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KRITIK:

SCOTT PILGRIM
gegen den Rest der Welt


von Christian Westhus

SCOTT PILGRIM VS THE WORLD (2010)
Regie: Edgar Wright
Cast: Mary Elizabeth Winstead, Michael Cera

Story:
Scott Pilgrim (Michael Cera) ist ein gewöhnlicher Jugendlicher, der sich eines Tages in die attraktive Ramona Flowers (Mary Elizabeth Winstead) verguckt. Ungewöhnlich ist jedoch, dass es in ihrer Welt absolut gewöhnlich ist, ungewöhnliche, interdimensionale Bombastkämpfe zu veranstalten, randvoll gefüllt mit popkultureller Gigantomanie. Solchen darf sich Scott stellen, denn bevor er sein Glück mit Ramon finden kann, gilt es ihre sieben bösen Exfreunde zu bezwingen...

Trotz epischer Kritiken floppte SCOTT PILGRIM,
der Film kostete 60 Mio und spielte in den USA gerade einmal die Hälfte davon ein

Kritik:
Es dauert ganze 1,5 Sekunden, bis klar sein dürfte, in was für eine Art von Film man sich bei „Scott Pilgrim“ verirrt hat. Beim grob gepixelten Universal Logo mit donnerndem 8-Bit Sound fehlt nur noch eine „Insert Coin“ oder „Press Start“ Einblendung. Dafür rollen die fantastischen Eröffnungstitel mit rotznäsigem Indie-Punkrock Charme über uns hinweg.

„Was spielst du so?“ „Tjoa, Zelda. Tetris. Das ist echt ne schwierige Frage.“ – So lautet ein Dialog relativ zu Beginn. Dass es sich inhaltlich eigentlich um ein Missverständnis handelt, illustriert nur zu gut, auf wie vielen Ebenen „Scott Pilgrim“ Popkultur und Jugendlichkeit atmet. „Scott Pilgrim“ ist die beste Videospielverfilmung, die eigentlich eine Comicverfilmung und im Herzen doch ein Liebesfilm ist. Auf eine derart fantastös dämliche und herrlich unpassende Idee muss man erst mal kommen, weil es tatsächlich hervorragend funktioniert. Es ist der definitive Jugend(Jungen?)film unserer Zeit – wenn auch eher rückblickend. Wer in den 90ern auch nur irgendwie in der Nähe von Spielekonsolen, Comicheften oder schrammeliger Rockmusik war, dem dürfte hier vor nostalgischem Glücksgefühl das Herz aufgehen. Wer nur ein µ Geek in sich hat, wird sich in der knallig bunten Welt von „Scott Pilgrim“ pudelwohl fühlen.

Es ist überstilisiertes Lebensgefühl der Generation 16 bis 25 und aller, die in den letzten 25 Jahren in diesem Bereich lagen. Innenleben und Interessen von jungen Erwachsenen werden wörtlich genommen und zur Metapher stilisiert. Eine Metapher für den Kampf um die wahre Liebe und um sich selbst zu erkennen und zu akzeptieren. Scott selbst ist ein Slacker, ein Faulpelz ohne Job, ohne Ambitionen und mit größtenteils verdrängten Sorgen, was denn mal aus ihm wird. Also hängt er mit Freunden ab, versucht sich in einer coolen Band, obwohl alle Beteiligten stets betonen, wie schlecht sie sind. Und eine Freundin hat er, um eben eine Freundin zu haben. Im Laufe der Handlung muss Scott lernen Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst zu leugnen. Die jugendliche Realitätsflucht aus Musik, Comics und diverser Flimmerkisten poltert nun in greller Überzeichnung in Form von sieben Konkurrenten und einer mysteriösen Traumfrau durch Scotts Leben.

