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KRITIK:
THE SOCIAL NETWORK
von
Christian Westhus
THE SOCIAL NETWORK (2010)
Regie: David Fincher
Cast: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield
Kommentare (56+) lesen
Story:
Frustriert von der plötzlichen Trennung von seiner
Freundin Erica (Rooney Mara) beginnt Harvard Student
und Vorzeige-Nerd Mark (Jesse Eisenberg) eines
Nachts unter Alkoholeinfluss eine Website zu
programmieren, auf der man sämtliche Studentinnen
seines Campus bewerten kann. Weil er dafür Finger
knackend mal eben alle anliegenden Uni-Server hackt,
zieht er den Unmut der Lehrer, aber auch die
Aufmerksamkeit seiner Studentenkollegen auf sich.
Plötzlich ist er als der smarte Hacker bekannt, vor
dem alle ihren Hut ziehen.
Schon kurz darauf wird er von einflussreichen
Kommilitonen-Brüdern namens Winklevoss angesprochen,
die eine Idee für ein gemeinsames Projekt haben:
eine Studenten-Kontaktbörse im Netz soll erstellt
werden. Mark sagt zu, merkt jedoch schnell, dass er
die Sache lieber selbst entwickeln will. Er fragt
seinen wohlhabenden Freund Eduardo Saverin (Andrew
Garfield), sich als Partner zu beteiligen und ihn
mit ersten Kapital zu unterstützen. Innerhalb
kürzester Zeit wird ihre Sache zum weltweiten
Trendhit, doch mit steigendem Erfolg schwindet der
Zusammenhalt der beiden Freunde. Dazu kommt, dass
die Winklevosses nicht tatenlos mit ansehen wollen,
wie er das große Geld mit ihrer Idee verdient.
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Justin Timberlake spricht Bubu
in YOGI BÄR - DER FILM |
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Kritik:
Der „Facebook-Film“ oder Mark Zuckerbergs filmische
Biographie. So wurde „The Social Network“ meist
betitelt, da es die Entstehungsgeschichte der
Internetseite Facebook und den Aufstieg des Gründers
Zuckerberg zum jüngsten Milliardär unserer Zeit
beschreibt. Entsprechend könnte man im ersten Moment
denken, es handle sich in diesem Fall um den
neuesten Hipster Film, ein Nerd- und
Programmierfilm, der als große PR Kampagne eines
globalen Internetunternehmens aufgezogen ist. Doch
weit gefehlt. „The Social Network“ ist schon jetzt
einer der besten Filme des Jahres, ein brillant
inszeniertes Porträt unserer Zeit und unserer
Gesellschaft. Der vielleicht wichtigste Film, den
das amerikanische Studiosystem dieses Jahr
herausbringt.
„The Social Network“ ist kein biographischer Film,
kein „Facebook Begins“, der den Usern von heute
zeigen soll, wie es zur Entstehung dieser dollen
Seite gekommen ist, was es an Geld und eigenen
sozialen Bindungen gekostet hat, bis zwei, drei U25
Bubis hunderte Millionen scheffeln konnten. Die
Figuren werden über das Biographische hinaus
lebendig, lösen sich vom Vorwurf, bloß Reales
abzubilden und stehen für allgemeine Dinge, ohne an
individueller Faszination oder Kraft zu verlieren.
Ben Mezrich schrieb die Buchvorlage, in der er
detailliert die Mechanismen veranschaulicht, wie aus
einer Spielerei von Harvard Studenten ein Global
Player wurde. Mark Zuckerberg gilt als scheuer
Mensch und so lieferte dessen ehemaliger bester
Freund und Co-Gründer Eduardo Saverin in Interviews
die Hintergründe, die Drehbuchautor Aaron Sorkin,
der sich u.a. für über 150 Folgen der TV-Serie „West
Wing“ verantwortlich zeigt, in ein Drehbuch
verwandelte. Es heißt, Mezrichs Buch und Sorkins
Drehbuch entstanden parallel und bedienten sich auf
unterschiedliche Art und Weise aus dem
Informationspott. „The Social Network“ will die
Entstehung von Facebook eben nicht minutiös und
Detail versessen im fiktiven Rahmen reproduzieren,
sondern blickt hinter die Kulissen und abstrahiert
die Ideen hinter der Internetseite, hinter den
Freund- und Machenschaften, um Dinge zu hinterfragen
und umzuwandeln, statt sie nur zu präsentieren.
