BG Kritik:

Still Alice - Mein Leben ohne Gestern


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!



Still Alice (USA, Frankreich 2015)
Regisseur: Richard Glatzer, Wash Westmoreland
Cast: Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart, Kate Bosworth, u.a.

Story:
Linguistic Professorin Alice Howland (Moore) hat eine erfolgreiche Karriere und eine glückliche Familie. Als Alice ein paar kleinere Unregelmäßigkeiten an sich entdeckt, geht sie zum Arzt, wo sie die erschütternde Diagnose erhält, an einer Frühform der Alzheimer-Krankheit zu leiden.

Julianne Moore hat endlich einen Oscar. Und den bekam sie zum Glück für die richtige Rolle.

Als Folge seiner ALS Erkrankung inszenierte Richard Glatzer den Film mit einer Sprach-Text-App auf dem Tablet.


„Lexikon.“ Alice Howland ist Professorin für Linguistik an der hochangesehenen Columbia Universität in New York. Bei einem Vortrag über Sprache im vollbesetzten Hörsaal stolpert sie über ein Wort, welches ihr nicht direkt einfallen will. Erst im Auto auf dem Rückweg fällt der Groschen. „Lexikon.“ Sprache, Worte, verbale Kommunikation sind für Alices Leben essentielle Kernelemente, untrennbar mit ihrem Beruf und mit ihrem Privatleben verbunden. Nun hat Alices gewaltiges inneres Lexikon damit bekommen, sich nach und nach aufzulösen. Dass Alice eine hochgebildete, intellektuelle und wohl auch gut verdienende Frau mit einer auf den ersten Blick perfekten Familie ist, macht ihr Schicksal nicht zu einem weltfremden „Elite Leiden“, sondern spiegelt den unaufhaltsamen geistigen Verfall und gibt diesem einen Hintergrund, der die quälende Grausamkeit der Alzheimer Krankheit noch verstärkt. Die geistige Fallhöhe ist größer, doch insbesondere ist Alices Reaktion auf das kurz darauf fallende, unwiderrufliche Urteil namens Alzheimer anders, als wir das von bisherigen Demenz- und Alzheimerfilmen wie „An ihrer Seite“, „Iris“ und „Amour – Liebe“ kennen. In erster Linie, weil dieser Film Alices Perspektive einnimmt und nicht die ihrer Mitmenschen.

Julianne Moore liefert hier wahrscheinlich die beste Darbietung ihrer Karriere ab, was für den fünffach oscarnominierten Star aus „Boogie Nights“, „Safe“, „Dem Himmel so fern“ und „The Hours“ viel bedeutet. Moores enorm komplexe Aufgabe ist es, Alice Howland innerhalb von kaum zwanzig Minuten zu einem voll geformten, greifbaren Charakter zu machen, dessen graduelles Verschwinden im dunklen Tunnel namens Alzheimer wir im Folgenden beobachten können. Moore schöpft zweifellos aus dem reichhaltigen Fundus ihrer natürlichen Sympathie, doch ihr nuanciertes Spiel verblüfft, wie es auch erschreckt. Regisseur Richard Glatzer, der an ALS leidet, und sein Lebens- und Arbeitspartner Wash Westmoreland verpassen uns regelmäßig kleinere und größere Schläge in die Magengrube, die Moore mit ihrem Spiel noch intensiviert. Es ist ein erschütternder Moment des Verloren-seins, wenn Alice während einer eigentlich vertrauten Jogging Runde plötzlich nicht mehr weiß, wo sie sich befindet. Kurz darauf lässt uns die Schonungslosigkeit der unbeweglichen Kamera Zeuge werden, wie Alice – hier noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte – die Diagnose vom Arzt erhält.

Julianne Moore drehte diesen Film in einer einmonatigen Pause vom vierten „Die Tribute von Panem“ Film.


Basierend auf dem gleichnamigen 2007er Roman von Lisa Genova findet das Drehbuch mehrere kleinere und größere Wege, Alices Abstieg sicht- und fühlbar zu machen. Ihre Aussagen werden vager, ihr Blick suchender. Eine ihr neu vorgestellte Person begrüßt Alice kurz darauf ein zweites Mal, als seien sie sich nun erst zum allerersten Mal begegnet. Gleichzeitig wird ein Wort-Spiel auf dem Handy, ähnlich „Scrabble“, immer mehr zur Herausforderung. Alice versucht sich geistig fit zu halten, nutzt aber auch die moderne Technologie des 21. Jahrhunderts, um sich und ihre Familie für das Unausweichliche ihrer Krankheit vorzubereiten. Glatzer und Westmoreland nutzen dabei effektiv die Möglichkeiten eines Films, setzen Ellipsen und ziehen uns wie Alice den Boden unter den Füßen weg, wenn sich ein vermeintlich simpler Szenenwechsel als Zeitsprung von mehreren Wochen oder gar Monaten entpuppt. Für Alice zerfließt die Zeit, zergeht wie Wasser zwischen den Fingern.

„Still Alice“ ist ganz zentral Julianne Moores Film, doch im begrenzten Rahmen einer 100 Minuten Filmadaption eines Romans leisten ihre Kollegen Beachtliches. Ein ungewohnt zurückgenommener Alec Baldwin macht die Hilflosigkeit seiner Rolle als Ehemann, dessen Frau täglich tiefer und tiefer im Dunkel des Vergessens versinkt, schmerzlich spürbar, wie auch Kate Bosworth als älteste Tochter, die eigentlich gerade mit ihrem eigenen Leben durchstarten will und das auch tut. Dass manche potentiellen Nebenhandlungsstränge ein wenig abrupt enden oder kommentarlos auslaufen, z.B. im Falle der Erblichkeit der Alzheimer-Krankheit, ist bedauerlich, aber verkraft- und erklärbar. Neben Moore ist es erneut Kristen Stewart, die positiv überrascht. Nach ihrer starken Leistung an der Seite von Juliette Binoche in „Die Wolken von Sils Maria“ hat Stewart ihren Durchbruch als Star aus „Twilight“ bemerkenswert genutzt um sich zu testen und größeren Herausforderungen zu stellen. Als jüngste von Alices Töchtern ist Stewart noch auf der Suche, will Schauspielerin werden und wehrt sich gegen die elterlichen Ratschläge zu einer akademischen Karriere. Alices Krankheit sorgt für einen neuen Impuls in der schwierigen Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Dass uns über die Schauspielambitionen von Tochter Lydia auch literarische Parallel- und Spiegelwelten präsentiert werden, darunter Tony Kushners AIDS Epos „Angels in America“, ist gar nicht nötig und doch ein weiterer reizvoller Weg „Still Alice“ zu mehr zu machen, als zu einem bitteren Abstieg ins Vergessen. Auf der ungefähren Mitte ihrer Krankheit stellt sich Alice einer Gruppe von Zuhörern und spricht, immer die Forscherin des Geistes und der Kommunikation, über ihr „neues“ Leben. Alzheimer ist ein Kampf mit unveränderlichem Ausgang, doch ein Kampf, dessen Weg man beeinflussen kann.

Fazit:

Stark gespieltes und emotional mitreißendes Alzheimer Drama mit einer großartigen Julianne Moore in der Hauptrolle.

7,5 / 10

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