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Kritik:
I'm still here


von Christian Mester

I'M STILL HERE (2011)
Regie: Casey Affleck
Darsteller: Joaquin Phoenix, P Diddy, Casey Affleck

Story:
Oktober 2008: Oscar-Nominee Joaquin Phoenix ("Walk the Line", "Gladiator", "8mm") schockt Filmfans, Kollegen und Medienvertreter, in dem er ankündigt, das Schauspiel aufzugeben und stattdessen eine Karriere als Musiker zu starten - als Hip/Hop Künstler. Während sich die Medien auf Phoenix' schier unglaubliche Wandlung stürzen, filmt ihn sein bester Freund Casey Affleck. Eine Beobachtung, die Ende 2010 als inszenierter 'Performance Act' offenbart war und daraufhin als Doku limitiert in die US-Kinos kam. Gelungenes Experiment?

Testmuster: UK DVD, VÖ. 10.1.11

Kritik:
Joaquin Phoenix fiel bislang erst zweimal weitläufig auf - in seiner Rolle als hinterlistiger Kaiserkiller Commodus in "Gladiator" und als magnetisierender Johnny Cash in "Walk the Line" - doch wer sich ein wenig näher mit Filmen beschäftigt, der weiß, dass er ein sehr fähiger Schauspieler ist, der in seinen Filmen solide Leistungen bringt. Kennt man die Hintergründe besser, weiß man auch, dass Phoenix ein etwas kauziger Typ ist, der ähnlich wie Val Kilmer relativ eigensinnig, nicht immer leicht im Umgang und oftmals recht unberechenbar ausfällt. Er ist impulsiv, kein typischer Hollywood-Sonnyboy und, wie man in "Walk the Line" sehen durfte, auch musikalisch recht talentiert. Von daher war die Vorstellung 2008 nicht völlig aus der Luft gegriffen, dass Phoenix seine Karriere an den Nägel hängen und hauptberuflicher Musiker werden würde.

Was dem Projekt jedoch von Beginn an jede Glaubwürdigkeit nahm, war die Behauptung, dass Phoenix von allen möglichen Musikrichtungen ausgerechnet im Hip/Hop Business Fuß fassen wollte. Nun gibt es viele Schauspieler, die nebenbei Musik machen, auch im Hip/Hop Bereich, doch in der Regel macht jeder Schauspieler auch das, was in etwa zu seiner Persönlichkeit passt, oder, wie im Falle Viggo Mortensens, in obskursten Indie-Kreisen. Es passte nun überhaupt nicht, dass ein weißer, bärtiger Mittdreißiger Puertoricaner-Filmstar plötzlich MTV-fähigen, kommerziellen Club-Sound präsentieren wollte - und Phoenix wollte sogar ganz nach oben, weswegen er Hilfe von Rapmogul P Diddy ersuchte.

Nicht nur, dass die Idee zum Scheitern verurteilt schien, bevor auch nur irgendetwas Musikalisches von Phoenix zu sehen oder hören existierte versetzte der Mann seiner Glaubwürdigkeit selbst den letzten Tritt, als er im Februar 2009 in seiner neuen Rolle in der David Letterman Late Show auftrat. In einem übertrieben wortkargen Auftritt, bei dem Phoenix sichtlich mit sich ringen musstm, nicht selbst lauthals aufzulachen, machte er versehentlich unmissverständlich klar, dass alles nur blanke Show war. Ein Auftritt, der medienweit zerrissen und anschließend sogar bei den Oscars als Sketch aufgeführt wurde. Trotz der fehlenden Glaubwürdigkeit der Aktion durfte man dennoch gespannt darüber sein, was für einen Film die beiden überaus fähigen Schauspieler da insgeheim vorbereiteten. War es eine schreiend komische Komödie ala "Borat"? Eine harsche Analyse der Medienlandschaft im Stil der Michael Moore Dokus? Eine Parodie des Hip/Hop Geschäfts, oder gar über Schauspieler, die meinen, plötzlich auch Singen zu müssen? Der Film konnte exzellent sein, ganz gleich, ob die dafür nötige Rolle real oder gefälscht war. Zunächst muss man wissen, dass Phoenix' Scheinverwandlung nur zur Hälfte Schein war. Er hatte keine Verkleidung und tat in der Tat genau das, was er vorgab zu tun: seit seines Abdrehs des Dramas "Two Lovers" Mitte 2008 hatte er keinen Schauspieljob mehr angenommen. Er verbrachte Wochen damit, Musik aufzunehmen, trat eigenhändig in verschiedenen Clubs auf und versuchte in der Tat, als Rapper Karriere zu machen, ein Lebensabschnitt, den der Film dokumentiert. Es gab kein Script, nahezu kaum inszenierte Szenen - Phoenix schlüpfte in die Rolle eines scheinbar wirren Alter Egos, das Rapper werden wollte, und lebte diese Rolle über zwei Jahre lang mit einem filmenden Casey Affleck an seiner Seite, in der Hoffnung, dass das, was dabei herum kommen würde, interessant sein würde.

