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KRITIK:

SOMEWHERE


von Christian Westhus

SOMEWHERE (2010)
Regie: Sofia Coppola
Cast: Stephen Dorff, Elle Fanning

Story:
Hollywoodstar Johnny Marco (Stephen Dorff) hat Millionen auf dem Konto, könnte täglich mit anderen Frauen die Nacht verbringen und residiert entspannt im edlen Hotel in L.A. Doch Johnny langweilt sich, hat die Motivation für Beruf und Leben verloren. So vegetiert er nur herum, bis seine 11-jährige Tochter Cleo (Elle Fanning) ein paar Tage länger als geplant bei ihm bleibt.

2009 stand es im Gespräch,
ein DEACON FROST Spin-off zu machen

Kritik:
Mit Geld ist alles einfacher. So heißt es doch. Wenn man noch dazu ein gefeierter Hollywoodstar ist, der sich vor den unterschiedlichsten Angeboten kaum retten kann, dürfte es sich doch gut leben lassen. Johnny Marco ist so ein Hollywoodstar. Finanziell hat er ausgesorgt, beruflich läuft es mehr als gut und unzählige Menschen, darunter besonders Frauen, liegen ihm zu Füßen. Johnny hat diese verwegene, lässige Ausstrahlung, mit einem guten Schlag Rebell, die der grobe Bart und die unverkrampfte „casual“ Kleidung nur noch unterstreichen. Sofia Coppola gelingt es nun in ihrem neuen Film, dass man den armen Johnny bedauert. Eine Leistung, wie sie schon in David Finchers „The Social Network“ erbracht wurde, doch Coppola geht noch weiter, noch tiefer ins Seelenleben ihrer Hauptfigur. Denn Johnny ist gefühlsmäßig „somewhere else“. Er muss kein Unternehmen gründen, er muss nicht mal mehr einen Film drehen. Er müsste einfach nur mal aussteigen.

Johnny ist aus dem Leben gefallen. Die grandiose und grandios simple Einstiegssequenz zeigt es ganz wunderbar auf, wenn sich die Reaktionen – auch beim Zuschauer – von einem ‚Yeah, Ferrari’ zu einem ‚Jetzt reicht’s aber langsam’ wandeln. Das einstige Statussymbol Auto ist für Johnny zum reinen Nutz- und Alltagsgegenstand geworden. Blonden Zwillingsstripperinnen schaut er gelangweilt bei der Arbeit zu und zwischen den Beinen einer anderen Frau schläft er sogar ein. Dabei ist Johnny nicht mal ein Kostverächter. Er kennt das Protokoll, kennt Leute und hat auch mal Lust. Nur erfüllend ist es nicht. Das ist auch der Ruhm nicht mehr, ist das unbeschwerte Leben nicht mehr, die Bewunderungen, das Leben als Star. Es ermüdet, ödet an und Johnny erledigt es nur noch, statt es zu erleben und zu lieben. Das schwermütig-melancholische Gefühl des Verlorenseins ist das Leitmotiv, das immer wiederkehrende Element im Oeuvre der Sofia Coppola. Mit viel Gespür für die Psychologie vermeidet sie es, Johnnys Verdruss als schlichte Midlife Crisis abzutun. Dass Johnny einfach mal wieder eine etwas engere Bindung eingehen müsste, dürfte sicherlich auch nicht ausreichen.

Das Kino von Sofia Coppola ist ein Kino der Stimmungen und Momente. Selbst ihr poppiger Historienfilm „Marie Antoinette“ war Stilexperiment aristokratischer Ennui. Ihre Filme sind soghafte Erfahrungen in Zeitlupe, mit außergewöhnlicher Musik als Taktgeber und Pulsschlag. Coppola ist sich treu geblieben, hat ihren Stil jedoch auch verfeinert. Deutlich stärker verlässt sie sich auf die Bilder und auf die Klarheit der Bildaussagen. Die Musik wirkt reduziert, der Blick geschärft und noch naturalistischer. Damit wird „Somewhere“ zwar nie eine derart emotionale und mitreißende Melancholie-Erfahrung wie „Lost in Translation“, er pulsiert nicht, aber dafür hat sich Coppola noch stärker als Regisseurin, als Autorin mit psychologischem Anliegen gefestigt. Der Vorwurf, sie verfilme nur Mal um Mal ihren Plattenschrank, dürfte im Keim erstickt worden sein, wenn ein Großteil der musikalischen Einlagen sogar innerhalb der Handlung auftaucht und sich mit den Foo Fighters und Gwen Stefani sogar am Mainstream anbiedert. Coppola weiß mit der Kraft der Musik umzugehen und überlässt die Bühne den Schauspielern, die sie klug beobachtet. Dass sie uns dafür diese so tolle The Strokes Collage mit Vater und Tochter im Pool schenkt, unterstreicht dies noch.

