BG Kritik:

Snowden


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Snowden (2016)
Regisseur: Oliver Stone
Cast: Joseph Gordon-Levitt, Rhys Ifans, Shailene Woodley

Der Whistleblower Edward Snowden machte 2013 Schlagzeilen, als er Dokumente veröffentlichen ließ, die bewiesen, dass die NSA schon seit Jahren weltweit Menschen überwacht und ausspioniert. Der Film stellt seinen Werdegang von seiner Karriere bei der Army bis in die höchsten Bereiche der NSA dar. Für die einen ein Held - für andere ein Verräter.

Kaum drei Jahre nach den realen Geschehnissen folgt die erste filmische Bearbeitung von Oliver Stone. Zu früh? Zu spät?

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Wer wenn nicht Oliver Stone sollte einen Film über eine der meist diskutierten politischen Figuren der letzten Monate und Jahre machen? Mit Filmen wie seiner Anti-Kriegsfilm-Trilogie bestehend aus PLATOON (1986), GEBOREN AM 4. JULI (1989) und ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE (1993), situiert in und um den Vietnam-Krieg, oder JFK - TATORT DALLAS (1991) und NIXON (1995) bewies er schon sein Interesse und Gespür für politisch brisante Filmstoffe. Trotz allem brauchte es anfangs bei beiden, Oliver Stone und Edward Snowden, Überzeugungskraft diesen nun vorliegenden Film zu realisieren. Schließlich konnten aber beide überzeugt werden und man diskutierte, ob man den Film realistisch mit den echten Personen als Vorbilder realisiert oder als fiktive Geschichte mit erfundenen Figuren. Man legte sich schließlich auf ersteres fest und nahm Luke Hardings Buch, "Edward Snowden: Geschichte einer Weltaffäre", und "Time of the Octopus" von Kucherena als Grundlage für das Drehbuch, das Oliver Stone erstmal selbst verfasste. Hauptdarsteller Joseph Gordon-Levitt und Stone besuchten auch während der Vorproduktion nochmals Snowden in Moskau. Doch währenddessen ergaben sich ganz andere Probleme als mehr und mehr das Problem aufkam, dass kein amerikanisches Studio den Film produzieren und drehen wollte. So mussten Stone und seine Produzenten mit der Produktion nach Europa ziehen und konnten schließlich mit französischer und deutscher Unterstützung den Film in Deutschland drehen. Die Teile des Films welche in Washington D.C., Hongkong und auf Hawaii spielen wurden aber selbstverständlich auch vor Ort gedreht und nicht in Deutschland. Die Vorproduktion verlief so knapp und spontan, dass die Verträge mit den Beteiligten erst acht Tage vor Drehbeginn geschlossen werden konnten. Die Entscheidung außerhalb Amerikas zu drehen, wurde auch deshalb gefällt, da Stone und sein Team befürchtete innerhalb der amerikanischen Grenzen Probleme mit der NSA zu bekommen. Selbst beim Dreh in Deutschland sorgte man dafür, dass die Crew und die Schauspieler immer über gesicherte Leitungen telefonierten und chatteten. Zu viel Paranoia? Nach Sichtung des Films könnte sich diese bei jedem einstellen.

Es ist der erste Spielfilm über die Abhöraffäre der NSA, welche dank Snowdens Mut 2013 offenlegte, dass der amerikanische Sicherheitsdienst eigentlich jeden auf der Welt abhören kann. Zur Verbreitung seiner Informationen traf Edward Snowden sich damals in einem Hotel in Hongkong mit der Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo), aus ihrem Material entstand der oscarprämierte Dokumentarfilm CITIZENFOUR (2014), dem Guardian-Reporter Ewen MacAskill (Tom Wilkinson) und dem investigativen Journalisten Glenn Greenwald. Letzter wird im Film von Zachary Quinto gespielt, der den meisten wohl als Spock aus den neuen STAR TREK-Verfilmungen oder als Bösewicht Sylar aus der Serie HEROES (USA 2006-2010) bekannt sein wird. Mit dieser Episode beginnt auch den Film und lässt Snowdens Leben in Rückblenden nacherzählen. Dabei gibt es immer mal wieder mehr oder weniger größere Zeitsprünge und parallel montiert Szenen aus dem diegetischen Jetzt im Hotel in Hongkong.

