BG Kritik:

The Shape of Water - Das Flüstern des Wassers


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

The Shape of Water (USA 2017/18)
Regisseur: Guillermo del Toro
Cast: Sally Hawkins, Doug Jones, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg

Story: Die 1960er: In einer Forschungseinrichtung arbeitet die stumme Elisa (Hawkins) als Putzkraft in der Nachtschicht. Eines Tages entdeckt sie das neue Forschungsobjekt: eine Art Fischmenschen; von den Wissenschaftlern gefoltert, aber eigentlich ein sanftes Wesen. Die schüchterne Elisa fühlt sich zum vermeintlichen Monster hingezogen.

Wer ist das eigentliche Monster?

Laut Guillermo del Toro war Sally Hawkins seine einzige Wahl für die Hauptrolle.


Obige Frage ist weder sonderlich komplex, noch ist sie besonders schwer zu beantworten. Regisseur Guillermo del Toro enthüllt die Antwort quasi schon während der Eröffnungstitel, wenn eine Erzählstimme die nachfolgende Handlung märchenartig verklärt, von Prinzen und Monstern spricht, während zum passenden Zeitpunkt der Name eines Darstellers eingeblendet wird. Ähnlich verhält es sich mit der Geschichte des Films. Haben wir die fünf, sechs zentralen Figuren erfasst, geht es auf dem Weg zum Ende nur noch um Details; den Rest kann man leicht erahnen. Das ist bis zu einem gewissen Punkt ein wenig bedauerlich, eigentlich aber überhaupt nicht wichtig. „The Shape of Water“ hat wenig Interesse daran, den Zuschauer an einer Art Thrillerhandlung mitfiebern zu lassen, Überraschungen und Wendungen zu präsentieren. Nicht ohne Grund eben beschwört die Erzählstimme das Gefühl eines Märchens oder einer Fabel herauf. Einen nicht zu leugnenden Reiz haben dennoch sowohl die philosophisch-moralische Fragestellung als auch die vermeintlich vertraute Handlung.

Wer einigermaßen mit dem Werk und öffentlichen Aussagen des sympathischen Mexikaners vertraut ist wird wissen, dass Guillermo del Toro Monster liebt. Nicht nur zieht sich die Idee, der Mensch sei das eigentliche Monster, durch nahezu alle seine Filme, auch schenkt del Toro seinen Monstren, Vampiren und Fabelwesen ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit und Mitgefühl. In gewisser Weise hat del Toro die Geschichte von „The Shape of Water“ bereits erzählt, versteckt als hintergründiger Nebenplot in beiden „Hellboy“ Filmen. Dort wird das gehörnte Monster Hellboy in einem Labor versteckt gehalten, nur im Notfall als Kämpfer gegen das Übernatürliche herausgeschickt. Hellboy verliebt sich in Menschenfrau Liz, die durch ihre Flammenfähigkeiten selbst ein Außenseiterdasein fristet und sich im Laufe der Filme auch in den großen Roten verliebt. Ebenfalls in „Hellboy“ zu finden: Fischmensch Abe Sapien.

Doug Jones, der den Fischman spielt, spielte bereits Abe Sapien in "Hellboy" und den Faun in "Pans Labyrinth".


Ursprünglich wollte Guillermo del Toro einen neuen „Der Schrecken vom Amazonas“ für das Universal Studio drehen, doch da man dort gerade das Dark Universe u.a. mit Tom Cruises „Die Mumie“ plante, gab es keinen Platz für del Toros eigentümliche Vision. Umso besser, sollte man meinen, denn „The Shape of Water“ ist weniger eine neue Version oder gar ein Remake des Fischmannhorrorklassikers von 1954, als vielmehr eine moderne Antwort und Neuausrichtung des klassischen Monsterfilms. Monsterliebhaber del Toro ist sich der damaligen Konnotationen und Kodierung der Monsterwesen aus den 1930ern, 40ern und 50ern mehr als bewusst, versteht, wie damalige Filme Varianten der Andersartigkeit, des Fremden entwarfen und als Gefahrenquelle verstanden. Zwar angesiedelt inmitten des Kalten Krieges atmet „The Shape of Water“ dennoch die Luft des 21. Jahrhunderts. Der Fischmann ist ein intelligentes und empathiefähiges Wesen, vielleicht sogar eine Art Naturgott, welcher im gewalttätigen Machtverständnis des (weißen) Mannes nicht mehr Mitgefühl erhält als eine Laborratte.

