Kritik:
Sucker Punch
von
Christian Westhus
SUCKER PUNCH
(2011)
Regie: Zack Snyder
Darsteller: Emily Browning, Abbie
Cornish, Vanessa Hudgens
Story:
Nachdem eine zierliche 20jährige
(Emily Browning) in einer
Notsituation versehentlich ihre
Schwester erschießt, bugsiert sie
ihr (natürlich) niederträchtiger
Schwiegervater in eine Anstalt für
geistig Gestörte. Fünf Tage bleiben
ihr bis zu einer angeordneten
Lobotomie. Tage, in denen sie sich
in eine für sie vollkommen reale
Fantasie flüchtet... in welcher sie
sich wiederum in eine noch
tiefer liegende Fantasie flüchtet.
Parallel versucht sie, mit anderen
Mädels (Abbie Cornish, Vanessa
Hudgens, Jena Malone, Jamie Chung)
aus dem Institut zu fliehen.
Kritik:
Hätte, hätte, Fahrradkette. Heute,
aus dem großen Buch der versemmelten
Möglichkeiten, die Legende von „Sucker
Punch“ oder wie aus einem feuchten
Bubentraum eine planlose
Schlüpperparade im Videospiel-Look
wurde. „Watchmen“ Regisseur Zack
Snyder inszeniert hier erstmals nach
eigenem Drehbuch und hätte den
ultimativen Unterhaltungsfilm des
21. Jahrhunderts schaffen können. In
zelebrierter Künstlichkeit lässt
Snyder den inneren 13-Jährigen von
der Leine und der keult sich einen
feuchten Fiebertraum auf zu viele
Videospiele, Mangas und schlechte
Pornos. Es hätte so simpel werden
können und so genial, mit einer
einfachen wie effektiven
Traumrealität, in der schlicht alles
möglich ist und durch die jagt man
dann eine Hand voll dürftig
bekleideter junger Frau und lässt
sie gegen die wildesten Ausgeburten
der berauschten Jungenphantasie
antreten. Riesensamurai, Cyborgs,
Drachen, Orcs und Zombie-Deutsche
aus dem 1. Weltkrieg. Das bedurfte
kaum wirklich Erklärung, sondern
einfach nur den Willen, ordentlich
aufs Fressbrett zu geben und das
ohne Rücksicht auf Verluste und
einfach des schieren,
testosterongesteuerten
Entertainments wegen. Es hätte…
Tatsächlich ist „Sucker Punch“ eine
gewaltige Enttäuschung und ein in
seiner Inkonsequenz und
Uneinheitlichkeit bemerkenswertes
Beispiel dafür, wie eigener Antrieb
eines passionierten Filmemachers,
Finanzkalkül und ungenaue
Zielgruppen einen espritarmen
Hybrid-Film ergeben, der jederzeit
droht, in sich zusammenzufallen.
Snyder will irgendwie tatsächlich
eine Geschichte erzählen, räumt
dieser großzügig gut zwei Drittel
der Laufzeit ein, will aber
natürlich auch die digital
hochgerüsteten Schauwerte mit
Finesse präsentieren. Also Knall,
Bumm, Peng und knappe Höschen mit
Sinn, Verstand und Relevanz und das
geht für gewöhnlich in die Hose.
Snyders Film ist fürwahr
ambitioniert und in gewisser Weise
mutig, aber es macht sein Scheitern
auch nur offensichtlicher. Gleich zu
beginn schläft er mal wieder auf dem
Slow-Mo-Knopf ein und zieht und
dehnt das Intro, um das
düster-bedrückende Elternhaus
unserer Protagonisten Baby Doll, in
ungeahnte Längen. Für seinen
Zeitlupen-Fetisch war Snyder eh
schon berüchtigt, doch „Sucker Punch“
ist reinster Exzess. Der böse
Stiefvater bedrängt unsere Baby Doll
und nach einem Unglück muss das
platinblonde Püppchen ins Irrenhaus
der besonderen Art. Gewöhnliche
Regisseure, die sich mit belangloser
Computer-Action-Unterhaltung
begnügen, hätten diesen Plot grob
abgehandelt, um dann mit Wonne die
unbegrenzten Möglichkeiten der
Vorstellung zu ergreifen. Snyder
will mehr, rückt Baby Dolls
Schicksal und Psyche ganz zentral in
den Fokus und baut sämtliche
Actionausflüge schmückend darum. Die
Bemühungen sind bewundernswert, doch
es kommt nichts bei rum. Schon nach
zwei Minuten kommt Langeweile auf,
wenn wir uns doch laut Snyder mit
dem bedauernswerten Schicksal eines
jungen Mädchens intensiver befassen
sollten. Es lässt leider emotional
reichlich kalt.