Elle Fanning ist die kleine Schwester von
Dakota Fanning (KRIEG DER WELTEN)

Coppola bleibt in ihrem Element und auch in ihrem Metier. Wieder befinden wir uns in einem Hotel, einem Ort des Wandels und des Übergangs, wie die Regisseurin selbst sagt. Nicht irgendein Hotel jedoch. Das „Chateau Marmont“ in Hollywood, das als legendärer Schmelztiegel von Kunst- und Popkultur berühmt wurde. Und Johnny sitzt hier fest. Natürlich erinnert seine Figur etwas an Bill Murrays etwa 20 Jahre jüngere Version aus „Lost in Translation“, doch Johnny leidet eigenständig. Für ihn wird das Hotel zum Kerker, zum Symbol seines Lebensstils, den er irgendwann mal genossen hat. Es ist ein Kommen und Gehen, ein Ausharren, bis zum nächsten Job, bis zum nächsten Pressetermin. Nachbarn kommen und gehen, Gäste kommen und gehen, Freunde kommen und gehen. Johnny bleibt. Er wohnt nicht im Hotel, er lagert hier nur seine Sachen. Für ihn ist das Hotel ein Ort der Unbeständigkeit, der auf leicht neue Art, Tag für Tag dasselbe bietet. Nichts woran man sich halten kann, nichts was irgendwie über längeren Zeitraum Interesse weckt. Bis auf Cleo.

Die 11-Jährige besucht ihren Vater, zeigt ihm einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Leben und weiß selbst nicht so recht wo hin mit ihren Gefühlen. Ganz wunderbar leise und subtil schafft Sofia Coppola es, Cleos Einfluss und die Interaktion mit ihrem Vater aufzubauen und zu ergründen. Auch gelingt dadurch, die Perspektive geschickt auf Cleo auszuweiten. Das junge Mädchen ist selbst in einer schwierigen Phase, braucht Halt und fühlt sich im öffentlichen Leben Johnnys nicht immer wohl. Coppola, die Tochter des großen Francis Ford Coppola, wurde unterstellt, sie habe hier ihr eigenes Leben verfilmt. Dass dieser biographische Hintergrund völlig unerheblich ist, macht der Film durchweg spürbar. Zwar schlägt immer wieder z.B. das italienische Herz durch, wenn sich Vater und Tochter dort in einem dekadenten Prachthotel aufhalten, doch Coppolas natürlicher, unverfälschter und geduldiger Blick lohnt.

Über Langeweile zu erzählen, Langeweile zu inszenieren, ohne selbst langweilig und öde zu werden, ist schwierig. In „Somewhere“ gelingt es meist, weil Johnny und Cleo wunderbar entworfene Figuren sind. Stephen Dorff dürfte diese Rolle eh mit Kusshand genommen haben, doch er gibt auch eine ganz wunderbare Leistung ab. „Somewhere“ ist nicht der Film der ganz großen Emotionen, sondern eben der Stimmungen und Eindrücke. Das innere Grübeln, hin und her gerissen zu sein, spielt Dorff mit einer unauffälligen Intensität. Die enorm talentierte Elle Fanning ist ebenfalls große Klasse. Bei all der Dekadenz mit Helikopter und Sportwagen, Videospielen und Preisverleihungen, ist es dennoch eine Geschichte über einen antriebslosen, verunsicherte und ziellosen Mann und seine nach elterlicher Nähe sehnende Tochter.

Exemplarisch dabei die zaghaften Dialoge zwischen Cleo und Johnny, im Vergleich mit der oberflächlichen Lockerheit zwischen Cleo und einem Freund Johnnys, sympathisch und amüsant verkörpert von Jackass-Chaot Chris Pontius. Dass Coppola nicht nur das Individuum Johnny in den Fokus stellt, sondern mit viel Sensibilität auch Familienbande durchleuchtet, macht den Film so spannend und lohnenswert, wenn er auch sicherlich nicht Coppolas bester ist.

Fazit:
Auch in ihrem vierten Spielfilm bleibt Sofia Coppola sich treu und inszeniert einen faszinierenden und toll gespielten Exkurs in mondäner Langeweile und Hilflosigkeit. Mit weniger Musik als gewohnt, dafür mit einer zielstrebigeren, persönlicheren Inszenierung zeigt „Somewhere“ aber auch, dass Sofia Coppola sich und ihren Stil weiter entwickelt. Ruhig und rührend, mit unaufdringlich lakonischem Witz.

7,5 / 10

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