Sorkins Drehbuch ist
dabei schlicht brillant. Er weiß die Figuren zu
händeln, führt mit großer Übersicht durch eine in
viele zeitlich versetzte Nebenhandlungen aufgeteilte
Geschichte und liefert fantastische Dialoge. Die
Dialoge sind messerscharf, bieten einen meist
sarkastischen Wortwitz und sind doppelbödig clever.
Was in einem anderen Film schnell trocken und
behäbig gewirkt hätte, hat hier eine unbeschreiblich
mitreißende Wirkung, für die Sorkin die wichtige
Grundlage geschaffen hat. Der stets realistisch
gehaltene Wortwitz spielt sich nie in den
Vordergrund, hilft jedoch, die handelnden
Streithähne dieses Ränkespiels greifbar zu machen
und stets mit einem Minimum an Sympathie zu
versehen. Denn letztendlich ist die Gründung
Facebooks das Werk privilegierter (weißer) Jungs und
Männer, die alle ein möglichst großes Stück haben
wollen, als sie erkennen, dass es Kuchen gibt.
Unparteiisch schildert der Film das Aufkommen einer
Idee, die Umsetzung und das Zerbrechen von
Bindungen.
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Andrew Garfield spielt den neuen Spider-Man
in SPIDER-MAN 2012 |
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Davon profitiert besonders Mark Zuckerberg und mit
ihm Jesse Eisenberg, der hier eine grandiose
Performance abliefert, die der endgültige
Startschuss für eine große Karriere sein dürfte. Es
ist schon ironisch, dass ein Sozialkrüppel, wie
(zumindest der filmische) Zuckerberg einer zu sein
scheint, das größte Sozialnetzwerk der Welt
entwickelt hat. Er war noch ein Frischling in
Harvard, träumte von den großen Clubs, die
„exklusiv“ sind und ein „besseres Leben“
versprechen, denn im realen Leben tut Mark sich
schwer. Seine pedantische, meist arrogant wirkende
Art Menschen zu verbessern und ihnen das Gefühl zu
geben, unterlegen zu sein, zieht sich wie ein roter
Faden durch den gesamten Film. Zuckerberg geht es,
wenn überhaupt, um Anerkennung. Die Millionen und
Milliarden sind ihm egal, aber der Ruhm, Facebook
gegründet zu haben, der soll ihm gehören. Und dabei
ist Zuckerberg ein scheuer Mensch, nimmt am sozialen
Leben der realen Welt kaum teil. Selbst auf einem
frühen Höhepunkt seiner Karriere, als Kollegen
feiern und jubeln, vertieft sich Zuckerberg in seine
Computer, befindet sich im Tunnel. Er hat ein
Talent, er kann programmieren und hacken. Weil er es
kann, macht er etwas daraus und wenn damit der Name
Zuckerberg für die Leute interessant wird, dann hat
es sich gelohnt, ohne dass er sich groß feiern
lassen müsste.
Denn im 21. Jahrhundert sind Programmierer die
gefeierten Rockstars. In einem wunderbar ironischen
Besetzungscoup wurde Sänger Justin Timberlake die
Rolle von Napster-Gründer Sean Parker zugeteilt.
Dieser Sean Parker wacht im Bett einer jungen Frau
auf, mit der er die Nacht verbrachte. Als Parker
erklärt, er habe Napster erfunden, weiß die Frau
sofort „Sean Parker hat Napster erfunden“ und Sean
Parker müsste eigentlich ein Star sein. Als Facebook
noch Harvard intern in der Anfangsphase steckt, sind
die Namen Zuckerberg und Saverin schon heiß begehrt.