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Dank eines erzählerischen Lapsus
erste Güte zieht uns Snyder den
Boden unter den Füßen weg und somit
die Möglichkeit, die Figuren oder
die Action irgendwie zu goutieren.
Im Irrenhaus soll unsere Heldin
lobotomisiert werden und plötzlich
entdeckt sie, dass sie durch Tanz
und Musik eine transzendentale Reise
durch ihren Geist unternehmen kann,
wo ihr ein bedeppert dreinblickender
Herr verklickert, wie sie ausbrechen
kann. Die Videospielreise zu fünf
Artefakten beginnt und der gute Mann
haut in jedem neuen Level der
Videospiel-Hatz neue Erklärungen
heraus. Einfallsloses
Briefing-Palaver. Er schildert das
Szenario, da sind die Schurken, da
das Ziel, let’s go! Und dann purzeln
die fünf Mädels in fetischisierter
Klamotte durch aufwendig stilisierte
Sets und Landschaften und zerlegen
das überwiegend männliche und
monströse Gekröse, was sich ihnen in
den Weg stellt. Das wäre an sich die
reinste Herrlichkeit, aber Snyder
will ja eine richtige Handlung und
richtige Figuren und stolpert über
seine eigenen Beine. Durchzogen von
Motiven aus Theater und Musical
eiert sich das Drehbuch eine
halsbrecherische Erklärung für die
Actionszenen zurecht. Baby Doll
tanzt und träumt, lässt Traum und
Irrenhaus-Dasein miteinander
verschmelzen – oder zumindest will
man uns das glauben machen. Es macht
wenig bis keinen Sinn, warum sie von
Riesensamurai und Drachen träumt,
während ihre Kolleginnen mit den
bescheuerten Namen die tatsächliche
Arbeit erledigen. Und bis auf den
Drachen sind die Abenteuer nicht mal
Metaphern, sondern stupide
Jungenphantasie des Regisseurs und
Drehbuchautors, der genau das hätte
weiter führen sollen. Is aber nicht.
Stattdessen salbadert Carla Gugino
in einer denkbar sinnfreien Rolle
mit furchtbarem Osteuropa-Akzent
undurchsichtige Halberklärungen,
unser Oberschurke mit dem schicken
Schnauzbart tänzelt als kaum
ernstzunehmende Bedrohung herum und
unsere fünf Mädels haben in Baby
Dolls Kopf alle Hände voll zu tun.
Wenn es denn real wäre. Baby Dolls
Psyche wird durch die Action kein
Stück greifbarer, ihr Charakter wird
kein Stück nachvollziehbarer und die
blondierte Emily Browning muss die
ganze Zeit nur das stille,
schüchterne Mäuschen in
Spitzenunterwäsche geben, ehe Orcs
und Zombies wieder vom Schulmädchen
aufs Maul bekommen. Und alle Mädels
sind derartige Luftschlösser.
Vanessa Hudgens und Jamie Chung
erfüllen exakt gar keinen Zweck,
außer eben noch mehr Möglichkeiten
zur Fleischbeschau zu bieten,
während Jena Malone und Abbie
Cornish ihre 0815-Schwesternfiguren
immerhin mit dem nötigen Ernst
angehen, dass sie schnell von
größerem Interesse sind, weil aber
sonst auch echt gar nix zu holen
ist. Dass in der Tänzerinnen-Riege
des Irrenhauses noch ein halbes
Dutzend unbenannte andere Mädchen
ihr Schattendasein fristen, bleibt
unbehandelt. Die dürfen nicht mit in
den Club, beim Ausbruchsversuch.
Diesen tarnt Snyder ganz ausgefuchst
als feministischen
Emanzipationsprozess, mit negativen
Männerfiguren, oppressiver Macht und
sexueller Ausbeutung. Alles da, ohne
jemals konkret zu werden. Blöd nur,
dass die aufdringliche, weil
permanente und auf Dauer billig
wirkende Parade aus Netzstrümpfen
und Korsage genau dieses Vorhaben
untergräbt. Wir hätten das doch
gekauft, Zack, warum gibst du dich
dem voyeuristischem Machotum nicht
einfach mal ganz dreist hin?
