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Kritik:
Shame


von Christian Westhus

SHAME
(2012)
Regie: Steve McQueen
Cast: Michael Fassbender, Carey Mulligan

Story:
Brandon (Fassbender) ist Anfang 30 und lebt in New York. Seine Arbeit und der oberflächlich freundschaftliche Umgang mit Kollegen und eventuellen Freunden dienen als Fassade für seine Sucht. Unfähig zu realen Gefühlen und langfristigen Beziehungen, hält sich der sexsüchtige Brandon mit One Night Stands und Internetstimulation aufrecht. Die Fassade droht zu brechen, als seine jüngere und psychisch angeknackste Schwester Sissy (Mulligan) unangemeldet bei ihm einzieht.

Kritik:
New York City. „If you can make it there you can make it anywhere.” Frank Sinatras Klassiker hat im zweiten Spielfilm des ehemaligen Videokünstlers Steve McQueen leitmotivische Funktion. Der amerikanische Aufstiegstraum verkommt zu einem Albtraum des Absturzes, mit New York als überfülltes Spiegelbild unerfüllter Träume. „Shame“ steht in spürbarer Themenverwandtschaft zu McQueens erstem Film, dem grandiosen „Hunger“, um einen irischen Häftling in einem englischen Gefängnis während der Thatcher Ära, der mit einem Hungerstreik gegen unwürdige Bedingungen und politische Ressentiments protestierte. McQueen erschafft eine kraftvolle Verbindung von Geist und Körper, stellt seine männlichen Protagonisten als Gefangene dar. Gefangene in einer kalten, unerbittlichen Gesellschaft und Gefangene ihres Charakters. Wie „Hunger“ spielt auch in „Shame“ der Deutsch-Ire Michael Fassbender die Hauptrolle. Und das mit vollem Körpereinsatz und ungeheuer intensiv. 

Gleich zu Beginn nimmt Michael Fassbender die Leinwand ein und wird gleichzeitig von ihr erdrückt. Er steigt nackt aus zerwühlten Bettlaken und ignoriert eine unnachgiebig auf den Anrufbeantworter quasselnde Frauenstimme. Die hatte er schon. Die Faszination ist weg und bei jedem Wiedersehen steigt die Gefahr, Gefühle könnten sich entwickeln. Von der ersten Minute an ist Fassbenders Brandon ein unheilvoll brodelnder, verdächtig schweigsamer Typ, der aber nicht zu brodelnd, nicht zu schweigsam ist, um wirklich aufzufallen. Auch für kurzfristige Bekanntschaften muss man ab und zu aus sich und dem kargen Apartment herauskommen. Nicht immer kann man sich in die unendlichen Weiten des Internets flüchten, oder mit visuellem Reizmaterial auf Klos verschwinden. Das macht Brandon dennoch so häufig, dass „kurz mal aufs Klo gehen“ schon bald eine neue Masturbationsmetapher werden könnte. Echte Befriedigung verschafft nur echter Körperkontakt. Und auch den erhält Brandon. Notfalls mit Bezahlung, häufig auch ohne. Er ist dabei kein aufdringlicher Macho oder Aufreißer, der sich sofort in die Karten schauen lässt. Er ist aufmerksam, kann Blicken standhalten und hält sich lange Zeit zurück. Das ist seine Masche, wenn es überhaupt eine ist.

