Kritik:
James Cameron's Sanctum
von Christian Mester
SANCTUM
(2011)
Regie: Nicht James Cameron -
Alister Grierson
Darsteller: Ioan Gruffudd, Richard
Roxburgh
Story:
Es soll ein unvergessliches
Abenteuer werden: Milliardär Carl
Hurley (Ioan Gruffudd) und seine
Freundin buchen sich eine Kletter-
und Tauchtour durch ein
geheimnisvolles Höhlenlabyrinth in
Neu-Guinea, das tief unter dem
Meeresspiegel liegt. Da er keine
Kosten gescheut hat, nimmt sich Carl
den weltbesten Höhlentaucher Frank
Maguire (Richard Roxburgh) als
Guide, der sie sicher durch die
unterirdischen Grotten führen soll.
Während dieser kleine Probleme mit
seinem aufmüpfigen Sohn Josh hat,
der nicht wahrhaben kann, dass
seinem Vater die Kletterei alles
bedeutet, wagt sich das Team mehrere
hundert Meter unter der Erde. Der
Schrecken beginnt, als ihr geplanter
Rückweg zur Oberfläche bei einem
tropischen Sturm verschüttet wird.
Jetzt gibt es nur noch eine Rettung:
eine waghalsige Tauchaktion bis ins
anliegende Meer.
Kritik:
Über Regielegende James Cameron darf
man zweifellos einiges wissen. Etwa,
dass er es war, der Arnold
Schwarzenegger 1984 zum "Terminator"
machte und er später mit
"Aliens: Die Rückkehr" einen der
größten Actionklassiker der
Filmgeschichte geschaffen hat.
Beeindruckender als das ist jedoch,
dass er mit "Titanic" und
"Avatar: Aufbruch nach Pandora"
gleich zweimal hintereinander den
erfolgreichsten Film aller Zeiten in
die Kinos bringen konnte. Nicht ganz
so bekannt ist nun das Faktum, dass
der eigenwillige Multimillionär
schon seit Jahren vom tiefen, großen
Blau fasziniert ist. Nicht nur, dass
schon drei seiner acht Spielfilme
mit Gewässern zu tun hatten
("Titanic", "The Abyss" und "Piranha
2: Fliegende Killer") und auch der
2014 kommende "Avatar 2"
größtenteils im Meer spielen soll,
drehte er auch schon drei
Dokumentationen zu
Forschungstauchfahrten, die er als
teures Hobby nebenbei betreibt.
Eine maritime Passion, die sich
Freunde von Cameron nun zunutze
gemacht haben. Alister Grierson,
Andrew Wight und John Garvin,
allesamt Tauchexperten und
eigentlich keine hauptberuflichen
Filmemacher von Spielfilmen, nutzten
die Gunst der Stunde, um eine
Action-Fassung eines Erlebnisses in
Form eines teuren
Hollywood-Spielfilms umzusetzen.
Großes Glück hatten sie dabei mit
der Optik des Film, denn James
Cameron stellte ihnen dieselbe
3-D-Technik zur Verfügung, mit der
er bereits den Ausflug nach Pandora
zum bildgewaltigen Augenschmaus
gemacht hat. Auch
"Resident Evil: Afterlife" wurde
mit dieser Technik umgesetzt.
In vielen Werbespots wird der Film
derzeit gezielt als „James Camerons
Sanctum“ beworben. Eine spezielle
Bezeichnung, die Erwartungen
entstehen lässt. Der Film ist jedoch
weder von Cameron geschrieben, noch
von ihm inszeniert worden. Wie bei
"Michael Bays The Texas Chainsaw
Massacre" Remake von 2003 ist der
titelgebende Name vor dem Film nur
der des größten Unterstützers, nicht
der des kreativen Entwicklers - wie
man vielleicht vermuten könnte.
Statt des weltberühmten
Rekordregisseurs zeichnen sich also
Neulinge verantwortlich, die ihrem
prominenten Unterstützer aus
nachvollziehbaren Marketing-Gründen
den Vorrang überlassen haben.
Dass sie Cameron hinter der Kamera
nicht einmal annähernd das Wasser
reichen können, wird leider schon in
den ersten Momenten deutlich
gemacht. Im Gegensatz zum Kanadier,
der aus einem österreichischen
Bodybuilder den größten Actionstar
der Welt machen konnte, beweist
Grierson ein schlechtes Händchen für
seine Darsteller. Ähnlich wie beim
kürzlich veröffentlichten, leider
recht seelenlosen
"World Invasion: Battle Los Angeles"
gibt es hier ebenfalls nur eine
einzige gelungene Figur, die von
zahlreichen charakterlosen
Mitläufern umgeben ist. So wie Aaron
Eckhart allein nicht ausreichte,
seinen Film zu etwas
Empfehlenswerten zu machen, ist es
hier Richard Roxburgh ("Van Helsing",
"Stealth: Unter dem Radar",
"M:I-2"), der qualitativ ebenso
verloren an der Oberfläche treiben
bleibt. Seine Figur ist die
interessanteste. Was ihr schadet,
ist eine gewisse Gleichgültigkeit,
da es ihm offensichtlich nur
geringfügig darum geht, möglichst
alle zu retten.
