BG Kritik:

Stories we tell


von Christian Westhus

Stories we tell (Kanada 2012)
Regisseur: Sarah Polley
Personen: Michael Polley, Sarah Polley, John Buchan, Susy Buchan, Mark Polley, Joanna Polley, Harry Gulkin u.a.

Story:
Schauspielerin und Filmemacherin Sarah Polley findet heraus, dass der Mann, den sie ihr Leben lang als ihren Vater angesehen hat, nicht ihr biologischer Erzeuger ist. Sie sucht ihre vier Geschwister und einige Begleiter ihrer drei Elternteile zusammen, um ein Verständnis für das Leben ihrer Eltern zu erhalten. Doch die verschiedenen Impressionen lassen vermuten, dass es keine eine Wahrheit gibt.

Sarah Polley lässt uns in der Doku „Stories we tell“ auf ihre eigene Familie blicken, als sie erfährt, dass ihr Vater nicht ihr richtiger Vater ist.

Sarah Polley spielte eine Hauptrolle im Remake von "Dawn of the Dead".


„Wer sollte sich schon für unsere Geschichte interessieren?“, fragt Joanna Polley, Schwester der kanadischen Schauspielerin und Filmemacherin Sarah Polley, als sie die Lebensgeschichte ihrer Eltern in ihrer eigenen Version vor der laufenden Kamera nacherzählen soll. Polley ist kein Weltstar und auch wenn ihre Eltern ein wenig über die Grenzen der Theaterszene von Montreal und Toronto bekannt waren, ist das für die meisten Zuschauer noch immer fremd und weit weg. Polley, die seit einigen Jahren kaum noch als Schauspielerin aufgetreten ist, sich vielmehr hinter der Kamera probierte, erkannte das Potential ihrer durch neue Erkenntnisse durcheinander geratenen Familiengeschichte. Es ist nicht das Porträt der wenig berühmten Familie Polley, ist es der Versuch einer Filmemacherin, nicht nur ihre eigenen Erfahrungen, sondern auch ihre eigene Privatsphäre zu öffnen, um über die schicksalshaften Wahrheiten zu erzählen, die das Leben so schreibt.

„Stories we tell“ soll der Versuch sein, aufzuzeigen, wie Menschen die Vergangenheit und ihre Erfahrungen in erzähl- und erinnerbare Geschichten verwandeln. Polley lässt diverse Personen vor die Kamera; Familienmitglieder, Freunde und Lebensbegleiter. Sie sollen über Polleys früh verstorbene Mutter Diane sprechen, über ihren Vater Michael und über die Zeit knapp ein Jahr vor Sarahs Geburt, als zwischen Montreal und Toronto etwas passierte, das großen subjektiven Interpretationsspielraum bietet. So entsteht ein faszinierendes Erinnerungsprisma aus diversen Perspektiven, ein „Rashômon“ Effekt des wahren Lebens, wenn verschiedene subjektive „Wahrheiten“ eine nicht ganz deckungsgleich überlappende Wahrheit kreieren. Es ist eine unterhaltsame, emotionale und sehr persönliche Reise in die Vergangenheit einer Familie, mit gewitzt oder spannend formulierten Anekdoten.

Dritte Regiearbeit Polleys nach "An ihrer Seite" und "Take this Waltz".


Es ist aber auch ein Film übers bewusst fiktive Geschichtenerzählen, wie entwickelte Narrativen und geschriebene Figuren ihren Einfluss auf uns haben. So wird von einigen Gesprächspartnern vermutet, Diane verliebte sich in ihren späteren Ehemann Michael Polley, als dieser eine Rolle auf der Theaterbühne spielte. Diane verliebte sich in diese Rolle und tat sich schwer, mit der bedeutend ruhigeren, verschlossenen „Wahrheit“ namens Michael Polley umzugehen. Es zeigt von schicksalhafter Ironie, wenn Michael und Diane Jahre später erneut ein Stück zusammen auf der Bühne aufführen, in dem es um einen Mann geht, der herausfinden will, welcher der drei Söhne einer ehemaligen Geliebten sein leiblicher Sohn ist. Sarah Polley verstärkt dieses Thema der dramatisierten „falschen“ Wahrheit, indem sie reale Familien-Filmaufnahmen und mit Schauspielern nachgestellte Spielszenen der Vergangenheit ohne Hinweis miteinander vermengt. Ein faszinierender Dopplungseffekt entsteht, der nicht nur die Wahrheit im Nachspielen sucht, sondern uns auch nach der Wahrheit in Gesichtern suchen lässt. Und nicht erst, als Sarahs neu gefundene Tante das große Zahnfleischlächeln als Beweis ihrer Verwandtschaft anspricht.

Liebte Diane Michael Polley und wollte einfach nur, dass er ein bisschen mehr aus sich herauskommt? Oder liebte Diane Sarah Polleys leiblichen Vater, der in wehmütiger Erinnerung auf Fotos schaut und von der unbeschreiblichen Intensität der Liebe zwischen ihm und Diane spricht. So scheint Sarah Polley bei der Suche nach ihrem leiblichen Vater ihre Mutter gefunden zu haben. Dennoch entlässt sie aus ihrer eigenen Geschichte, aus ihrer inszenierten und selektierten Essay-Doku mit einem Verständnis für ihre beiden Väter und ihren eigenen, subjektiven und subjektiv wahren Geschichten. Sie lässt Michael Polley einen extrem persönlichen Voice-Over Kommentar einsprechen, doch statt ihn als Kleber für Szenenübergänge zu nutzen, zeigt sie uns die Szenen im Tonstudio. Die Familie Polley hat einen besonderen Humor. So wurden schon zu Sarahs Kindheitstagen Witze darüber gemacht, sie sei wahrscheinlich gar nicht Michaels leibliche Tochter, sehe ihm kaum ähnlich und sei gezeugt worden, als Michael in Toronto und Diane in Montreal weilte. So gibt uns Sarah Polley augenzwinkernd ganz zum Schluss noch eine Abschlussanekdote, eine neue Offenbarung mit auf den Weg, die im Kontext dieses Erinnerungskaleidoskops wie ein „Es hätte auch alles ganz anders kommen können“ Abschlussgag am Esstisch im Hause Polley wirkt.

Fazit:

Extrem persönliche und sehr faszinierende Essay-Doku von Sarah Polley. Gleichzeitig familiäre Reise in die eigene Vergangenheit, Porträt dreier Eltern und ein Diskurs im fiktiven oder „wahrhaften“ Geschichtenerzählen.

7,5 / 10
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