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Kritik:
Sherlock Holmes: 

Spiel im Schatten


von Christian Westhus

SHERLOCK HOLMES: A GAME OF SHADOWS (2011)
Regie: Guy Ritchie
Cast: Robert Downey jr., Jude Law, Jared Harris, Noomi Rapace

Story:
Doktor Watson will eigentlich gerade heiraten und besucht seinen alten Freund Holmes, um seinen Junggesellenabschied zu feiern. Doch Holmes ist nicht ganz bei der Sache und steckt mittendrin in Ermittlungen, die alle mit einem gewissen Professor Moriarty zu tun haben. Bald schon ist auch Watson im Duell der beiden Genies involviert. Das dynamische Duo Holmes/Watson muss den Professor aufhalten, ehe dessen zerstörerischer Plan umgesetzt wird.

Kritik:
„Was ein Mal funktioniert, muss nicht zwangsläufig ein zweites Mal funktionieren, mein lieber Watson.“ – Der Faustregel für filmische Sequels kann auch ein genialisch veranlagter Chaot wie Sherlock Holmes nichts entgegen setzen; ein Guy Ritchie schon gar nicht. Der Nachschlag zum überraschend erfolgreichen ersten Holmes-Abenter von 2009 macht bisweilen schon recht deutlich, wie schnell sich Stil und Charme abnutzen, wenn sie sich ohne signifikante Erneuer- oder Erweiterungen wiederholen. Charme hatte vor zwei Jahren Robert Downey jr., der mittlerweile deutliche Anzeichen des Johnny-Depp-Syndroms aufweist, gefangen zwischen Holmes, Tony Stark und dem naturgegebenen eigenen Charakter. Stil hatte Guy Ritchie, der Holmes in einer überwiegend fruchtenden Mischung aus Vorlagennähe und modernem Actionkino zum krachenden Event-Film mit Krimi-Flair machte. Ein wirklich genial-kluger Kopf war Holmes meist nur dann, wenn er sich prügelte. Dafür bildeten er und Watson, das heißt Downey und Jude Law, ein wunderbar unterhaltsames Gespann einer harmonischen Hassliebe. Dazu eine weitreichende Verschwörung sinistrer Schurken, mit möglichst großen Auswirkungen, dass möglichst viel auf dem Spiel steht. Und dazwischen die obligatorischen Frauengeschichten, die den Spaß wahlweise auflockern oder dramatisieren sollen. 

All das bietet auch der zweite Film, das Spiel im Schatten, das Holmes auf seinen wohl bekanntesten Gegenspieler treffen lässt; Professor James Moriarty. Holmes zieht Watson und mit ihm die Zuschauer relativ unvermittelt in seine wahnhaften Moriarty-Ermittlungen, die scheinbar schon eine ganze Weile andauern. Moriarty ist ein intellektuell ebenbürtiger Schurke, der scheinbar überall seine Finger im Spiel hat, Anschläge organisierte und sich in Kreisen von Politik, Kultur und Industrie herumtreibt, während zur selben Zeit Zwistigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich Europa beunruhigen. Mit einer nicht wirklich effektiv eingesetzten oder überhaupt komplett durchdachten Schach-Metaphorik, stehen sich Holmes und Moriarty bald gegenüber. Mit gegenseitiger Bewunderung, aber auch mit offenem Visier, dass es dem Gegenüber auf die eine oder andere Art an den Kragen gehen soll. Moriarty ist so gerissen, vorausschauend und clever, dass er den Meisterdetektiv auch schon mal genüsslich an der Nase herumführen kann. Er ist aber zu unaufmerksam, Holmes in einer seiner einfallslosesten Verkleidungen zu erkennen. Aber irgendwie muss es das Script ja dramatisch und spannend machen.

Das Problem ist, dass das neue Abenteuer wild durcheinander gewürfelt, aber nicht ausreichend durchdacht wirkt. Vielleicht waren Sinn, Logik, eine ausgewogene Handlung und interessante Figuren ja auch unwichtig, wenn der Film dafür Spaß macht. Unterm Strich macht er das. „Spiel im Schatten“ ist ein kurzweiliger Actionspaß, bei dem das Duo Downey/Law wieder die meisten Sympathiepunkte einsackt. Aber irgendwie steht der Spaß auf wackligen Beinen, denn etwas fault im Gebälk. Moriartys gar teuflischer Plan macht durchaus Sinn, ist bis zur Frage, was dabei für ihn raus springt, sogar recht interessiert. Aber der Professor macht es unnötig kompliziert, um auszulösen, was es auszulösen gilt. Jared Harris spielt ihn gelungen als brillant, kalt und unnahbar, muss sich aber auch dauernd gegen einen Robert Downey jr. auf 180 erwehren, der das Geschehen stets beherrscht. Der Handlungsstrang mit den Zigeunern drückt mit aller Macht auf die Hauptfiguren, denn mal ehrlich: Die Zigeuner und mit ihnen Madame Simza sind eigentlich vollkommen unwichtig. Sie verleihen dem Film nicht mal sonderlich interessantes Flair, aber dieses amerikanisiert angelsächsische Selbstbewusstsein im gemauertem Chick des ausklingenden 19. Jahrhundert lässt sich ja nicht mal abschütteln, wenn man James Bond nacheifernd zum kontinentaleuropäischen Länderhopping ansetzt. Erst in der Schweiz wird wirklich spürbar, dass Holmes kein Heimspiel mehr hat. Aber für den Weg dort hin hätte es die Zigeuner schlicht nicht gebraucht. Wahrscheinlich wollte man Euro-Star Noomi Rapace einfach nur unbedingt im Film haben. 

