sich
dabei weniger auf Fakten, als
vielmehr auf Eindrücke, Impressionen
zu Land und Leute, was war und was
wurde. Der russische Erzähler und
der französische Marquis stellen mit
ihren Impressionen mehrere Gruppen
da. Gruppen ihrer jeweiligen Zeit,
aber natürlich auch die Sicht
Russlands auf sich selbst und die
Europas auf Russland. Beide müssen
sie zunächst herausfinden wo sie
sind, warum sie hier sind und welche
Person gerade an ihnen
vorbei geschritten ist. Der Franzose
wähnt sich zunächst im Vatikan,
schwärmt von europäischer Kunst und
lernt die Schätze Russlands langsam
kennen. Trotz gemächlichem Tempo und
allgemein ruhiger oder
redeintensiver Herangehensweise, ist
das magische Schweben durch die
Eremitage und durch die Geschichte
ungemein faszinierend. Gerade durch
die assoziative Berichterstattung,
beinahe komplett ohne klare Fakten,
entsteht ein Gefühl für Historie und
für ein Land.
Fazit:
Ein einzigartiges, atemberaubendes
Meisterstück in filmischer
Erzählkunst und technischer
Umsetzung. Geschichtsessay und
Experimentalfilm, mit einem
traumwandlerischen Blick auf 300
Jahre russische Geschichte und auf,
nein, in ein Land des steten
Wandels. Faszinierend, sowohl als
Rekordfilm der großen Zahlen, wie
auch als Geschichtsfilm.
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