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Kritik:
Super 8


von Christian Mester

SUPER 8 (2011)
Regie: J.J. Abrams
Cast: Joel Courtney, Elle Fanning, Kyle Chandler

Story:
1979: Als die Mutter des jungen Joe (Joel Courtney) bei einem Unfall stirbt, scheint der aufgeweckte Schüler seinen Vater (Kyle Chandler) gleich mit zu verlieren. Der überforderte Kleinstadt-Deputy meidet Gespräche mit seinem Sohn und überlässt ihn lieber seiner Filmfaszination, die er täglich auslebt. Zusammen mit anderen dreht Joe kleine Super-8-Filme, in denen sie amateurhaft eigene Horrorgeschichten drehen. Eine echte erleben sie alsbald selbst, als sie eines Abends Zeuge eines gewaltigen Zugunglücks werden. Aus dem Container einer der Waggons entwischt eine Gestalt mit übermenschlicher Kraft, die kurz darauf eine Armada von Armee-Soldaten auf den Plan ruft. Während der Stadt-Deputy skeptisch wird und rasch erkennt, dass das Militär gezielt Dinge vor ihm verheimlicht, geraten die Kinder in Bedrängnis. Sie kommen dem unheimlichen Wesen auf die Spur und finden sein Versteck.

Kritik:
Kinder in Spielfilmen? Für Ältere meistens ein gehöriges Problem, werden sie doch zumeist eher unpraktisch verwendet. In Familienkomödien sind sie oft nervige Querulanten, die nur Unsinn im Kopf haben (beispielsweise in Im Dutzend billiger oder Sind wir schon da?, je Teil 1 und 2), in zielgruppenorientierten Actionstreifen dagegen neunmalkluge Superkids (Spy Kids, 3 Ninjas). Ende der 70er gab es jedoch mal eine Zeit, in der Kinderrollen gänzlich anders inszeniert wurden. In Filmen wie Die Goonies, E.T. – Der Außerirdische, Herkules und die Sandlot-Kids, Stand by Me, ES und Kevin allein zuhaus waren sie weder Quälgeister, noch Superkinder. Es waren stattdessen authentische Rollen, die Gleichaltrige begeistern konnten und gleichzeitig Ältere charmant ans Kindsein erinnerten. Nachdem es nun lange keinen populären Film dieser Art mehr gegeben hat (der fantastische Wo die Wilden Kerle wohnen (2010)– nicht zu verwechseln mit der deutschen Ochsenknecht-Reihe Die Wilden Kerle – blieb ja leider ungesehen), nahm sich JJ Abrams dieses verlorenen Untergenres an. Der Regisseur von Mission Impossible 3, Star Trek und dem Pilotfilm von Lost wandte sich dafür zur Unterstützung an Altmeister Steven Spielberg. Er versprach diesem, eine liebevolle Hommage an Filme wie E.T. zu schaffen, was der Legende nur zu gut gefiel. In den USA schlug ihr Super 8 letztlich mit Wucht ein und spielte sich in die Herzen vieler Kinogänger. Mission also geschafft? 

Weiß man, dass JJ Abrams die ursprüngliche Idee für den Monsterfilm Cloverfield hatte, jenes Wesen sogar mitentwarf und als Produzent an dem Film beteiligt war, so bleibt es nicht aus, die auffälligen Gemeinsamkeiten der beiden Titel zu sehen. In beiden Filmen geht es um eine abscheuliche Kreatur unbekannter Herkunft, die in einer belagerten Stadt Amok läuft und dabei mächtig Schaden anrichtet. In beiden geht es um eine Gruppe junger Leute, die zufällig auf der Speisekarte dieser Kreatur landen und es auf Video aufzeichnen. In beiden kommt es dazu, dass eine geliebte Frau gerettet werden muss, und dass die ohnmächtigen Streitkräfte keine Hilfe sind. Bei den vielen Ähnlichkeiten kommt es dazu, dass Super 8 automatisch auch vergleichbare Stärken aufweist. So gibt es auch hier einen aufregenden Einstieg mit tollem Rätselraten, was es wohl für ein Ding sein mag, das alle Hunde vertreibt, Menschen isst und überall Mikrowellen stiehlt. Dass das intern auf „Cooper“ getaufte Monster kleiner ist als Vorgänger „Clover“, lässt es sich vom Spektakel her nicht anmerken. Die Angriffe des nichtmenschlichen Landstreichers sind packend und aufwendig inszeniert und sorgen mit einer präsenten Härte dafür, dass der Film nie reiner Kinderfilm wird (ein nächtlicher Angriff auf einen Bus beispielsweise lässt an Jeepers Creepers 2 erinnern). Die Geschichte nimmt dabei abwechselnd zwei Perspektiven ein und zeigt sowohl wie die Kinder, als auch der Sheriff die beunruhigenden Vorkommnisse in ihrer einst seelenruhigen Stadt aufdecken.