Die Handhabung der Zigeuner ist Ausdruck für ein Script, das Effekt über Funktion stellt. Und es gibt noch mehr solche Knaller. Wie James-Bond-Schurken stehen sich Holmes und Moriarty mehrfach gegenüber und erklären sich lang und breit ihre Pläne und Gedankengänge. Auch wie bei Bond (im Briefing mit Q) tauchen im Laufe der Handlung vermeintlich beiläufig bestimmte Aussagen, Personen und insbesondere Gegenstände auf, bei denen man sich sicher sein kann, sie noch im Einsatz zu sehen. Da setzt man uns eine überraschende und dramatische Szene vor, deren emotionaler Effekt aber sofort verpufft, da man nur darauf wartet, die handelnden Figuren mögen bitte das Offensichtliche auch erkennen, was dem Zuschauer schon direkt klar war. Und ebenfalls wie bei Bond ist der Umgang mit Gefahr, denn die ist potentiell geringer, je mehr Menschen unsere zwei, drei Helden begleiten. Ja, die „Hauptsache es sieht gut aus“ Szenen gehen sogar so weit, dass es in Holmes’ Kampftaktik-Überlegungen zum Dialog kommt, weil der Gegner auch Ideen zum Kampfverlauf hat. 

Regisseur Guy Ritchie passt sich dieser effektgerichteten Herangehensweise natürlich an. Die Aktionen von Prügel-Holmes sind hier und da schon recht gewitzt und clever, meist aber nur wuchtiger, statt analytisch auch mal mit flotten Sprüchen unterlegt. Dass Ritchies Holmes deutlich actionorientierter ist, machte der erste Teil ja schon deutlich, aber in der Fortsetzung wird spätestens im letzten Drittel fast pausenlos geballert. Die kriminologische Geistesarbeit pausiert, während aus allen Rohren gefeuert wird. Und ein flüchtender Schurke buddelt sich natürlich erst ein, um Holmes zu attackieren, statt weiter zu rennen. Der Effekt ist das Ziel. Das macht selten Sinn oder ist nötig, sieht aber nett aus. Bis Ritchie einen seiner Anfälle bekommt. Mal montiert er wie ein Wahnsinniger mit überdrehtem Sounddesign minutiös jeden winzig kleinen Schritt einer mechanischen Handlung zusammen. Dann wieder versucht er sich daran, Zack Snyder nachzuahmen. Eine Flucht durch den Wald ist mit Zeitlupe und Tempowechseln nach „300“ Art durchzogen, ehe eine super schicke Explosion in extremer Superzeitlupe Ritchies Problem auf den Punkt bringt. Die Spielereien sind so lange sinnbefreit cool und fetzig, bis es nervt oder anödet. 

Und so eiert man durchaus nicht schlecht gelaunt zum logisch fragwürdigen Finale, das abermals in schnell enttarnten Schabernack mündet. Ritchie und Downey sind durchschaut und beinahe schon am Ende mit ihrem Latein. Schick ausgestattet und mit erfreulich reduzierter Computerhilfe ist „Spiel im Schatten“ ein nett anzuschauender Aufguss, der seine vermeintlichen Vorzüge weiter auf- und überdreht. So wie auch Hans Zimmer seine musikalische Sauce – ein Highlight des ersten Films – nur noch mal aufkocht und nachwürzt, statt etwas Neues zu zaubern. Ohne Downey und Law wäre der Film wohl verloren, denn die very britishen Albernheiten mit Stephen Fry als Holmes’ Bruder Mycroft sind so amüsant wie absurd.

Fazit:
Die Holmes-Fortsetzung bleibt sich treu und übersteigert alles, was im ersten Teil funktionierte, weiter. Downey ist als halbirrer Genius wieder ein Spaß und harmoniert toll mit Jude Law. Der Fall an sich ist aber unnötig in die Länge und Breite gezogen, ohne wirklich spannend oder mitreißend zu sein. Ein letztendlich durchaus unterhaltsamer Film, aber wer bohrt, wird schnell auf riesengroße Löcher stoßen. 
(Zum Vergleich: Teil 1 – 6/10)

5 / 10

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