BG Kritik:

Stella


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Diese Kritik erschien im Rahmen der Kritikenreihe 'Treasure Monday'. Was ist 'Treasure Monday'?

Stella (USA 2008)
Regisseur: Sylvie Verheyde
Cast: Léora Barbara, Mélissa Rodrigues, Benjamin Biolay, Karole Rocher, u.a.

Story:
Paris in den 1970ern: Die junge Stella wächst im Arbeiterviertel auf und verbringt als Heranwachsende viel Zeit in der Kneipe, die ihre Eltern führen. Durch einen Zufall gerät Stella an ein bürgerliches Gymnasium und damit praktisch in eine gänzlich andere Welt.

Was macht man, wenn man durch Zufall einen Film im TV entdeckt, von diesem ganz hingerissen ist und dann feststellt, dass er auf Heimkinoformaten nicht erhältlich ist?

Schade: Dieser Film ist nicht auf DVD mit deutscher Synchro erhältlich.


Es gibt ein derartiges quantitatives Überangebot an Filmen aus aller Welt, dass Kino, TV, Heimkino und heutige Streaming Portale gar nicht in der Lage sein können, wirklich alles zur Verfügung zu stellen. Es kann die Aufgabe einer Filmkritik sein, im Überangebot der globalen Filmproduktion die Höhepunkte herauszufiltern, die Spreu vom Weizen zu trennen, oder auf so genannte Geheimtipps hinzuweisen. „Stella“, ein Film der französischen Regisseurin Sylvie Verheyde, ist so ein Fall. „Stella“ ist mit Sicherheit nicht der größte, obskurste oder in seiner Qualität sensationellste Geheimtipp unter der Sonne, doch er hat zumindest diesen Autor so positiv überrascht und bewegt, dass er sich erstmalig gezwungen sieht eine selbst gesetzte Regel, das „Ich“ in Kritiken zu vermeiden, zu brechen.

Auf irgendeiner Liste irgendeines britischen oder amerikanischen Filmkritikers hatte ich „Stella“ mal entdeckt. Ein Film, der nicht als unfassbares Meisterwerk angepriesen wurde, der mir aber im Gedächtnis blieb, wie das bei vielen Filmen der Fall ist, die als positive Nennungen auf Listen erscheinen, ohne dass ich jemals zuvor davon gehört hatte. „Stella“ lief im September 2011 auf dem deutsch-französischen TV-Sender arte (Wo auch sonst? Sorry, 3Sat.) und zwar in einer prächtig gelungenen deutschen Synchro, was die generelle Nicht-Existenz einer deutschen DVD Version umso erstaunlicher und ärgerlicher erscheinen lässt. Als Import aus Frankreich ist „Stella“ auf DVD erhältlich, mit etwas Glück sogar aus Spanien und Italien, wo die Scheibe nicht mehr produziert zu werden scheint. Doch wer des Französischen nicht auf annähernd muttersprachlichem Niveau mächtig ist, braucht bei diesem Film Hilfe. Und sei es nur über deutsche Untertitel. Bei einem Film wie „Stella“ zeigt sich zudem, wie der hiesige Synchronisierungswahn auch mal positive Seiten entwickelt. Man hat die Wahl zwischen hundertprozentiger Authentizität mit eingeschränktem Verständnis oder hundertprozentigem Verständnis mit leicht eingeschränkter Authentizität. Denn so befremdlich ist es nicht, den Lebensweg eines Mädchens in einem Film zu folgen, das Deutsch spricht, obwohl der Film in Frankreich angesiedelt ist.

Premiere 2008 auf dem Filmfestival von Venedig.