Das ist es leider nicht, und es hat auch absolut nichts damit zu tun, dass der "Spaß" nie ernst zu nehmen war. "I'm still here" ist ein schlechter Film über eine uninteressante Figur, die nichts unterhaltsames erlebt. Fake Phoenix mag in der Letterman-Show halbwegs lustig gewesen sein (eine Szene, die auch im Film vorkommt), doch im Film ist er ein stammelnder Nichtsnutz, der sich ellenlang mit komischen Freunden abgibt (die regelmäßig nackt durch seine Wohnung laufen und sein Bett auch mal als Klo benutzen, verquaster Unsinn, ohne je "Jackass" Spaß-Irrsinn zu versprühen) und einen außerordentlich schlechten Rapper abgibt. Dabei ist er nicht einmal so schlecht, dass es wieder lustig wäre - er ist kein Star Wars Kid und auch kein Borat. Das Spaß fehlt, wäre zu ertragen, wäre es ein emotionales Konstrukt, der Niedergang, der selbstzerstörerische Untergang eines verglühenden Stars, doch obwohl Fake Phoenix randaliert, sich mit anderen schlägt, Drogen nimmt, sich Prostituierte bestellt und im Finale unter emotional schwerer Musik gedankenverloren durch einen Fluss stapft, gibt es keine persönliche oder emotionale Stärke; das pseudoharte Rockstar-Verhalten, das in Richtung eines Jim Morrison schielt, wirkt aufgesetzt, das Ziellose zu ziellos. Wie er im Film selbst erinnert, mag er zwar wie ein Obdachloser aussehen und als Rapper verpönt sein, ist aber nebenbei ein millionenschwerer, angesehener Künstler mit Freunden und Familie, dem es eigentlich an nichts fehlt, der keine emotionalen Tiefen haben sollte. Er versteht sogar selbst, dass sein Flow, sein Stimme, sein Talent schlecht ist, und da er nichts erwartet, nichts kann und scheitert, ist es unmöglich, irgendetwas für Fake Phoenix zu empfinden. Er ist nie traurig, nie ernsthaft wütend, hat nie Spaß und legt eine Gleichgültigkeit an den Tag, die Gleichgültigkeit entgegnen lässt. Es gibt auch keinen spürbaren Wandel, keinen Nervenzusammenbruch, keine Fügung, keine Erkenntnis oder Änderung in der Person Fake Phoenix. Die einzigen größeren Ausbrüche sind sinnlose Beleidigungen seiner Assistenten, in denen der größtenteils langweilige Charakter für wenige Momente zumindest unsympathisch wird. Die einzigen wenigen interessanten Momente sind echte Konfrontationen, bei denen das Experiment Fake Phoenix auf andere trifft. So ist ein P Diddy absolut verdutzt über den von ihm geschätzten Schauspieler, ein Ben Stiller kann es nicht glauben, dass er so komisch ist und auch Edward James Olmos und Mos Def reagieren mit ehrlicher Sprachlosigkeit. Was man dem Film allenfalls zusprechen kann ist die Tatsache, dass der Film hundertprozentig authentisch und nie wie ein Film wirkt - wüsste man es nicht, würde man absolut abkaufen, dass es eine echte Dokumentation ist. Das bringt jedoch nichts, da der Film so langweilig und nichtssagend ist, als dokumentiere man zwei Stunden lang, wie das Gras im Garten wächst.

Regietechnisch ist es bis auf eine abschließend wortlose Szene in der Natur ein langatmiger, langweiliger Film in grober DV-Optik, der oftmals schwachen Sound hat, zumal Phoenix manches Mal so undeutlich nuschelt, dass man ohne Untertitel nicht weit käme.

Fazit:
"I'm still here" hätte irgendetwas werden können - etwas amüsantes, nachdenkliches, intelligentes, böses, selbstironisches, irgendetwas, doch das Endergebnis ist auf dem Niveau jener veröffentlichten David Hasselhoff Heimvideos, in denen der ehemalige Rettungsschwimmer betrunken auf dem Boden herum kroch und peinlich lallend Cheeseburger aß.

2 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

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