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Kritik:
Side Effects - 

Tödliche Nebenwirkungen


von Christian Westhus

SIDE EFFECTS
(2013)
Regie: Steven Soderbergh
Cast: Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum

Story:
Vier Jahre hat Emily (Mara) gewartet, dass ihr Mann Martin (Tatum) aus dem Gefängnis entlassen wird. Schon vorher psychisch angeknackst, nagt die neue Verantwortung an ihr. Sie verfällt in eine Art Depression. Therapeut Dr. Banks (Law) versucht es mit diversen Medikamenten, zuletzt mit einem ganz neuen Produkt. Emily geht es besser, doch das Medikament hat Nebenwirkungen, lässt sie immer wieder wegtreten. Bis es zu einem Unglück kommt, hinter dem mehr steckt, als auf dem ersten Blick zu erkennen ist.

Kritik:
Steven Soderbergh spricht schon seit längerer Zeit davon, seine Karriere als Regisseur zu beenden oder zumindest Abstand vom Filmgeschäft zu nehmen. Obwohl es weiterhin Gerüchte über neue Filme gibt, soll „Side Effects“ der letzter Kinofilm (Der kommende „Behind the Candelabra“, mit Matt Damon, wurde fürs amerikanische Fernsehen produziert.) werden. Der seit jeher ziemlich produktive und enorm wandlungsfähige Soderbergh war gerade in den letzten Jahren, auf den angeblich letzten Metern seiner Karriere, enorm fleißig und experimentierfreudig. Fünf Filme seit 2011 in verschiedensten Genres sind auch für jemanden ungewöhnlich, der 1989 mit „Sex, Lügen & Video“ den amerikanischen Independent Film revolutionierte. „Side Effects“ klingt für einen Mann wie Soderbergh, der mit Leichtigkeit zwischen stilvoller Massenunterhaltung („Ocean’s Eleven“), Oscar-Abräumern („Traffic“, „Erin Brockovich“) und Arthouse Experimenten („Kafka“) wechselte, wie eine kleine Fingerübung. Geschrieben von Scott Z. Burns, der schon das Drehbuch für den ungewöhnlichen und recht gelungenen „Contagion“ verfasste, ist „Side Effects“ zur Hälfte Psychodrama, zur Hälfte spannender Verschwörungsthriller. 

Obwohl das Script mit der Medikamententhematik, den Psychotherapie-Ansätzen und den weiteren Verwicklungen viele Möglichkeiten bietet etwas auszusagen, zu kritisieren oder aufzudecken, ist Soderbergh eher an Genremechanismen interessiert. Dass Medikamentenmissbrauch einen Menschen verändern kann, dass Therapeuten lieber Rezepte ausstellen, statt sich eingehend mit dem Patienten zu befassen, all das ist im Film präsent, wird jedoch stets klein gehalten. Soderbergh will den Zuschauer lieber an der Nase herumführen, spielt mit Erwartungen und serviert mehr als einmal eine gekonnte Wendung, einen Twist, der die Sache anders aussehen lässt. Selbst die Ansätze der zweiten Hälfte, als sich das Tohuwabohu um die Nebenwirkungen des neuen Antidepressivums so hervorragend für einen giftigen Kommentar zu einem großen Problem der westlichen Welt eignen, fokussiert sich Soderbergh lieber auf routiniertes, fintenreiches Spannungskino.

Der Weg ist das Ziel bei „Side Effects“. Nicht die Aussage ist von Bedeutung, sondern die sich (im günstigsten Fall) stetig verändernde Sicht des Zuschauers auf den Film. Da verzeiht man Soderbergh sogar, dass er den Film mit einem unnötigen Blick voraus beginnt, um dann für die eigentliche Handlung ein paar Monate zurück zu springen, um zu zeigen, wie es dazu kam. Selbst dieser Kniff kann als Finte gedacht werden, lenkt sie unsere Aufmerksamkeit doch gezielt auf Rooney Maras Emily, die zwischen freudiger Wiedervereinigung und erneuerten Angstzuständen medikamentöse Hilfe sucht, um psychisch nicht gänzlich abzurutschen. Mara, spätestens seit David Finchers US-Remake von Stieg Larssons „Verblendung“ eine der interessantesten jungen US-Schauspielerinnen, ist hier erneut faszinierend und effektiv. Als ihr Mann Martin vor vier Jahren unerwartet wegen Betrugs verhaftet wurde, erlitt Emily einen Absturz. Nun, da Martin wieder frei ist und man gemeinsam den schwierigen Neustart ins Leben wagen will, bricht die tonnenschwere und oft unerklärliche Traurigkeit wieder über Emily herein. Mara erliegt nicht der Versuchung, die emotionalen Dimensionen der Depression zu theatralisch, zu hysterisch auszukosten. Wunderbar ausbalanciert die innere Bedrückung und der Wunsch, Martin den Neuanfang als Partnerin leicht zu machen. 

Therapeut Jude Law gibt die zweite Hauptrolle, auch wenn er zu Beginn häufiger hinter Mara zurücktreten, ihren Handlungsstrang unterstützen muss. Sein Dr. Banks meint Fälle wie den von Emily zu kennen, probiert jede Woche andere Tabletten aus und kontaktiert Emilys frühere Therapeutin Dr. Siebert (Catherine Zeta-Jones), die ihm das angebliche neue Wundermittel ans Herz legt. Von den vier prominenten Hauptdarstellern überzeugend gespielt, machen Script und Film mit Einführung der neuen Pille alle zehn Minuten einen mehr oder weniger großen Wandel durch, von denen man nicht zu viel vorab wissen sollte. Nicht jede Wendung ist eine Überraschung, die einem den Teppich unter dem Boden wegzieht, doch Soderbergh versteht es glänzend, Spannung und Interesse hoch zu halten. Vielleicht meint es das Script in manch Detail oder manch Hintergrund auch zu gut, doch unterm Strich ist „Side Effects“ eine mitreißende Reise, ein Kinoerlebnis der anderen Art. Kein effektreicher Blockbuster, sondern routiniertes Spannungskino mit Hitchcock Anleihen, das durchweg Freude machen kann. Von Soderbergh selbst, der mittlerweile regelmäßig sein eigener Kameramann und Cutter ist, im Gegensatz zu den Digitalfilter-lastigen „Contagion“ und „Magic Mike“ visuell durchaus ansprechend eingefangen und mit einem treibenden Musikscore unterlegt, ist „Side Effects“ gerade in seiner vermeintlichen Unauffälligkeit ein passender Kino-Abschluss für den Regisseur. Eine Genre-Spielerei, auf den ersten Blick ein Routine-Produkt, an dem Soderbergh seine Lust am Kino auslebt, ohne es zu einem kryptischen Experiment zu machen. Sehenswert.

Fazit:
Spannendes Psychodrama das eigentlich ein Thriller ist. Auf den ersten Blick nicht besonders, bietet „Side Effects“ einige interessante Überraschungen, konstante Spannung, durchweg gute Darsteller und die gekonnte Inszenierung von Steven Soderbergh, dem an der Unterhaltung der Zuschauer mehr gelegen ist, als an kritischen Themen oder großen Aussagen.

7,5 / 10

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