Kritik:
Scream - Schrei!
von Christian Westhus
SCREAM
(1996)
Regie: Wes Craven
Darsteller: Neve Campbell, Courteney
Cox, David Arquette
Story:
Ein maskierter Killer treibt sein
mörderisches Unwesen an der High
School in Woodsboro. Besonders hat
es Mister Ghostface auf die junge
Sidney abgesehen, doch auch ihre
Filme guckenden Teenager-Freunde
sind in Gefahr.
Kritik:
Scream
Kritik:
Scream 2
Kritik:
Scream 3
Kritik:
Scream 4
Kritik:
Wenn es so etwas wie einen modernen
Klassiker im Horrorgenre gibt, dann
ist dies zweifelsfrei Wes Cravens „Scream“.
Mit dem Ende der 80er war das
Slasher-Genre quasi tot und die
lausigen Sequels der berühmten
Endlosreihen unterhielten eigentlich
nur noch mit zunehmendem
Trash-Charme eine schmerzresistent
treue Fangemeinde. Craven probierte
sich schon 1994, im einzigen
brauchbaren „Nightmare on Elm
Street“ Sequel, an einem
Film-im-Film Metaspiel der
hintersinnigen Sorte, ehe er
schließlich mit Kevin Williamsons
subversiver Script-Wundertat auf
Gold stieß. „Scream“ ist eine
Offenbarung, ein Geniestreich, der
zum Großteil dem fantastischen
Script, aber auch einer knackigen
Inszenierung und passenden Besetzung
anzurechnen ist. Die Renaissance des
Slashers gebar den Teen-Horror der
90er und wie das meistens so ist,
reichte keine Fortsetzung, kein
stilistischer Mitschwimmer wieder an
den Ursprung, an den König heran.
Natürlich wäre „Scream“ gar nicht
erst möglich gewesen, ohne die viel
zu breit ausgetretene Slasher- und
Horrorfilm-Geschichte. Aus dieser
zog insbesondere Williamson das
Grundgerüst für sein Drehbuch. Und
dennoch ist „Scream“ jetzt schon ein
Platz im Pantheon des Horrorfilms
sicher, wo er als satirischer
Meta-Slasher fürs nostalgisch
denkwillige Publikum thront.
Dass Williamsons Meisterstück, an
welches der Schreiber selbst bis
heute nicht erneut heranreichen
konnte, an einen Regisseur wie
Craven geriet, ist ein glücklicher
Zufall, eine Fügung des
Filmschicksals. Craven, der selbst
maßgeblich an der Formung und
Etablierung von Genrekonventionen
und – ganz wichtig – Regeln
beteiligt war, macht hier vom Start
weg keine Gefangenen. Die legendäre
Einstiegssequenz mit der bald schon
bedauernswerten Drew Barrymore ist
eine mehr als zehnminütige Pracht
aus höllisch-bösem Witz,
schwarzhumorigem Sadismus und einer
aus Zitaten genierten
Slasher-Spannung. Der Anrufer, das
Popcorn, die Filmfragen und
schließlich die Sezierung und
Dekonstruktion angewandter
Verhaltensweisen im Horrorfilm. Oder
kurz: Die Blondine beißt ins Gras.
Damit sind die Grundelemente
eingeführt, die im Folgenden
geschickt erweitert werden. Ein
Killer, eine Schar jugendlicher
Opfer, eine bald etablierte
Hauptfigur und ein
anspielungsreiches Konglomerat aus
Querverweisen, da Opfer, Täter und
Randfiguren allesamt wissen, wie der
Hase im Horrorfilm läuft, aber
dennoch häufig dieselben Fehler
begehen. Teilweise auch wissend.
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Auftritt der Heldin, der schnell und
glasklar als Final Girl etablierten
Sidney. Sobald man Williamsons
Ansatz geschnallt hat, ist Sidney
Prescott etabliert und gezeichnet.