Der Engländer Edgar Wright hat als Regisseur Erfahrungen gemacht, schräge Kombinationen filmisch umzusetzen, als seine romantische Komödie mit Zombies („Shaun of the Dead“) ein großer Erfolg wurde. „Scott Pilgrim“ ist über alle Maßen bunt und durchzogen von Computereffekten. Texteinblendungen charakterisieren – streng nach Vorbild der Comic-Vorlage von Bryan Lee O’Malley – die Figuren und gerne auch mal die Orte. Dazu verdeutlichen Lebens- und Schlagkomboanzeigen, sowie Lautmalereien anschaulich die Fusion aus Comic und Videospiel. Wright gibt dem Film einen tollen Drive, setzt Schnitte und Übergänge fließend und die Dialoganschlüsse auch gerne mal bar jeder Geographie. Aber: Es funktioniert! Wrights Film ist ein umbarmherziger Frontalangriff auf die Sinne. Laut, schnell, bunt, wild und ungleich so ziemlich allem, was wir im Kino gewohnt sind. „Kick-Ass“, zum Beispiel, erscheint im direkten Farbrausch-Insanity-Comic-Vergleich wie Scott Pilgrims spießiger Cousin. Wright inszeniert dieses Gaga-Chaos nicht einfach zum Zeigen. Das steckt derart voller Details, Anspielungen und visuell-erzählerischer Kniffe, dass es eine wahre Freude ist. Dass es auch schnell überfordern kann – geschenkt. Aber „Scott Pilgrim“ transportiert sein Ur-Medium so respektvoll und konsequent auf ein neues Medium, dass man nur staunen kann. Das gilt für Comics wie für Videospiele. Derart offensiv, spielfreudig und originell wurden die Mechanismen der jeweiligen Medien noch nicht auf Film gebannt. Das fängt bei Pixel-Universal an und hört bei lautmalerischen Texteinblendungen noch lange nicht auf. Letztendlich ist „Scott Pilgrim“ auch ein Festival der Sounds & Soundtracks. Musik ist Ausdruck von Lebensgefühl, von Stimmungen und sie machen aus nerdigen Losern für ein paar Minuten echte Stars. Ein Bassisten-Duell bringt die Wände zum Beben, den gesamten Soundtrack möchte man am liebsten sofort kaufen und die vielen kleinen Sounds und Melodien bilden die Speerspitze der Querverweise und Anspielungen; von „Super Mario“ über „Zelda“ bis „Tekken“.

Regisseur Edgar Wright drehte zuvor
SHAUN OF THE DEAD und HOT FUZZ

Als Videospiel vereint „Scott Pilgrim“ Elemente aus Jump & Runs, Rollenspielen und Beat’em Ups. Letzteres wird natürlich in den Duellen mehr als offensichtlich, wenn Scott einem der bösen Ex-Lover Ramonas gegenüber steht und diesen besiegen muss, um ein Level weiter zu kommen. Die Action ist zahlreich und schlicht großartig inszeniert. Wright gelingen die Kampfszenen derart gut, dass selbst Michael Cera glaubwürdig zum furiosen Kampfkünstler wird. Natürlich auch, weil die Kloppereien stets überlebensgroß und irreal sind. Aber ja, genau der Michael Cera ist gemeint. Junos Freund, der schrullige Wuschelkopf aus „Superbad“, der sonst – so heißt es – nur sich selbst spielt. Tatsächlich ist Cera wohl immer noch zu sehr er selbst, der schüchtern-ungeschickte Spätchecker, während Scott doch eigentlich der überheblich-trottelige Spätchecker ist. Die beiden sind sich unglaublich ähnlich und so ist Cera zwar die nahe liegende – er und Scott sind beide Kanadier – Besetzung, aber auch eine gute. Egal wie viel Michael Cera in Scott Pilgrim steckt, die Synthese geht zumeist glänzend auf.

Es passen aber auch sämtliche Darsteller wie die Faust aufs Auge. Es ist fast schon beängstigend, wie harmonisch Optik, Auftreten und Dialoge aufs Filmmedium übertragen wurden. Mary Elizabeth Winstead ist mit ständig wechselnden Haarfarben, trockenem Humor und mysteriösem Verhalten die ideale Ramona Flowers. Kieran Culkin ist ein Touchdown und absoluter Scene-Stealer als Scotts schwuler Mitbewohner Wallace. Was in der kleinen Wohnung und besonders im Bett so abgeht ist schon herrlich komisch, aber Culkin geht spielend mit dem Sarkasmus seiner Figur um. Ein Volltreffer. Bei Alison Pill als Kim Pine spürt man am deutlichsten Comicautor Bryan Lee O’Malley und seine kulleräugigen Schöpfungen, mit ihrer augenscheinlich simplen, tatsächlich aber expressiven und fast übermäßig theatralischen Comic/Manga Mimik. Ellen Wong, die eigentlich älter als z.B. Cera ist, ist als verwirrt verliebte Teen-Chinesin ebenfalls toll, wenn ihre Veränderung durch das Leben an Scotts Seite auch relativ schnell geht. Und schließlich ist der Gastauftritt von Thomas Jane und Clifton Collins jr. schlicht derart bescheuert, dass man sich allein über diese zehn Sekunden köstlich amüsieren kann.