Dem Fischmann gegenüber steht Reinigungskraft Elisa, in der Schauspielerin Sally Hawkins („Happy Go Lucky“) vielleicht die beste Leistung ihrer Karriere abliefert. Elisa ist seit einem Kindheitsunfall sprachunfähig und nicht zuletzt dadurch ein nach außen hin verletzliches, schüchternes und gehemmtes „Ding“, wie ihre ausschließlich männlichen Vorgesetzten sagen würden. Während ihrer Nachtschicht in der Forschungseinrichtung wird Elisa in der Regel gar nicht erst wahrgenommen, was gleichzeitig Fluch und Segen ist. Nur das freundschaftliche Verhältnis zu Kollegin Zelda (Octavia Spencer, die eine zu knappe Nebenrolle erneut mit Sympathie und Lebendigkeit versieht) und ihrem eigenbrötlerischen Nachbarn (Richard Jenkins) erhellen Elisas monotonen, von routinierten Ritualen durchzogenen Alltag. Das ändert sich natürlich, als sie den Neuankömmling im Institut entdeckt und sich zum geheimnisvollen Unbekannten hingezogen fühlt. Vielleicht überspringt das Script von del Toro und Vanessa Taylor gerade zu Beginn ein konkretes Detail, welches die Beziehung der stummen Putzkraft zum fremdartigen Fischmenschen antreibt, doch dass sich beide angesichts anderer Figuren wie Michael Shannons Strickland einander verbunden fühlen ist nur zu verständlich.

Strickland ist dann vielleicht auch der Schwachpunkt des gesamten Films; eine mehr als plumpe Figur, die alles nur erdenklich Schlechte in sich vereint, die nicht nur freihändig pinkelt, arrogant und gewalttätig ist, sexistische und rassistische Beleidigungen ausspuckt, sondern auch permanent Bonbons lautstark zerbeißt. Obwohl von Shannon gewohnt ausdrucksstark verkörpert ist Strickland ein Anzeichen, dass man die märchenhafte schwarz-weiß Kodierung mitunter auch zu weit treiben kann. So fehlt es dann auch Elisa und ihrem amphibischen neuen Partner im Detail an emotionaler Tragweite. Del Toro inszeniert ein bescheidenes Budget (angeblich rund 20 Mio. $) zur höchstmöglichen Effektivität, zeigt wunderbar ausgestattete Räumlichkeiten, hat großartige Kostüme, ein phänomenales Gespür für Farben und in Alexandre Desplat einen der besten zeitgenössischen Komponisten an seiner Seite. In jedem Einzelbild spürt man del Toros sprichwörtliches Herzblut glühend heiß durchströmen, erkennt die großartige Botschaft dieser Zweisamkeit zweier gesellschaftlich geächteten Außenseiter und erfreut sich an einem eventuellen Oscargewinner, der Welten betritt und Dinge wagt, die wir nicht jeden Tag im Kino bewundern dürfen. Und dennoch bleibt „The Shape of Water“ auf sehr hohem Niveau irgendwann stecken, da „irgendetwas“ fehlt, um diesen wunderbaren Film zu einem echten Meisterwerk zu machen.

Fazit:

Wunderbar entworfenes und teils fantastisch gespieltes Monster-Melodrama. Ein Fest für die Sinne, obgleich es im Detail an emotionaler Tragweite mangelt.

7/ 10

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