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Kritik:
Spring Breakers


von Christian Mester

SPRING BREAKERS
(2013)
Regisseur: Harmony Korine
Cast: James Franco, Vanessa Hudgens, Rachel Korine, Selena Gomez, Ashley Benson

Story:
Drei gelangweilte Schülerinnen beschließen, in den Spring Break Osterferien Urlaub in Florida zu machen - woooohooooooo - nur fehlt es ihnen für ihren Trip zunächst an Knete. Kurzerhand überfallen sie dafür ein Cafe, und schlüren, high vom begangenen Delikt, noch eine Freundin mit in den Süden um dort endlich endlos sorglos Party machen zu können. Ein Erlebnis, das sie geradewegs in die Hände des exzentrischen Drogendealers Alien (James Franco) führt...

Kritik:
Spring Breakers dürfte sicherlich einer der größten Spalter des Jahres werden. Es ist schlichtweg faszinierend mitanzusehen, wie Leute den Kinosaal sowohl bei dem einen, wie auch dem anderen der beiden geschaffenen Gesamteindrücke in Scharen verlassen.

Die Poster mit den vier attraktiven jungen Hauptdarstellerinnen, wie sie in bunten Bikinis verrucht herumstehen und herausfordernd dreinschauen, frech die Zunge rausstreckend, teilweise Pistolen in den Händen haltend oder auch James Franco mit Grillz, Bling und Cornrows neben sich, drücken in erster Linie lauthals aus wonach den Figuren selbst auch ist: Party. Bunte, sorglose Party, mal richtig einen draufmachen... und das gern mit einem Schuss Aufregung dabei. Das verspricht das Marketingmaterial, damit lockt es, und das liefert es den Figuren dann auch - obgleich unerwartet anders, was letztlich eben drum ein gänzlich unerwartetes Filmerlebnis ergibt. Wer "Projekt X im sonnigen Florida" erwartet, dubstebbed sich besser an diesem vorbei. Spring Breakers ist ein Film über Partygänger, ja, aber kein spaßiger Partyfilm. Überhaupt nicht. Was nicht verwundern dürfte, weiß man, dass der Autor von "Kids" dahinter steckt. Jenem finsterem Jugenddrama aus den 90ern über Daterape, Aidsverbreitung, Drogenexzesse und sinnloser Gewaltausbrüche.

Der Film beginnt zwar mit positiven Fantasien der Mädels, die sich Spring Break als sonniges Paradies der fragwürdigen Fröhlichkeit vorstellen (Dubstep, blanke Titten, Arschgewackel, hoch die Becher), zieht dann aber recht schnell andere Saiten auf. Die Mädels sind allesamt schlecht gelaunt, frustriert, meinen, nichts sonst im Leben zu haben. Für sie gibt es nur öde, anstrengende Schulkacke, und Party. Nur, dass sie die Partys in ihrer Nachbarschaft schon so satt sind, sich dort mit allem Verfügbaren inklusive Kokain zugedröhnt haben und alles kennen, dass sie eine stärkere Dosis Ablenkung brauchen. Eine, für die sie sogar bereit sind, all ihre aufgestauten Aggressionen in einen Überfall zu entladen.

Der folgende Partyspaß ist dann zunächst auch ein wenig so, wie sie es sich vorgestellt haben, doch Regisseur Korine lässt stetig dumpf durchsickern, dass sie trotz neuer Location immer noch gleich weit gekommen sind, weiterhin auf der Stelle stehen, weiterhin keinem ehrlichen Glück näher gekommen sind. Sie faseln davon, diesen einen Moment auf ewig festzuhalten und schauen in Gedanken verloren aufs Meer hinaus, doch langsam wird jeder von ihnen bewusst, dass das kein Leben sein kann, dass alles nur Scharade ist. Zumal es alsbald heftiger wird, da sie von der Mainstream-Partyszene ins Zwielichtige abdriften. Als 18jährige im Bikini unter gleichaltrigen Schulkollegen tanzen ist eine Sache, in schäbiger Garagenkneipe im Nirgendwo, umringt von bewaffneten, fremden Ex-Knackis, Vergewaltigern, Killern, Dealern, Schlägern mit gierigen Blicken und härtestem Stoff im Gepäck, was anderes. Korine schafft demnach ein fesselndes Bild der leichtsinnigen Jugendlichen, die in ihrem Utopia plötzlich nach und nach aufwachen, spätestens wenn die ersten Schüsse fallen. Und dabei, da wird es noch mal interessant, zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Die einen mögen genug haben, unterschiedlich viel einstecken können, doch unter den vieren befinden sich auch welche, die sich ausgehend von ihrer Gleichgültigkeit allem sonstigen gegenüber in den gebotenen Verlockungen verlieren, anfangen, eine zuvor schon mal angedeutete soziopathische Ader auszuleben. In zwei spannenden Momenten führt der Film dies auf die Spitze, und stellt jegliche Sympathie, die man gegenüber der Mädels gehabt haben mag, gekonnt auf die Probe

Die Mädels sind allesamt okay, aber als abgestumpfte, perspektivlose Loser absichtlich kaum charakterisiert und distanziert zu betrachten. Zentrum der Versuchungen ist James Franco als Selfmade-Rapper, Dealer und Britney Spears Enthusiast, der gegen Filmmitte aufkommt und eine der besten Leistungen seiner Karriere gibt. Als bizarrer Krimineller mit ständigem Beißer-Grinsen und undurchschaubarem Charakter ist er moralischer Bodensatz, den Mädels verführerischer Rebell und Bedrohung zugleich, und dank Geldbergen und lokalem Bekanntheitsgrad, ein echter Star für sie, ein Leben voller Geld und Gefahren versprechend. Ein Spiel, bei dem sich beide Seiten nicht sicher sein können, ob sie dem gegenüber gewachsen sind.

Inszenatorisch ist Korines Film ein ebenso mitreißendes, wie frustrierendes Erlebnis. Eingefangen vom Kameramann von Enter the Void und Irreversible und vertont vom Komponist von Drive ist das Material visuell und auditiv einer der fesselndsten Titel des Jahres, und teilweise sehr großartig eingefangen, aber es ist teils ungünstig zusammengeschnitten. Korine beharrt auf ständiger Bilderflut, oftmals mit verschiedenen Farbfiltern, die nerven, wenn auch nicht so wild wie bei Tony Scotts schlimmsten Domino-Ergüssen, doch schlimmer noch sind endlose Wiederholungen. Antichronologisch sind immer wieder Fetzen aus den früheren oder späteren Filmszenen eingestreut, die unnötig verwirren, meistens elendig nerven und nichts auszusagen wissen. Darüber hinaus ist eine finale Texttafel, die am Filmende eingeblendet wird, kurz reichlich überflüssig, störend.

Fazit:
Harmony Korines finstere Dekonstruktion jugendlicher Partysehnsüchte ist ein herber Schlag für jeden, der heiteren Sommerspaß erwartet, aber ein interessant kritisches Portrait, das besonders zynisch darin ist, jugendliche Nachdenklichkeit zu beobachten und strafen. Ein ungemein schicker, aber auch anstrengend zu schauender Film, in dem James Franco in einer völlig schrägen Rolle mit Cornrows und Grillz brillieren darf.

7 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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