„Groupies“ hängen mit den Nerds, den Programmierern
und Wissenschaftsstudenten ab, weil diese die Promis
und Stars unserer Zeit sind. Dabei ist die
Entwicklung von Facebook eine rein männliche
Geschichte, in der die Söhne reicher Männer vor
Flimmerkisten hocken und euphorisch gefeiert werden.
Die aufstrebenden Unternehmer lassen sich auch
feiern, denn Macht, Drogen, Geld und Frauen sind der
Antrieb für das elitäre, männliche
Universitätstreiben. Und unter erfolgreichen
Studenten sind Harvard Jungs die Quarterbacks. Es
bietet sich hier der Blick in eine mitunter zynische
Machowelt, inszeniert durch Initiationsriten für
Vereinigungen oder für den Facebook-Club. Zuckerberg
macht seinen eigenen elitären (er würde sagen
„exklusiven“) Club auf, für den die Leute Schlange
stehen. Frauen sind in dieser Welt nur Dekoration
und Trophäe.
Das Sozialnetzwerk Universität, mit seinen
Subnetzwerken wie Vereinigungen, Lerngruppe,
Sportteam oder schlicht Mitbewohnern, spiegelt sich
in der Entwicklung von Facebook wider und in den
beiden sozialen Kontakten, die für Zuckerberg
zentral sind. In der schlicht brillanten, nahezu
perfekt inszenierten Anfangsviertelstunde eckt
Zuckerberg bei der einen Frau an, für die er sich
interessiert. Erica (Rooney Mara) lässt sich Marks
überheblichen Sarkasmus nicht mehr bieten und Mark
selbst wird unfähig bleiben, klar zu machen, was er
wirklich von ihr will. Aus Trotz entwickelt er mal
eben eine „Hot or Not“ Seite, auf der Harvard
Studentinnen verglichen werden. Ob Zuckerberg
wirklich an dieser einen Frau hängt, ja gar verliebt
ist, oder ob er es sich nicht bieten lassen kann,
dass er besiegt wurde, ist eine von den vielen
ambivalenten Momenten des Films, die mit feinen
Nuancen in Drehbuch und Schauspiel faszinieren und
beschäftigen. Die meisterliche Parallelität von
Anfangs- und Schlussszene ist fantastisch entwickelt
und zeigt, wie viele Emotionen in dem Film und den
Figuren stecken. Zuckerberg selbst ist ein fast
autistisch anmutender Kopfmensch, ohne Emotionen,
und doch ist der Film mit ihm als zentralem
Charakter ungemein emotional.
Der zweite
Sozialkontakt Zuckerbergs ist sein
guter/bester/einziger Freund Eduardo Saverin, der
die Facebook-Idee aus Wirtschaftssicht betreuen
soll. Von Andrew Garfield mit wunderbarer
Hilflosigkeit gespielt, wird Saverin von den immer
größer werdenden Rollen des Facebook-Express
überrollt. Saverin ist ehrlicher, bescheidener und
schüchterner. Sein „Groupie“ wird für ihn zur festen
Freundin, auf den Partys will er Spaß, ohne
unbedingt Kokain von halbnackten Minderjährigen zu
schniefen. Saverin will Facebook behutsam angehen
und als ihm die Ausmaße von Möglichkeiten und Erfolg
über den Kopf wachsen, muss er einsehen, dass er mit
einem besten Freund zusammenarbeitet, der für
irrationale Gründe wie Rücksichtnahme und
Freundschaft nicht gedenkt auf der Strecke zu
bleiben. Saverin ist der tragische Held, auch dank
Garfields bemerkenswerter Leistung, doch Zuckerberg
ist zumindest im Film nicht der Bösewicht. „The
Social Network“ ist ganz nah an den Figuren,
verweigert sich simpler Rollenmuster wie „gut“ und
„böse“. Selbst Sean Parker, der die Entwicklung
Facebooks maßgeblich bewegt, ist mehr als ein
arroganter Yuppie mit zu viel Geltungsdrang.
