Kritik:
Source Code
von
Christian Westhus
SOURCE CODE
(2011)
Regie: Duncan Jones
Cast: Jake Gyllenhaal, Vera Farmiga
Story:
Kampfpilot Colter Stevens wacht orientierungslos in einem Personenzug
auf. Vor ihm eine Fremde, die ihn mit anderem Namen anredet. Bis der
Zug plötzlich explodiert. Mit der neuartigen Source Code
Technologie ist es möglich, wenige Minuten in den letzten
Erlebnissen eines Toten zu sehen und darin zu agieren. Es ist nun an
Stevens, den Verantwortlichen für die Zugexplosion ausfindig
zu machen, da ein erneutes Attentat droht. Die Zeit drängt.
Kritik:
Regisseur Duncan
Jones verblüffte 2009 viele mit seinem kleinen, feinen
Debüt „Moon“, einem Psychothriller auf
begrenztem Raum mit radikal begrenztem Personal. Derartige
Begrenzungen, besonders geographisch, gibt es auch in „Source
Code“, mit dem sich Jones ohne eigenes Drehbuch an einer
reinen Auftragsarbeit versucht, die aber ganz passend wie die
konsequente Weiterentwicklung aus der Enge der Mondstation und der
unentrinnbaren Distanz des Mondes wirkt. Zurück auf der Erde
beschränkt Jones nun Jake Gyllenhaals Bewegungsradius auf
seine kleine Kapsel und den Zug plus Umgebung, unterlegt ebenfalls mit
der dynamischen Zeitkomponente. Erfolg muss schnell her, wenn die
nächste Katastrophe vermieden werden will, doch Colter Stevens
erlebt die erste Katastrophe im Achtminutenrhythmus immer und immer
wieder. Mal um Mal die Zugsituation, immer wieder die Suche nach der
Idee eines Täters, dabei die fremde Vertraute in Gestalt von
Michelle Monaghan vor einem und Stevens rast anhaltslos umher,
bedrängt nacheinander das begrenzte Täterpersonal im
Zug. Dazwischen immer wieder das unsanfte Erwachen in der
merkwürdigen Kapsel und Videobriefing mit Vera
Farmiga.
Trotz
rasanter Abfolge und Wiederholung ist der Film kein hysterischer
Überschallthriller, der mit Mach-325 durch seine
Storyfragmente fegt. Was an eine Mischung aus
„Next“, „Déja vu“,
„Donnie Darko“ und dem Murmeltier erinnert, ist mit
seiner technologischen Grundidee ein Science-Fiction Konstrukt, das
einem Philip K. Dick sicherlich auch gefallen hätte, aber
gänzlich ohne seinen Namen auskommt, bzw. auskommen muss. Die
wissenschaftliche Grundlage, das Anzapfen der Erinnerung eines frisch
Verstorbenen, ist nachvollziehbar genug, um den Plot anzunehmen und
sich auf das filmische Krimi-Puzzle einzulassen. Im Detail erscheint
die Idee natürlich mindestens haarsträubend, logisch
fragwürdig und abgedreht, aber das trifft auch auf
zukunftsehende Pre-Cogs („Minority Report“) oder
auf gut behütete Schicksalsstrippenzieher, wie im
jüngsten „Der Plan“, zu. Das Script packt
die rein funktionelle Idee ohne große Vorbehalte und mit nach
und nach stattfindender Erklärung an und wirft uns direkt in
den Zug und in Gyllenhaals erste Orientierungslosigkeit. Wer derart mit
Zeit, Raum und Realität herumspielt, tritt sich damit
natürlich irgendwann in die Hacken und strapaziert die
Dehnbarkeit der Sci-Fi Logik auf Dauer enorm. So scheint zum Beispiel
die präsentierte Zugrealität in den verschiedenen
Wiederholungen häufig wandelbar. Was wann passiert scheint nie
ganz festgelegt zu sein, was entweder ein großer Logik-Bock
ist oder ein zu offensichtlicher Schlüssel zur Lösung
des eigenen Mysteriums.