Über ihr schwebt nun das
Damokles-Schwert des zu ertragenden
Unheils. Der erfahrene Zuschauer
etabliert sich mit ihr in einem aus
bekannten Mechanismen konstruierten
Kosmos, der sich hier selbst den
Spiegel vorhält und so ein ganz
neues, wunderbar hintersinniges und
cleveres Spiel mit sich selbst,
seiner Natur und natürlich dem
Zuschauer treibt. Sidneys Entourage,
ein flippiger Haufen verschiedenster
Jugendtypen, ist stets mittendrin im
Geschehen. Für das
selbstreferentielle Spiel aus
Genreerwartungen, Konventionen,
gezielten Brüchen und satirischer
Dekonstruktion hätte es gar keine
Figur wie Filmnerd Randy gebraucht,
der für die etwas weniger erfahrenen
Zuschauer erklärt, was es mit Final
Girl, Sünde und Geschlechtsverkehr
im Horrorfilm auf sich hat. Dass er
sich damit an vorderster Front der
Verdächtigen schiebt, macht die
Sache nur noch spannender. „Halloween“
läuft im TV, Jamie Lee hat zu viel
Kleidung an und die Wes Carpenter
Filme sind in Woodsboro der Shit!
Mit Sidney als jungfräulicher, von
zurückliegenden Traumata geplagter
Schülerin, die ihren forschen
Boyfriend mit Intimitäten noch etwas
an der kurzen Leine hält, beginnt
der eigentliche Reigen. Sexuelle
Themen und Motive sind im Horrorfilm
und ganz besonders im Slasher von
entscheidender Bedeutung, sodass man
sich nun natürlich umso
offensichtlicher darin suhlt. Drew
Barrymore als Katalysator und nun
geht’s rund in Woodsboro.
Williamson bewegt sich stets
geschickt zwischen Parodie und
Satire entlang, Craven serviert
knüppeltrocken und selbstironisch
die gar nicht mal so zahlreichen,
aber knackig deftigen Morde und
inszeniert den restlichen Whodunit
als verwirrendes Rätselraten für
Filmfreunde, garniert mit einer
hervorragenden Musikauswahl. Schnell
etablieren sich eine Clique und eine
überschaubare Gruppe an sichtbaren
und unsichtbaren Verdächtigen. Mit
der aufdringlichen TV-Reporterin
Gale Weathers bekommen die
sensationslüsternen Medien ihren
Teil vom herrlich giftigen
Galle-Kuchen ab, während der
glorreiche Mittelteil sämtliche
Fäden, Zügel und Hebel geschickt
aufs finale Drittel lenkt. Die
Regeln, die Figuren, die
Verdächtigen, dazu Spannungen
zwischen den Figuren und immer mal
wieder neu eingebrachte
Zusatzinformationen. Und das Finale
ist ein brachiales Meisterstück der
garstig humorvollen Horrorkunst. Auf
geht’s zur Party, wo wir
unkontrollierte Menschenmassen,
Alkohol und begrenzte Örtlichkeiten
haben und wo Craven und Williamson
zum finalen Schabernack ansetzen.
Das finale Drittel ist ein
hysterisches Chaos aus Täuschungen
und Wendungen, gewitzter
Gewaltszenen und grotesker
Zuspitzung. Die Karten auf den
Tisch: Neve Campbell ist als
rehäugige Unschuldsverkörperung
ideal besetzt. Der eine ganz
bewusste Bruch mit den Regeln kommt
zum genau richtigen Moment und zieht
allen, die meinen, das neue Spiel
durchschaut zu haben, die Schuhe
aus. Matthew Lillard hatte mit
seiner überdrehten Art nie eine
bessere Rolle, Jamie Kennedy ist
Kult, David Arquettes
sympathisch-trotteliger Dewey sorgt
mit seiner Halbromanze in der
Nebenhandlung für willkommene
Ablenkung, die Spannungsschraube
wird kontinuierlich angezogen und
zum Schluss knallen im Script
sämtliche Sicherungen durch. Der
groteske Todesstoß ist ein
köstliches Glanzstück an
selbstironischer Vexierfreude, wo
einfach mal alle moralischen
Widerhaken und sämtliche klassischen
Motive genüsslich durchgekaut
werden, bis hin zum symbolischen
Schlusspunkt. Ein Knüller. Kurz,
knackig und selbstreflexiv clever.
Und ganz nebenbei ist „Scream“
selbst aufs Slasher-Gerüst
runtergebrochen eine
mordsunterhaltsame Angelegenheit.
Fazit:
Kevin Williamsons so simples wie
göttliches Drehbuch bietet den
Grundstein für cleveren
Teen-Slasher-Kult der 90er.
Doppelbödig, hintersinnig,
selbstreferentiell und einfach
mordsmäßig unterhaltsam. Böse
witzig, garstig brutal und gnadenlos
spannend, dabei schnörkellos
zielstrebig inszeniert und perfekt
besetzt. Grandios.
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