Das Problem ist, dass Brandons Psychologisierung damit endet. Als seine flippige und ähnlich angeknackste Schwester erscheint, versucht er seine Mauer der Isolation aufrechtzuerhalten, die Sissy zunehmend einzureißen droht. Sie bildet das andere Extrem zu Brandons kühler und unemotionaler Körperlichkeit. Mit Haut und Haar klammert sie sich an jedes Fünkchen Zuneigung, das man ihr reicht. Beide Figuren kommen aus dem Nichts. Sie sind schon so, als der Film beginnt. Andeutungen um die obligatorische schwierige Kindheit gibt es, wahrscheinlich ein paar miese Erfahrung und natürlich Veranlagung. Die Gesellschaft hat sie zu dem gemacht, was sie sind, könnte man sagen. Und doch fischt man mit dem Film bisweilen auf dem Trockenen. Brandons Dosis, Regelmäßigkeit und seine Entzugserscheinungen werden erhöht und intensiviert. Das fasziniert, nicht zuletzt dank Michael Fassbender, der sich mit einer kühlen Intensität und großem Mut dieser Figur annimmt. Doch größere Gedanken über Brandons Charakter bleiben aus. Er ist halt so. Steve McQueen nutzt effektiv tonnenschwer melancholische Musik, montiert überlegt und effektiv teils wunderbar eingefangene Bilder. Aber ein großes Ganzes ergibt sich nicht, ebenso wenig nimmt uns der Film je so sehr gefangen, wie es noch „Hunger“ vermochte. McQueen vermeidet es, Gesellschaft und Medien als reizüberflutet und vorsexualisiert zu zeigen. Ihm geht es um Einsamkeit, um die Unfähigkeit von Kommunikation und menschlicher Nähe. So spielt sich der Film in Bars, Discos, U-Bahnen und am Arbeitsplatz ab. Orte des Übergangs, wo Menschen aufeinander treffen sollten und doch aneinander vorbei leben. Als Idee großartig und faszinierend, auf Dauer nur noch wenig reizvoll. 

Stattdessen muss Fassbender rennen, noch mehr Nummern schieben, noch mehr masturbieren, muss am helllichten Tag an einem großen Fenster gevögelt werden, und muss sich auch Carey Mulligan dem deprimierenden Treiben anschließen, gekrönt von einer Gesangsnummer, die gefühlte fünf Minuten zu lange dauert. Mulligan spielt ebenfalls mit vollem Körpereinsatz und überzeugt mit einer Rolle, die ihr zuvor so niedlich mädchenhaftes Image aus „An Education“ und „Alles, was wir geben mussten“ gründlich durcheinander wirbelt, gleichzeitig aber auch wie eine logische Weiterführung dieser beiden Filme wirkt. Das Script nutzt sie leider nur als Kontrast für Brandon, als Beschleuniger seines Absturzes, bis McQueen und Co-Autorin Abi Morgan allzu simple Antworten finden. Simple Antworten der Lösung, worauf es im Leben ankommt, wer zusammen halten sollte. Und geradezu ärgerliche Antworten auf die Frage, wo ein sexsüchtiger Mann landet, der ganz unten angekommen ist. 

Die Amerikaner regten sich über die vermeintlich explizite Darstellung von unromantischem Sex und Nacktheit mal wieder auf und veranschlagten die höchste Altersfreigabe für einen Kinofilm. Dabei ist es kein Zufall, dass der Brite McQueen die Geschichte in den USA ansiedelt. Kaum ein anderes Land der westlichen Welt steht in solchen Widerspruch zwischen öffentlich präsentiertem sexuellen Anstand und gelebter Realität hinter verschlossenen Türen. So ist es auch Brandons sexuell frustrierter und verunsicherter (notgeiler) Boss, der sich kritisch über Brandons moralisch schmutzige Festplatte äußert, aber den eigenen Ehering am Finger auch gerne mal ignoriert. Was dem Film besonders gut gelingt ist, wie die Stadt, wie New York zur dritten Hauptfigur gemacht wird. Manhattan, die Insel der Einsamkeit. Eine Stadt mit Charakter, die durch ihre niemals dunkel, niemals ruhelos werdende Nacht, durch die Laternen und Graffiti-Schmierereien spricht. Insbesondere durch grandiose Nachtbilder verknüpft McQueen Brandons ruhelose Einsamkeit, seinen krankhafter Trieb, seine Jagd nach schneller Befriedigung, mit dem dauerregten Lebensrhythmus der Stadt. Und doch ist Brandons Schicksal keineswegs ein rein amerikanisches. Die Unfähigkeit emotionaler Aufrichtigkeit und Dauer ist eine weit verbreitete Krankheit. „Start spreading the news.“

Fazit:
Stark gespieltes Drama, kühn und selbstbewusst inszeniert, mit dem wohl überlegten Finger am Puls der Zeit. Explizit und faszinierend, aber in beiden Fällen ausbaufähig. Die eher banal psychologisierte Studio von Sexsucht und Einsamkeit macht zu viele Ausflüge in Wiederholungen und Plattheiten. Dennoch: Kraftvolles Kino. Sehenswert.

7 / 10

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