BG Kritik:

Straight Outta Compton


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Straight Outta Compton (US 2015)
Regisseur: Felix Gary Gray
Cast: Corey Hawkins, O Shea Jackson, Paul Giamatti

Story: Das fast 3 Stunden lange Biopic Straight Outta Compton beleuchtet die Anfänge der beiden Rap-Ikonen Andre Young alias Dr Dre und O‘Shea Jackson senior alias Ice Cube , die 1986 aus Frust über die tägliche Polizeigewalt in ihren Vierteln die kontroverse Gruppe NWA gründeten.

Versiert.

Ice Cubes Sohn spielt Ice Cube


Als Eminems 8 Mile im Jahr 2002 zum Welterfolg wurde, gab es rasch Pläne für zahlreiche weitere Filme. Tupac, Ice-T, Jay-Z, P Diddy, Nas, Run DMC und viele andere boten sich mit ihren ähnlichen Lebensläufen an, doch aus den Startlöchern kamen nur der damalige Neuling 50 Cent und ein trostloser Film über Tupacs Rivalen Notorious BIG. Als deren Werke kläglich in Irrelevanz versanken, schwand Hollywoods Interesse an Rap-Historie. Was nun auch immer Dre und Cube dazu veranlasst haben mag, die Platte Rap-Bio erneut einzumischen - es schlug ein wie ein Drive-By Shooting. In den USA war der Film ein Blockbuster. Letztendlich wurde das Drehbuch sogar für einen Oscar nominiert, wenn auch in einem Eklat: die Autoren und einzig Nominierten des Films sind rein zufällig mit die einzigen weißen Beteiligten.

Im Vergleich zu anderen Biopics war dieses von Anfang an befangen: Dre und Cube steuerten das Projekt als Filmproduzenten selbst. Da es ergo leider keine Betrachtung von außerhalb ist, sondern eine gelenkte Vorgabe der thematisierten Rapper selbst, war eigentlich nichts als unreflektierte Selbstbeweihräucherung zu erwarten. Und das ist sie auch, in Teilen. Man zelebriert, wie sich Dr. Dre, Ice Cube und ihre Kollegen rasch von der Hood in Millionen Dollar teure Anwesen mit Pool und Gartenanlage rappten, und das weitestgehend mit genau dem dick aufgetragenen Macho-Bravado, das Gangstarap stilistisch auszeichnet. Laute Auseinandersetzungen, viel Aufplusterei, reißende Feste mit leichten Mädchen und allem was der Kraut- und Pillenschrank so hergibt, inszeniert von MTV Veteran F Gary Gray, der früher Musikvideos für Dr. Dre, Ice Cube, Jay-Z, OutKast, Coolio und TLC gedreht hat. Das ist zwar oft spaßig und qualitativ weit über niveaulosen, desillusionierten Schund wie Bushidos Zeiten ändern dich angelegt, bleibt aber halt auch oberflächlich.

Was SOC jedoch von ähnlich gelagerten Geschichten unterscheidet und zu mehr werden lässt als ein überlanges Hype Williams Musikvideo, ist der Auslöser NWA‘s. Gray erinnert daran, dass junge schwarze Männer aus „urbanen Projekten“ wie Aussätzige behandelt wurden/werden. Mit realistischen Beispielen zeigt er, wie sinnlos brutal und urteilend die Polizei gegen sie vorging. Wichtig ist ihm dabei, dass es nicht konkret um Rassismus geht – so zeigt er, dass die Polizisten unterschiedliche Hautfarben haben, und es somit eher um ein gesellschaftliches, staatlich unterstütztes Vorurteil geht. Wer schwarz ist und nicht wie ein Weißer gekleidet ist, muss folglich kriminell und gefährlich sein, so die Annahme. In der markantesten Szene des Films werden die Jungs auf offener Straße umstellt und gnadenlos zu Boden gedrückt, wegen nichts und wieder nichts. Ihr Plattenproducer, ein Weißer mitte 50 mit Plauze (ein gut aufgelegter Paul Giamatti mit Plastikperrücke), setzt sich empört für seine Jungs ein, doch die Polizisten können es zunächst nicht wahrhaben.

