BG Kritik:

Selma


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Selma (US 2015)
Regisseur: Ava DuVernay
Cast: David Oyelowo, Tom Wilkinson

Story: 1965. Da sich Präsident Lyndon B. Johnson weigert, sich beim Kongress für das Stimmrecht der schwarzen Bevölkerung einzusetzen, inszeniert Aktivist Martin Luther King Protestmärsche in der kleinen Stadt Selma… mit blutigen Konsequenzen.

One day, when the glory comes, it will be ours, it will be ours.

Der Film wurde wie auch schon The Butler von Oprah Winfrey produziert


Der Aufreger der diesjährigen Oscars war das beinahe gänzliche Übersehen dieses Films, der lediglich für besten Song und lapidar für besten Film nominiert war, obwohl Regie, Darsteller, Drehbuch etc. nirgendwo sonst gewürdigt wurden. Der Aufschrei war groß, wurde doch von mancher Stelle Rassismus vorgeworfen, was bei einem Film über Protesten gegen Rassismus ebenso selbstironisch wie traurig erscheinen mag. Doch ist Ava DuVernays Martin Luther King Film vielleicht halt einfach nicht gut genug gewesen? Nur weil er sich um ein bestimmtes gut gemeintes Thema dreht, rechtfertigt das allein ja nicht größte Ehrungen. Siehe... The Butler.

Der irritierend betitelte Selma, bei dem international sicher jeder eher an den Frauennamen als an die kleine 20.000 Seelen Gemeinde in Alabama denkt, ist ein bewegender, gut gemachter, gut gespielter Film geworden. Es ist aber auch nicht „der“ Martin Luther King Film, den sich mancher womöglich erwarten würde. Mister King steht im Mittelpunkt, doch wie bei Spielbergs „Lincoln“ zeigt es nur einen kleinen Abschnitt aus dessen Leben und kein Greatest Moments wie bei vielen anderen Biopics. Alles dreht sich um die Protestmärsche von Selma zur 86 Kilometer entfernten Stadt Montgomery, mit der Protestler das Stimmrecht der schwarzen Bevölkerung einforderten. Dabei stand nicht speziell die Wahlmöglichkeit zwischen Demokraten und Republikanern im Blickfeld, sondern das Beeinflussen der Kommunen, in denen viele Rassisten Richter-, Polizei- und Bürgermeisterplätze einnahmen und so gänzlich ohne Gegenfront zahllose Schwarze grundlos überfallen, misshandeln und verhaften konnten, und Verbrechen von Rassisten indes dem Gesetz vorenthalten wurden.

Oyelowo war zuvor im ersten Planet der Affen zu sehen


Der Film wirft ein trauriges, da historisches Licht auf das Leben der schwarzen Bevölkerung in den 60ern, ohne zu einseitig zu werten. Regisseurin DuVernay zeigt verschiedene Menschen auf beiden Seiten der Hautfarbengrenze, die sich unterschiedlich entscheiden, auch gegen ihre Mitmenschen. Schwarze, die mit Kings friedfertigen, passiven Methoden nichts anfangen können und sich lieber Richtung Malcom X wenden werden gezeigt, aber auch Weiße, die von der maßlosen Ungerechtigkeit berührt sind und sich den Märschen aus Prinzip anschließen.

Besonders bemerkenswert ist David Oyelowo als Mister King, der ihm nicht nur überraschend ähnlich sieht, im Original sogar stimmlich nahe drankommt. Sein King ist eine gewaltige Autorität, die Vernunft, Stärke und Unnachgiebigkeit ausstrahlt und Aufmerksamkeit dominiert und die Oscar-Nominierung mehr als verdient gehabt hätte. Nur in manchen Momenten wird er von Emotionen überrannt, etwa am Anfang, als er über den Mord an ein paar Kindern in einer Kirche spricht. Den Rest der Zeit ist er eine möglichst seriöse Figur, die sehr bürokratisch agiert. DuVernay weiß, dass King so wirkte und wirken musste,um möglichst ernstgenommen zu werden, statt als flehender oder hetzender Rebell. Trotz seiner wichtigen Taten und Auftritte wird King hier allerdings nicht als Heiliger verehrt; der Film geht darauf ein, dass King Affären hatte, rauchte und Fehler machte. Auch wirkt er sehr unnahbar und distanziert, was ihn ein wenig entmenschlicht und zu einer reinen Funktionsfigur macht. DuVernay zeigt sich als tolle Regisseurin. Mit viel Feingefühl, starkem Spannungsaufbau (erster Marsch auf die Brücke) und dem passenden Händchen für die Darstellung der Fordernden, Beeinflussten und sich Wehrenden lässt sie eine große Regiezukunft erwarten - und ja, hätte nominiert werden müssen.

Der Abstand Kings führt aber leider auch dazu, dass Selma nicht zu einem unvergesslichen Meilenstein wie etwa Schindler’s Liste wird. Das Thema ist ein wichtiges und das Ereignis ein historisches, doch der Film lässt die Figur King zu kalt erscheinen. Beeindruckend in seiner Präsenz, aber mit zu großem Abstand zu den übrigen Figuren oder auch dem Publikum. Oft sitzt er bei Präsident Johnson im Büro und diskutiert, setzt sich für die große Sache ein, doch er nimmt damit keine persönliche Rolle ein. Die Szenen bei King zuhaus sind schwammig, und so zeigt DuVernay, die es geahnt haben muss, lieber vereinzelte Schicksale von Leuten, die bei dem Protestmarsch mitlaufen (u.a. Oprah Winfrey und Rapper Common in Rollen). Aber auch nicht fokussiert oder oft genug, um echte Bezugsfiguren aufbauen zu können. Jeder wird nur kurz angeschnitten, aber so bleibt der Bezug eher indirekt auf der Gruppe. Besser wäre es vermutlich gewesen, sich speziell auf einen Zeitzeugen zu stürzen und das Ereignis aus seinen Augen zu erzählen.

Strittig ist dann natürlich auch immer die Frage, wieso größtmögliche Beachtung für einen Film gefordert wird. Muss man da differenzieren zwischen der tatsächlichen Überzeugungsgewalt des Films und der Bedeutung, die das Thema damals wie heute für viele hat? Noch immer gibt es viele Ungerechtigkeiten, die von Selma angesprochen werden können. Ungerechtigkeiten, für die DuVernay und alle beteiligten Macher aktive, schätzungswürdige Aktivisten sind. Dennoch lässt sich der Status des unantastbaren Filmklassikers bei aller Bedeutung nicht erzwingen, und so ist Selma nur ein sehr guter Film, kein zeitloser Klassiker.

Fazit:

Selma ist ein bewegender Historienfilm und auch heute noch geltendes, wichtiges Statement über den Zusammenhalt von Menschen, losgelöst von welchen Unterscheidungskriterien auch immer. In Selma standen Weiß und Schwarz, Mann und Frau, schwul oder hetero Hand in Hand beieinander um sich vorbildlich für die Rechte unserer Mitmenschen einzusetzen, auch wenn es zährende Anstrengungen oder gewalttätige Resonanz bedeutete. Ein starker Film über ein wichtiges Ereignis über mutige Menschen, aber auch einer, der distanziert wirkt und nicht so mitreißend ist, wie er sein könnte. Wie Lincoln ein sehr guter, aber in Anführungszeichen nur sehr guter Film.

8 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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