Von Ioan Gruffudd hat man bisher
noch nicht viel sehen können, man
kennt ihn aber immerhin als den
nerdigen Forscher mit den
Gummi-Armen aus den beiden "Fantastic
Four" Filmen, Reed Richards ala Mr.
Fantastic. In seiner Rolle als
unberechenbarer Exzentriker ist er
hier rundum falsch besetzt, was sich
vor allem in intensiveren Szenen
beweist, in denen er ständig albern
und unglaubwürdig in Panik verfällt.
Geradezu nervig ist Roxburghs
Filmsohn Rhys Wakefield, der sich
als unreifer Rebell aufführt und
seinen Vater dafür abstraft, seine
Zeit lieber in nassen Grotten als
zuhause mit der Familie verbracht zu
haben. Was in anderen Händen zum
interessanten Familienkonflikt hätte
werden können, ist hier flaches
Geplänkel ohne spürbaren Tiefgang.
Obwohl die Dialoge und Figuren
durchweg missraten sind, erweist
sich "Sanctum" zumindest als
halbwegs abwechslungsreicher
Überlebenskampf. Wight und Co-Autor
Garvin finden inmitten der
eigentlich eintönigen Felsgrotten
einige Abwechslungen und
Überraschungen, die ein Umdenken und
spontane Entscheidungen erfordern.
Nichts davon ist jemals spektakulär
oder einfallsreich, und Roxburgh
wird auch nie zum MacGyver des
Höhlentauchens, doch man merkt, dass
die Autoren dafür auf eigene
Erfahrungen zurückgreifen konnten.
Misslungen ist wiederum das Ende,
das zu früh vorweg genommen wird,
keine Wendungen hat und vollends
absehbar verläuft.
Dass Sanctum kein allzu aufregender
Actionfilm ist, liegt am Versagen
des Regiedebütanten. Alister
Grierson kennt sich womöglich
exzellent mit echtem Höhlentauchen
aus, nicht aber mit Spielfilmen.
Trotz der misslichen Lage erzeugt er
keine Spannung und macht nichts aus
den aufkommenden Zweikämpfen
zwischen den Tauchern. Im
hervorragenden Horrorfilm "The
Descent: Abgrund des Grauens" ging
es anfangs zunächst auch bloß um
monsterlose Kletterei durch
eintönige Höhlen, doch was Grierson
hier im direkten Vergleich
misslingt, ist es, spürbare
Klaustrophobie zu schaffen. Er
schafft es nicht, die drohende
Gefahr zu visualisieren, dass sie
unter Umständen nie wieder ans
Tageslicht kommen. Viele ähnliche
Filme vermasseln dies, da sie zu
Übertreibungen oder unangebracht
lustigen Szenen neigen, doch
obgleich "Sanctum" von Beginn bis
Ende sehr ernst bleibt, bleibt echte
Brisanz aus. Letzten Endes gibt es
doch noch ein kleines Quentchen Lob
zu vergeben, was in erster Linie dem
Kameramann gilt. "Sanctum" hat viele
bemerkenswerte Unterwasseraufnahmen,
die gerade im erstklassigen
3-D-Effekt der Cameron-Technik sehr
stark zur Geltung kommen. Angemerkt
sei diesbezüglich, dass dies nicht
so eingesetzt wird, dass Objekte
laufend aus der Leinwand herausragen
– stattdessen geht es wie bei Avatar:
Aufbruch nach Pandora in erster
Linie um oftmals subtile
Tiefenwirkung, die das ganze
angenehm plastisch wirken lässt.
Fazit:
Der von James Cameron produzierte
"Sanctum" hat bemerkenswerte
Unterwasseraufnahmen und eine
zumindest solide 0815-Handlung, doch
uninteressante Figuren und eine
ineffektive Regie machen Besserem
einen Strich durch die Rechnung.
Nichts, was den Namen James Cameron
verdienen würde. Sollte Interesse
bestehen, sollte man jedoch noch ins
Kino gehen, da der 3-D-Effekt der
beste seit "Resident Evil: Afterlife"
aus dem letzten Herbst ist.
3,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
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