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Oliver Stone versucht hierbei relativ feinfühlig, die verschiedenen Positionen der Debatte durch die Figuren einzubringen. Snowdens Freundin Lindsay Mills, gespielt von Shailene Woodley, stellt beispielsweise die Sicht vieler Bürger da, dass man ja eigentlich nichts zu verbergen hätte und es einem ja somit eigentlich egal sein kann, was mit den eigenen Daten passiert. Man mag in diesem Fall vielleicht dem Film eine Instrumentalisierung einzelner Charaktere vorwerfen, aber am Ende ist es eine Fiktionalisierung realer Ereignisse, die sich hier die nötigen Freiheiten nimmt. Wenn nötig auch zum Aufbau von Spannung, wenn Snowden gerade versucht, Daten und Dokumente auf einem eingeschleusten Stick abzuspeichern. Man mag bezweifeln, dass sich das Ganze wie es präsentiert wird genau abgespielt hat, doch der Film schafft es abseits seiner Fiktion und der Umfunktionierung von Snowden als eine filmische Heldenfigur, auch auf Fakten und Tatsachen aufmerksam zu machen. Dinge, die bekannt waren, aber vielleicht erst durch die nun filmische Bearbeitung und das dadurch beim Zuschauer evozierte Filmerlebnis erst manchen wirklich erreichen und interessieren könnten.

Snowden ist hier die Hauptfigur, wird aber auch als solche nicht nur auf den NSA-Skandal reduziert, sondern auch als eigenständiger Charaktere dargestellt. Stone will ihn als Mensch vorstellen mit Gefühlen, Meinungen und Ansichten. Hier kommt auch die Beziehung zu seiner Freundin ins Spiel. Die Figur die sein Verhalten hinterfragen kann und am ehesten die Position innehat, die auch dem Zuschauer zugestanden wird. Hier begeht Stone immer wieder eine Gratwanderung zum Kitsch, doch schafft es in den meisten Momenten zum richtigen Zeitpunkt zurückzuschalten. Er mag in solchen Momenten seinen Helden zu überhöhen, ja zu einem Helden zu machen, der er auch zurecht in manchen Kreisen ist, doch hier läuft er immer wieder knapp der Gefahr nahe, aus SNOWDEN einen herkömmlichen Kinofilm zu machen. Mehr Fiktion als Realität.

Ähnlichkeiten zu einem anderen, eigentlich nicht wirklich, aber auf eine andere Weise dann doch gelagerten Werk könnte man auf der Tonspur finden. Die Rede ist von THE SOCIAL NETWORK (2010) von David Fincher und der Filmmusik von Trent Reznor und Atticus Ross. In diesem Fall stammt sie von Craig Armstrong und Adam Peters. Hier und da mischen sie Pianopartien und elektronische Klänge in die Musik, welche an den Facebook-Film erinnern lassen. Dies mag aber mehr Anmerkung als Kritik, an der durchgehend effektiven Musikuntermalung sein, die nur in ein paar wenigen Momenten es mit der Emotionalität etwas zu sehr überspitzt.

Fazit:

Spannendes Polit-Kino, das einem eigentlich bekannten Thema nochmal eine Bühne gibt. Stone hält sich in der Inszenierung zurück und folgt relativ geradlinig der Geschichte Snowdens und den Ereignissen der Abhöraffäre. Man kann dem Film und dem Thema nur so viel Aufmerksamkeit wie möglich wünschen, denn das Thema war und ist wichtig, aber dazu braucht es vielleicht noch mehr als nur einen Film über den Hauptakteur der Ereignisse, aber ein Grundstein ist nun hiermit gelegt.

8 / 10

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