Trotz Figurennähe gelingen die allgemeinen Gedanken
des Films vorzüglich. Facebook steht für die Uni und
ihre Sozialnetzwerke und die Uni ist selbst nur ein
Mikrokosmos der Welt, zumindest eines Großteils der
westlichen Welt. Wie Zuckerberg mal eben ein neues
Feature für den Beziehungsstatus in die Seite
programmiert, ist ein glänzender Kommentar
menschlicher Interaktion. Der gläserne Mensch des
Digitalzeitalters, der sich im Netz präsentiert und
von den Möglichkeiten profitieren kann. Auch wenn
potentieller Missbrauch nur am Rande thematisiert
wird, bietet der von „Fight Club“ Regisseur David
Fincher inszenierte Film genug ambivalente,
diskussionswürdige Ansätze. Wenn „Fight Club“ der
überzeichnete, gallig-zynische Kommentar zur
verkrüppelten Macho-Kultur des ausklingenden
Millenniums war, so ist „The Social Network“ ein
durchaus vergleichbarer Kommentar zur (Gefühls-)Welt
junger Erwachsener im frühen 21. Jahrhundert. Nur
völlig anders inszeniert. Formal ist „The Social
Network“ Finchers beeindruckendem „Zodiac“ ähnlich,
in dem Fincher Optik und Inszenierungsstil gänzlich
der Handlung unterwarf. Keine Spielchen, keine
Effekte (trotz digital kreierten Zwillingsbrüdern),
sondern formal strenge Regiearbeit in wunderbar
matten Brauntönen.
Dabei treibt Fincher auch die anderen Departments zu
Höchstleistungen an. Vielleicht seit Oliver Stones
„JFK“ gab es keinen Film mehr, der derart brillant
geschnitten ist. Ein guter Schnitt ist auch absolut
notwendig, doch mit welch meisterhafter Dynamik
Angus Wall und Kirk Baxter hier mit Sorkins Drehbuch
umgehen verdient Aufmerksamkeit. Es wirkt leicht und
fließend und ist doch unglaublich präzise, wie aus
den zwei, drei Anhörungen in verschiedenen Kanzleien
hin und her und zurück geschnitten wird, zu den
Anfängen von Facebook, zu Zuckerberg, Saverin,
Parker und den rudernden Zwillingen, die Zuckerberg
wegen Raub geistigen Eigentums anklagen. Da wird
selbst öde und eigentlich unverständliche
Programmierarbeit zur mitreißenden Szene, stets
getrieben vom elektronischen, elektrisierenden Score
von ‚Nine Inch Nails’ Frontman Trent Reznor und
Atticus Ross.
Die fantastische Musik verleiht dem Film zusätzlich
Dynamik und eine ganz eigene Atmosphäre und
Intensität. Ein weiterer Glücksfall für einen nahezu
perfekten Film, der es schafft, aus einer auf dem
Papier strunzgewöhnlichen Geschichte von einer Idee,
Verrat und Erfolg, ein beinahe Meisterwerk über
soziale Konventionen und Gefüge, über
Machtstrukturen und Erfolge, nicht zuletzt über
faszinierende Menschen zu machen. Das Pendeln
zwischen Biographie und Fiktion mag unentschlossen
wirken, doch es ist die ideale Möglichkeit, unsere
Realität anzuwenden und umzuwandeln, um sie zu
ergründen und zu verstehen. Und am Ende schafft es
der Film, dass wir mit einem jungen Mann fühlen,
einem sozial unfähigen Arroganzbolzen mit Milliarden
auf dem Konto, der irgendwie doch unser Mitleid
erhält.
Kommentare (56+) lesen
Fazit:
Viel mehr als einfach nur „Der Facebook Film“. Ein
wichtiger Kommentar unserer Zeit, gespickt mit
grandiosen Schauspielleistungen, einem fantastischen
Drehbuch und technischen Meisterleistungen, die
unauffällig sind, dem Film jedoch stets ausgewogen
und im Fluss halten. Ganz große Klasse!
9 / 10
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