Die elfjährige Stella (wunderbar gespielt von Léora Barbara) ist nicht nur Hauptfigur dieses nach ihr benannten Films, sie führt uns auch als Erzählerin durch ihren Alltag. Es ist der aufgeweckte, freche, häufig sarkastisch und manchmal auch wunderbar kindische Ton des jungen Mädchens, der fasziniert und begeistert, und den man am besten dann versteht, wenn er als gesprochene Worte aus dem Mund Stellas kommen. Stellas verbale Art würde an Effektivität, Witz und Emotionen einbüßen, müsste man die Worte lesen, statt sie akustisch zu verstehen. Oder wenn das nicht, dann ist die Synchronisierung zumindest eine Art der verzerrten Authentizität, die keineswegs schadet. Sophie Verheydes junge Heldin ist ein so unverfälschtes wie faszinierendes Mädchen, das sich bald an einem Wendepunkt im Leben wiederfindet, ohne das zu Beginn so direkt zu erahnen.

Zunächst lässt Verheyde Sozialwelten aufeinander prallen. Die gutbürgerliche Welt der neuen Schule, mit einer ungewohnten Strenge und einem Sinn für Regeln und Sitten, passt zunächst kaum in und zu Stellas Welt. Ihr Elternhaus sieht gänzlich anders aus, denn die Eltern verbringen nahezu jede freie Minute in der eigenen Kneipe und haben nicht immer ausreichend Zeit und Ruhe, um ihre Tochter zu erziehen. Stella geht in der Kneipe ein und aus, ist mit Stammgästen bekannt, die für sie wie Onkel sind, wie Erweiterungen der eigenen Familie. Stella weiß, wie eine Familie aussieht, und doch stellt sie schnell fest, dass ihre Klassenkameraden und Kameradinnen aus leicht anderen Welten kommen. Stellas Eltern sind keine Idioten, die ihr Kind vollkommen verwahrlosen lassen. Sie sind bemüht, doch der Stress in der Kneipe setzt ihnen zu und eigene Probleme, Eheprobleme, belasten beide. Insbesondere die anti-autoritäre Einstellung der Mutter hat einen Einfluss auf Stella. Nicht nur, weil die Mutter es Stella mehr oder weniger freistellt, für die Schule zu arbeiten, sondern auch, da die Mutter als Zukunfts-Ich des jungen Mädchens vorlebt, was Stella irgendwann vielleicht auch widerfahren könnte. Nach anfänglichen und teils gewalttätigen Problemen in der Schule, findet Stella in Gladys eine neue Freundin und einen neuen Einfluss. Doch die Entscheidung, was bzw. wie viel sie für ihre Zukunft bereit ist zu investieren, muss sie selbst treffen. Der wunderbar lebensnahe und behutsam erzählte Film fasziniert durchgängig mit diesem emotionalen und authentischen Blick auf unterschiedliche Welten im Sozialen. Bis zum letzten Drittel.

Dann, wenn man die stressige, harte und zuweilen trostlose Welt der unteren Einkommensschicht, aus der Stella kommt, einsortiert hat, besucht das junge Mädchen die Oma. Die wohnt in einem ländlichen, von der Welt vergessenen Dorf. Hier lebt die einzige andere Freundin, die Stella hat. Über dieses Dorf, die Oma und die Freundin wird aus einem guten und interessanten Film ein besonderer Film. Ein Film von der Sorte, die man aufgrund vager Erinnerung im TV entdeckt und die den Zuschauer, nicht zuletzt durch den musikunterstützt fantastischen Schluss, im positivsten Sinne emotional aufgewühlt zurücklassen. Kurz gesagt: „Stella“ ist ein Film, den man gesehen haben sollte und den ich sofort auf einer ordentlich gemachten deutschen DVD kaufen würde.

Fazit:

Bitte mal auf DVD herausbringen! Sylvie Verheydes Jugenddrama/Coming of Age Film ist ein lebensnahes Wunderwerk, das weder gnadenlos niederschlägt, noch mit grellem Humor simplifiziert. Ein emotionaler Film mit einer wunderbar faszinierenden Hauptfigur.

8,5 / 10

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