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Kritik:
Scream 4


von Christian Westhus

SCREAM 4 (2011)
Regie: Wes Craven
Darsteller: Neve Campbell, Courteney Cox, David Arquette

Story:
Mehr als zehn Jahre lang herrschte Ruhe in Woodsboro, wo man die zahlreichen Morde in den 90ern, rund um Sidney Prescott und ihre Freude, mittlerweile mit Partys und Film-Festivitäten würdigt. Passend zum Jahrestag stellt Sidney ein Selbsthilfebuch über ihr Schicksal in der alten Heimat vor, als das Grauen von Neuem beginnt.

Kritik: Scream
Kritik: Scream 2
Kritik: Scream 3
Kritik: Scream 4

Kritik:

Randy hatte uns in Teil 3 ja eigentlich versprochen, dass die Reihe als Trilogie abgeschlossen sei. Was interessiert aber die Macher längst vergilbtes Geschwätz von gestern, wenn man eventuell doch noch mal Kohle machen kann und wenn selbst die Vorbilder in ihren Reihen häufig mittendrin ein „Final Chapter“ eingebaut hatten. Eigentlich hat niemand wirklich um diesen vierten Teil gebeten und sonderlich viel zu erzählen hat man ja auch nicht, obwohl die Zeichen im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert natürlich voll auf Informationszeitalter, Internet, Handy-Wahn und Facebook-Manie stehen. Damit wirft das Script dann auch ordentlich um sich, ergeht sich an Filmspezifischem wie Reboot und Folterhorror, während eine neue Parade an jugendlichem Frischfleisch aufgefahren wird. Nur präzise oder hintersinnig wird es durchs bloße Benennen immer noch nicht. Ach ja, die „Stab“ Reihe läuft in der filmischen Realität auch immer noch. Das darf ja ebenso wenig fehlen, wie das Drehbuch-Duell zwischen Kevin Williamson und Ehren Kruger, denn dem Hauptverantwortlichen Williamson wurde ungefragt von Kruger (Teil 3) unter die Arme gegriffen. Das gehört mittlerweile zum Inventar, so wie Sid, Gale und Dewey. Nur Randy ist abwesend und Nick Caves „Red Right Hand“ fehlt plötzlich, obwohl es vielleicht doch noch mal funktioniert hätte.

Teil 4 war schon im Vorfeld ein Chaos, mit verschiedenen Drehbuchfassungen und einem Casting-Wirrwarr der halsbrecherischen Sorte. Kein Wunder, dass am Ende tatsächlich Chaos bei rauskommt. Gleich zu Beginn stürzt man sich mit Wonne in albernst-überkandidelten Irrsinn mit doppeltem und dreifachem Boden. Ziemlich blutig, ziemlich bescheuert und ziemlich ziellos. Der Einstieg lädt ein zum Meta-Fest der Selbstironie und ironisiert sich dabei selbst um Kopf und Kragen. Das ist derart gewollt selbstironisch, bis über die Grenze der peinlichen Albernheit hinaus, dass aus Selbstironie eine Selbstparodie wird. Und nein, das ist nicht positiv gemeint. Über die unfreiwillige Selbstzerstörung darf man einmal herzlich lachen, denn ansonsten gibt sich der Film ausgesprochen ernst und rabiat, ohne die gewohnte Auflockerung. Amüsant sind eigentlich nur die Cops, die erkennen, dass sie sich in einem Film befinden und mit ihrem Schicksal hadern. Und dass man Anthony Anderson (als Cop!!) Anthony Perkins genannt hat, ist natürlich ein Knüller. Mehr zu lachen gibt es nicht, außer natürlich das lächerlich-peinliche Gebaren geschlechtsreifer Teenager zu jeder Tages- und Nachtzeit. Sidney, Dewey und Gale wandeln als Reliquien durch etwas, was wie die Realität aussieht, aber eher einem unauffällig überzeichneten Sammelsurium juveniler Abgründe ähnelt. Sidneys Cousine Jill und ihre Truppe geraten in den Fokus des neuen Ghostface-Killers, der im Zuge des Jahrestages und des breit getretenen „Stab“ Fanatismus erneut zu Maske und Messer greift.