Das ist überhaupt einer der entscheidenden Punkte beim Film. Der Hang zu Absurditäten und schrillen Crossovern nimmt teils groteske Formen an. Die Comics hatten zumeist noch einen Zahn mehr drauf, doch mit geflügelten Dämonenmädchen, Bass-Drachen, Stealth-Ninja-Lesben und zu Münzen zerspringenden Gegnern, scheinen sich Edgar Wright und Co-Drehbuchautor Michael Bacall dennoch großzügig in Bryan Lee O’Malleys Jahrmarkt der Nerditäten bedient zu haben. Dass dieser Irrsinn funktioniert, liegt am selbstverständlichen und konsequenten Umgang damit. Wenn der erste Ex-Lover zum Kampf erscheint, wundern sich Scott und seine Freunde über Ramonas Liebesleben, nicht aber über die Flug- und Magieeinlagen, die der singende Inder parat hält. Wenn die Gegner zu Münzen zerspringen, wird schnell nachgezählt, wie viel es denn ist. In dieser Welt zerspringen getötete Leute eben zu Münzen. Die Zusammenarbeit von Comicautor O’Malley und Wright mit dem Filmteam ging über Jahre hinweg. Wright drehte noch „Hot Fuzz“, als man schon plante, „Scott Pilgrim“ filmisch umzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt waren Teil 5 und 6 der Comicreihe noch nicht mal geschrieben. Ideen wurden ausgetauscht und O’Malley war ständiger Berater bei der Entwicklung des Drehbuchs. Entsprechend ist der Film in der ersten Hälfte noch ziemlich ähnlich zu den Comics, ehe man in der zweiten Hälfte deutlich freier agiert.

Die Ex-Lover sind dann ein ganzer Haufen schräger Ty… Personen. Chris Evans beispielsweise fühlt sich als skatender Schauspieler mit furchtbarem Bart und wenig Hirn einfach pudelwohl, während Brandon Routh mindestens eine unvergessliche Szene hat. Einfach weil er ein verdammter Rockstar ist. Die Lover 4 bis 6 waren auch in den Comics eher Lückenfüller, wobei sie in Person durchaus neckische Details in Ramonas Liebesleben sind. Hier geht der Film dann schon sehr deutlich eigene Wege, vermischt Ideen oder erfindet etwas ganz Neues. Gerade bei #5 und #6 liegen die Vorteile klar beim Film. Die Figuren dahinter sind austauschbar, also fokussiert man sich im Film auf ein möglichst abgefahrenes Duell. Schade nur, dass diese fast immer zur selben Zeit (nachts) und am selben Ort stattfinden. Hier schien man Studioaufnahmen leichter zu finden, aber ein Tageslichtduell in der Stadt oder in einer Wohnung hätte sicherlich nicht geschadet. So scheint es – egal wie fantastisch jeder Kampf auch aussieht – als hätte man auf zumindest ein Duell verzichten können.

Für die Fans dürfte es auf der „Schade“ Seite hier und da noch ein paar Kleinigkeiten geben. Schade ist, dass z.B. Ramonas Handtasche nicht noch größere Taten vollbringt. Zwanzig Minuten extra hätten dem Film sicherlich gut getan, denn, sind wir mal ehrlich, letztendlich rast Edgar Wright mit einem affenzahn durch eine sechsteilige Comic-Reihe, die selbst schon hier und da übereilt schien. Der Film funktioniert in neun von zehn Fällen, aber es bleiben eben – wie das bei Adaptionen nun mal so ist – Dinge auf der Strecke. Im Vergleich wirkt letztendlich der Film besonders am Ende runder, weil sich klarer auf das beschränkt wird, was bereits in den ersten 75 Minuten eingeführt wurde. Die strukturellen Probleme, weil man dennoch Idee auf Idee stapelt, sind nicht zu übersehen, werden aber vom knallbunten Irrsinn glatt weggeblasen. Hier hat auch Jason Schwartzman seinen grandiosen Auftritt als Endgegner, den er mit wunderbar überkandidelter Spielfreude angeht. Und es geht ja nicht nur um die Exen. Mit mindestens vier wichtigen Frauenfiguren ist Scotts Leben eh schon bis zum Rand voll. Besonders Bandkollegin Kim und ihre Verbindung zu Scott hätte man gerne genauer beobachtet – was übrigens auch für die Comics gilt. Da sich der Film richtigerweise auf Ramona und Fangirl Ex-Freundin Knives Chau konzentriert, fällt Kim dahinter zurück. Noch deutlicher wird es bei der anderen Ex von Scott, die einen fantastischen Auftritt bekommt, dann aber nicht die Bedeutung für seine Probleme mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat, die sie haben müsste. Auch das wird – durchaus gelungen – auf Ramona und Knives verteilt.


Fazit:
Der ultimative Film für Comic- und Videospielfans und für junge Erwachsene. Jugendliches Lebensgefühl als enorm witzige, actionreiche und über alle Maßen überwältigende Achterbahnfahrt. Ein Stil- und Effektgewitter, mit tollen Anspielungen, schrägem Humor und einer Romanze, die in all dem Irrsinn doch irgendwie das Zentrum bildet. Eine einzigartige Wundertüte, die man am besten gleich mehrfach genießt.

9 / 10

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