So wird dann eifrig zu Katana und
Maschinenpistole gegriffen, weil ja
wenigstens das fetzt. Denkste! Mit
noch mehr Zeitlupe als sonst und
ständiger Künstlichkeit, verliert
Snyder in den Actionszenen den
Fokus. Der Kampf von Rocket und
Sweat Pea (die heißen wirklich so
und nennen sich auch so) gegen die
Zombie-Soldaten hat noch Dampf, aber
der Rest ist laut und wild und
elendig öde. Dabei konnte Snyder die
rar gesäte Action in „Watchmen“ noch
so gut inszenieren, vom grotesk
überfrachteten „300“ ganz zu
schweigen. Hier aber ergeht er sich
an Hals über Kopf verschwurbelten
Kameraexzessen und vergisst cool zu
sein. Riesensamurai mit Minigun sind
ein verdammter Selbstläufer, aber
weil die Mädels häufig mit godmode
unterwegs sind und nicht ein Mal
irgendwelche Zweifel oder
Unverständnis an den wirren
Kreaturen äußern, verpufft das
alles. Noch dazu offenbaren der
einfallslos entworfene Drache und
die Cyborg-Armee einige
Unsauberkeiten in der digitalen
Darstellungskunst. Was man jetzt
genau mit der völlig belanglosen,
aber befremdlich wirkenden
Drachgeschichte um Mama-Drache und
ihrem Kind bezwecken wollte, wird
wohl das Geheimnis der
Verantwortlichen bleiben.
Und als ob die Enttäuschungen in den
Actionszenen nicht schon genug
wären, demonstriert Snyder
eindrucksvoll, dass er scheinbar nur
in Trailern ein Händchen für Musik
hat. Im fertigen Film ist nahezu
jede Musikszene eine absolute
Katastrophe, mindestens so störend
wie „Halleluja“ in „Watchmen“. Das
grausige „Sweet Dreams“ Cover
zerdehnt die Eröffnungsszene zu
einem logisch fragwürdigen
Emotionsvakuum, das „Where is my
mind“ Cover ist ein Trauerspiel und
Björks donnerndes „Army of me“ hat
man wohl nur des Titels wegen
gewählt, weil es dominant über der
Szene steht, ohne dieser irgendwie
eine gewisse Dynamik zu verpassen.
Spätestens der ans Parodistische
grenzende Auftritt eines Gangsters
lässt vor Verzweiflung die Hände
über den Kopf zusammenschlagen.
Dabei wurde der Film im Vorfeld um
ausgiebige Musical-Szenen
erleichtert, die aber auch nicht
mehr viel gerettet hätten. Wirklich
Sinn macht die Tanzerei ja auch
nicht, ja wir sehen nicht mal was
davon. Stattdessen wagt sich das
Drehbuch an ein bemerkenswertes
Ende, welches als doppelte und
dreifache Katharsis funktionieren
soll und als überdeutliches letztes
Zeichen dient, dass hier nicht nur
Jungenträume bedient werden wollen.
Tatsächlich gibt es den finalen
Genickschuss für ein ambitioniertes,
originelles, bisweilen rauschhaftes
und insgesamt reichlich missratenes
Wunschprojekt des Regisseurs. Über
Sinn und Unsinn lässt sich streiten,
aber wenn die Action nicht aus den
Puschen kommt, von einer erweiterten
Charakterbehandlung überlagert wird
und wenn diese dann noch mit
langweiligen Nicht-Persönlichkeiten
bevölkert ist, bleibt nicht mehr
viel übrig als gute Absichten,
visuelle Extravaganz, ein paar
passable Momente und hübsche Mädels
in knapper Kleidung. Ein Jammer.
Fazit:
'Zack Snyder zielt hoch und fällt
tief. Mit großen Ambitionen zimmert
man sich einen visuell aufregenden
Action-Fantasy-Wahnsinn, doch die
Actionszenen enttäuschen zu oft und
die Haupthandlung zerbricht an der
eigenen Ambition. Notdürftig
charakterisierte Figuren, eine arg
strapazierte Logik und ein
missratenes Ende liegen bleiern auf
einem Film, der mit Leichtigkeit das
Fun-Fest des Jahres hätte werden
können.
4,5 /
10
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