Faszinierend ist es dennoch, wie
Gyllenhaal hier gegen Unbekannt ermittelt und sich im Try &
Error Prinzip durch den Zug arbeitet. Das wirkt auf Dauer ein bisschen
repetitiv, aber das Script platzt zum Glück nicht zu
offensichtlich mit seinen Infos heraus und serviert immer mal wieder
kleine Wendungen oder so etwas wie Subplots, die neuen Schwung in die
Suche nach Mr. X bringen. „Source Code“ ist
über weite Strecken ein simpler Whodunit-Krimi, nur statt sich
als Columbo durch penetrantes Nachfragen und Zurückerinnern
der Lösung zu nähern, erleben wir die Tat hier eben
mehrfach und können uns quasi live und parallel darin
herumbewegen. Schade nur, dass die Auflösung relativ flach und
beliebig, noch dazu ziemlich vorhersehbar ausfällt, gerade
weil das Personal so begrenzt ist. Auch wenn Coulter Stevens kein
Hercule Poirot ist, verbaut sich der Film hier selbst seine
Möglichkeiten auf mehr Spannung und Finesse, weil die Aktion
schließlich einen Sinn haben muss. Die militärisch
und bisweilen patriotisch motivierte Jagd rückt mit
zunehmender Laufzeit allerdings eh in den Hintergrund.
Das Attentat und dessen
Aufdeckung wird zu einem McGuffin, zum Auslöser für
eine menschliche und romantische zweite Haupthandlung. Unser Held
beschäftigt sich zunehmend mehr mit den Möglichkeiten
der Gedankenzeitreise und entwickelt dabei natürlich schnell
ein gewisses Interesse für die hübsche Frau, die ihn
im Zug begleitet. Da wird die Jagd nach dem Terroristen zur stressigen
Pflichtaufgabe, weil, seht doch nur diese Frau, ist sie nicht toll?!
Monaghan erledigt ihre sich häufig wiederholende Rolle
souverän, braucht hauptsächlich
süß auszusehen und ein, zwei Mal in dramatischen
Momenten zu überzeugen, was ohne Probleme gelingt.
Ähnlich, mit militärischer Strenge statt
Niedlichkeit, überzeugt Vera Farmiga, während Jeffrey
Wright einen wunderbar kauzigen Klischee-Wissenschaftler gibt. Besser
ist allerdings Gyllenhaal, der seine eher einseitig heroische Rolle
genüsslich mit seinem unverkennbaren Charme, jugendlichem Witz
und überzeugender Emotionalität aufwertet. So
überwiegt am Ende auch der menschliche Faktor, weil der Film
zwar einen ganzen meta-philosophischen Kosmos öffnet, ohne ihn
zu präzisieren oder irgendwas Tolles damit zu machen. Das
weiterführende Potential wird nur im Ansatz genutzt und
fasziniert eigentlich enorm, doch Jones und Autor Ben Ripley sind
tatsächlich an Spannung und an der Rätselaufgabe
interessiert, ebenso wie an der emotionalen Katharsis der Hauptfigur.
Die Tragweite einer möglichen Parallelwelt, ob begrenzt oder
nicht, in den Gedanken eines Toten hätte zu mehr
führen können. So ist „Source
Code“ der spannendere, unterhaltsamere Film im Vergleich zum
durchaus sehr ähnlich gelagerten „Der
Plan“, der jedoch mehr Nachhaltigkeit besitzt.
„Source Code“ ist kurzweiliges, spannendes und
zumeist ordentlich inszeniertes Puzzle-tainment, sei dies nun ein
Kompliment oder nicht.
Fazit:
Ein
mitreißender Thriller mit Science-Fiction Anleihen im Stile eines
Philip K. Dick. Nicht immer logisch und ein wenig vorhersehbar, aber
zumeist spannend, faszinierend und mit einer gelungenen menschlichen
Komponente, die zunehmend an Bedeutung gewinnt.
6,5
/
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