Im Film der sympathischste und am besten gespielte Charakter: Eazy-E


NWA war eine künstlerische Antwort darauf, und dieser Kern lässt es resonanter werden als banale Vermögensglorifizerung und agressive Attitüde. Nicht zuletzt die Ereignisse in der US Stadt Ferguson, in der ein weißer Polizist einen schwarzen, unbewaffneten 18jährigen erschoss, er freigesprochen wurde und es danach zu landesweiten Unruhen kam, machen leider auch heute noch deutlich, dass sich 30 Jahre nach der NWA Gründung nicht ansatzweise genug getan hat, und ein Umdenken noch immer akut notwendig ist.

Diese Elemente sind leider nur mittelprächtig erzählt, stärken dem ansonsten laschen Biopic jedoch den Rücken. Kennt man sich mit der Materie ein wenig aus, ist es interessant, Tupac, Suge Knight, Snoop Dogg und andere Begegnungen der beiden authentisch nachgespielt zu sehen. Das Casting ist dabei ausgesprochen gelungen, insbesondere im Falle Ice Cubes, der von seinem eigenen Sohn gespielt wird. Zwei größere Konflikte nehmen jede Menge Raum ein. Das eine wäre ein Zwist zwischen den beiden Hauptfiguren, der im Kreise ihres immer weiter anwachsenden Reichtums jedoch relativ belanglos wirkt, sowie das tragische Schicksal ihres Freundes Eazy-E. Letzteres gibt mehr her, zeigt jedoch auch auf, dass die Charaktere über den Verlauf des Films recht unnahbar bleiben. Die Story will den tragischen Tod des Freundes als schmerzlichsten Tiefpunkt präsentieren, doch es gelingt Gray nicht. Eine zuvor eingeschobene Szene, in der Dre vom Verlust eines Verwandten hört, fällt emotional sehr viel wirkungsvoller aus. Zuzuschreiben ist dies nicht den Schauspielern, sondern Grays Regie, die es den Schauspielern zuvor abnimmt. Sind diese plakativer auf sich gestellt, wirken sie unsicher und können nicht mitfühlen lassen.

Bedauerlich ist, dass der Film erzählerisch zu spät aufhört. Hätte der Film gegen Mitte der NWA Zeit aufgehört, wäre es ein rein mitreißender Karrierestreifen geworden. So aber fällt gerade die letzte Filmstunde recht flach aus, da Cube und Dr. Dre zu dem Zeitpunkt bereits absurd reich sind und es gleichgültig wird, mit wem sie Streit haben und bei welchem Label sie denn noch mehr Geld verdienen, da sie nachher nur noch in ihren Villen sitzen, sich von ihren Ehefrauen trösten lassen und man Gray keine Chance lässt, die Leere des Vermögens, die Distanz zum ursprünglichen Ensemble der Aufsteiger, Dre's Werdegang zum Mogul oder Ice Cubes oft wenig gangsterhafte Kinokarriere kritisch zu kommentieren. Streicht man diese Aspekte aus dem Leben der beiden, bleibt halt auch nicht viel. Andererseits hätte der Film anschließend vielleicht noch länger gehen sollen, dann hätten nämlich das legendäre Dr. Dre Album 2001 und sein Protege Eminem angestanden.

Fazit:

Straight Outta Compton ist ein zum Teil mitreißendes, lebhaft inszeniertes Biopic für Fans der US Hip Hop Kultur der 90er. Kennt man sich dort aus, erzählt der Film trotz vieler Beschönigungen und Auslassungen mehr als genügend, um seine fast drei Stunden solide zu füllen. Als Drama hat der Film leider nicht unbedingt die stärksten Charaktere oder Konflikte zur Hand, doch zum Glück hält sich der Film über den NWA Ursprung nie lange damit auf.

6 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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