Super 8 ist keine direkte Kopie des Monsterfilms mit der geköpften Freiheitsstatue geworden. Trotz der imitierten Kreaturenangriffe schlägt er sowohl inhaltlich, als auch visuell andere Wege ein. Ging es im Vorbild um kühle Yuppie-Studenten in Manhattan, steht hier das Kindsein in idyllischer Kleinstadt des Jahres 1979 im Vordergrund. Mit großer Detailverliebtheit re-kreiert Abrams die authentische Wahrnehmung kindlicher Zeit, in der Kinderzimmer noch mit faszinierendem Spielzeug überquollen, man die Grenzen der Welt mit dem Fahrrad erreichte und der erste Kuss ein ferner Mythos war. Filmgeeks freuen sich über diverse Filmposter in den Zimmern der jungen Horrorenthusiasten. Ebenso gelungen wie die liebevolle Optik des Films ist die Wahl der fast durchweg unbekannten Darsteller, die eine tolle Filmkinderschar abgeben. Sie alle sind denkwürdig und mehrschichtig und stören für keine Minute; insbesondere Elle Fanning, die jüngere Schwester von Dakota Fanning (Krieg der Welten), überrascht mit einer starken Performance. Ihre gemeinsamen kindischen Sichten der Welt, ihre amateurhaften Versuche, Filme zu drehen und ihr zaghaftes Herantasten an die ersten blühenden Gefühle für das andere Geschlecht sorgen abwechselnd für Lacher, nette Seitenhiebe und den berüchtigten Kloß im Hals. Die Erwachsenen kommen dabei zwar weit kürzer, doch der Trotz Joes Vaters gegen eine zweifelhafte Army-Kolonne ist zumindest auf gutem Fernseh-Niveau. Kyle Chandler, der zuletzt in King Kong auf CGI-Kreaturen schoss, besticht dabei als verzweifeltes Familienoberhaupt, das mit zu vielen Bällen auf einmal jonglieren muss. 

Abgesehen von dem unnötigerweise brachialsten Zugunfall in der Filmgeschichte – eine vollends übertriebene Actionszene, die die Crashs in Tony Scotts Lokomotiv-Thriller Unstoppable: Außer Kontrolle nach einem kleinen Bums aussehen lässt - gibt es zum eigentlichen Handwerk kaum Kritik zu verüben. Die Ausstattung ist fantastisch, Schnitt & Kamera sind auf hohem Niveau, die Effekte ansprechend, Abrams‘ Busenkomponist Michael Giacchino untermalt einmal mehr vortrefflich. Dennoch ist seine Spielberg-Hommage selbst kein Film geworden, den man je Klassiker nennen könnte. Das gehobene Problem liegt in der zweiten Filmhälfte, denn so wie das Filmstädtchen Lillian nach und nach an Strom einbüßt, geht auch der Geschichte der Saft aus. Abrams hält die Action zwar konstant, doch einige Script-Probleme nagen am Gesamtbild. So wird eine späte Aussprache zweier Streithähne zu einfach gelöst und endet effektlos, während eine Rettungsaktion mit käsiger Ansprache kurzweilig an schlechte Sonntag-Nachmittag-Fantasyfilme erinnert. Abrams will zudem erlangen, dass man nicht genau einordnen kann, ob das Monster nun gut oder böse ist. Wie bei Roland Emmerichs 98er Godzilla geht die Qual der Wahl in die Hose, da man Schwierigkeiten bekommt, das genüsslich Menschen fressende Ungetüm nach niedlicher Kontaktszene plötzlich mit anderen Augen zu sehen; das Monster kann nicht niedlicher Gast und tödliches Untier zugleich sein. Das funktioniert nur in den seltensten Fällen (s. Wo die Wilden Kerle wohnen) - hier nicht.

Will man unbedingt über Kleinigkeiten debattieren, lässt sich gegebenenfalls noch seltsames Verletzungsverhalten ankreiden. So fährt jemand frontal mit einem Pick-Up gegen einen Güterzug und überlebt mit nur wenigen Kratzern, während alles um ihn herum nach dem Showdown aus Transformers 3 aussieht. Denkt man näher über die Fähigkeiten des Monsters nach und inwiefern Dinge rückblickend Sinn ergeben, findet man schnell Logiklöcher, doch Abrams tut gut darin, davon wirkungsvoll abzulenken. Joe bekommt die Flucht des Monsters gewissermaßen live mit und jeder um ihn herum, inklusive des Publikums weiß zur Tape-Sichtung längst, woran man ist. Dass Abrams seine Kritiker nicht vergessen hat, beweist er mit seiner finalen Einstellung, in der als letztes Bildelement der von Kritikern so verpönte, von ihm ständig eingesetzte Lens-Flare-Effekt stehen bleibt.

Fazit:
Cloverfield mit Kindern - JJ Abrams‘ anspruchsvolles 80er-Kinderfilm Tribut ist ebenso charmantes, wie actionreiches Science-Fiction-Kino geworden. Ein Film, der aufgrund schwächerer zweite Hälfte keine echtes Highlight ist, aufgrund liebevoller Umsetzung und des starken Einstiegs jedoch von Genre-Fans nicht verpasst werden sollte.

7,5 / 10

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