Die Verantwortlichen des Films sind womöglich dem verbreiteten Irrglauben aufgesessen, die heutige Jugend sei frühreifer und wilder als die der 90er. Zumindest wäre das eine nachvollziehbare Erklärung, warum das junge weibliche Gemüse hier wie 14, das männliche wie 12 wirkt. Von der einen deplatzierten Boyfriend-Ausnahme mal abgesehen, die man so auch mal wieder Sidney an die Backe hätte hängen können. Die schlafwandelt aber nur wieder leidvoll erduldend durchs blutige Chaos und versucht zumeist passiv, irgendwie den Durchblick zu bewahren. Die Eheleute Riley zanken immer noch, die Polizisten kommen meist zu spät und Woodsboros Jugend zelebriert tatsächliche Grausamkeiten mit Fun und Ekstase. Das war ja nun seit Teil 2 nicht anders und dennoch sitzt im beschaulichen Städtchen die eine oder andere Schraube locker. Was im ersten Teil noch glaubwürdige Figuren waren, die in den Fortsetzungen (sofern sie überlebten) erwachsen wurden, wird nun durch genau die hohlbirnigen Eierschaukler ersetzt, die in den zitierten Vorbildern immer zuerst ins Gras bissen und über die Randy und Co. einst spotteten. Das jugendliche Dummbrot watschelt hier klischeehaft-dämlich gleichermaßen offensichtlich wie verdient ins blutige Unglück. Da sich „Scream“ als cleverer(er) Film mit Denkanspruch etabliert hatte, ist man natürlich geneigt, jede Blödelei, jedes Klischee und jedes Bedienen noch so billiger und ausgelutschter Genremechanismen zu hinterfragen und gegebenenfalls als satirische Spitze zu würdigen. Irgendwann ist aber auch mal Schluss! Die postpubertäre Posse von Woodsboro schießt mehrfach übers Ziel hinaus.

Der Hauptteil bietet Brachialcharakterisierung ohne Punkt und Komma für zu viele Figuren. Dafür wird eifrig gemetzelt, denn die neue Mordserie ist ein einziges Massaker, weil’s so heutzutage ja en vogue ist. „Scream 4“ dürfte der blutigste Teil sein, inklusive Film-im-Film Morden liegt der Bodycount schnell beim doppelten der jeweiligen Vorgänger. Wirklich hart, heftig oder spannend wird es aber selten. Dafür ist die Metzelei zu beliebig und die haarsträubend zusammenkonstruierten Verbindungen zum ersten Teil kauft doch auch keine Sau ab. Wäre auch gar nicht nötig gewesen. Sämtliche „Scream“ Relikte sind nur noch Ballast. Die selbstauferlegte Verpflichtung, sich ständig selbst zu enttarnen, zu verspotten und neu zu erfinden, liegt nun bleiern über der Handlung. Zitate um Zitate, und weil’s so brauch ist, ergeht man sich unnötigerweise an Meta-Fisimatenten. Einzig Sidney ist der obligatorische Antrieb, aber ansonsten hätte die Kiste hier – so die Vermutung – fast besser ohne das bekannte Etikett mit der Ghostface-Fratze funktioniert. Gerade das munter im Rechteck springende Finale fegt einmal grob durchs Geäst der vorausgegangenen 70 Minuten und entpuppt sich plötzlich als makabre Aneinanderreihung gelungener Ansätze. Leider auch „nur“ Ansätze, aber hier lässt man uns in finstere Abgründe schauen, hier entfernt sich die Reihe endgültig vom banalen Horrorfilmzitat, von der Horrorfilmdekonstruktion, und bewegt sich hin zu einer bitterbösen Sozial- und Medienkritik. Das Ende hat tatsächlich das Zeug zum Knüller, zum bösen Faustschlag ins Gesicht, bei dem das Lachen im Halse verreckt. Leider aber gehen die Ansätze in einem Meer aus unfreiwillig komischen Peinlichkeiten (die von der furchtbaren deutschen Synchro noch verstärkt werden) unter. Die verantwortlichen Darsteller kommen mit der psychologischen Tragweite nicht klar und die Präsentation kommt mit der Subtilität einer Dampframme. Das ist doppelt ärgerlich, weil der hoffnungsvolle Lichtstreifen am Horizont eines eigentlich unnötigen Films vorschnell verglüht.


Fazit:
Blutiges Chaos mit starken Ansätzen. Der eigentlich unnötige vierte Teil der beliebten Reihe ist keine Katastrophe, nutzt sein filmzeitgenössisches Potential allerdings zu selten. Die alten Bekannten treten zurück und die neuen „Helden“ sind eher weniger sympathische Jungspunde. Relativ blutig und nie wirklich langweilig, bis zum Finale, welches geniale Ansätze bietet, leider jedoch darüber stolpert. Ein Sinnbild des gesamten Films.

4,5 / 10

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