BG Kritik:

Snowden


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Swiss Army Man (2016)
Regisseur: Daniel Kwan, Daniel Scheinert
Cast: Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead

Kent (Paul Dano) ist mitten in der Wildnis gestrandet. Als er die Hoffnung auf Rettung aufgibt und kurz davor ist, Selbstmord zu begehen, entdeckt er die Leiche von Cliff (Daniel Radcliffe). Obwohl der Körper des jungen Mannes seinen letzten Atemzug bereits getan hat, machen sich bald darauf andere natürliche Winde des Toten Luft: Blähungen, die so ein Leichnam nach dem Tod nun einmal noch von sich gibt. Durch die Furzgeräusche wird in Kents Augen zumindest der Anschein von Leben gewahrt. Und das reicht ihm aus, um mit dem Verstorbenen ins Gespräch zu kommen - über Gott, die Welt, das Leben und Selbstbefriedigung.

Daniel Radcliffe als Taschenmesser. Wird jetzt etwa wieder gezaubert?

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Zuschauer verlassen angewidert den Saal und am Ende erhalten die Regisseure den Preis für die Beste Regie. Dieses Schicksal wurde SWISS ARMY MAN beim diesjährigen Sundance Filmfestival zuteil. Das Werk von Daniel Kwan und Daniel Scheinert ist innovativ und sprüht vor Ideen und traut sich einiges und doch ist es am Ende ein teilweise doch inkohärenter Beitrag geworden, der seine Ideen nicht komplett in ein überzeugendes Ganze zu verwandeln weiß.

An Ideen und Einfallsreichtum mangelt es dem Film an keiner Stelle. Da macht der Film seinem Titel alle Ehren. Und es macht durchaus Spaß diesem Potpourri aus absurden Szenarien und Ereignissen zu folgen, doch andererseits entwickelt sich dann die Männerfreundschaft so profan, so dass man manchmal glaubt, dass als Skriptdoktoren Seth Rogen und seine Crew bei dem Werk ausgeholfen haben. Die Geschichte mit dem Mädchen, dass sich Paul Danos Figur nie getraut hat anzusprechen wird mehr über Danos Blick erzählt als durch die Geschichte selbst. Es wird ein breites Feld an Spekulationen eröffnet, was wahr und was unwahr, was Realität und was Einbildung ist, doch bei einer Laufzeit von knapp 90 Minuten ist die eigentliche Essenz schnell erreicht. Es ist auch nur teilweise mühselig, wenn es der Film mit seiner Absurdität verpasst, dieser ungewöhnlichen Männerfreundschaft wirklich Herz zu verleihen. Lieber stellt er Selbstbefriedigung und klischeetisierte Männerbilder in den Vordergrund um am Ende ein emotionales Finale rauszuhauen, was so viel mehr sein könnte, wenn wir zuvor eine durchweg stringente Freundschaftsentwicklung miterlebt hätten.

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Das Gespann Paul Dano und Daniel Radcliffe gebührt trotz allem viel Respekt, auch wenn ersterer teilweise vielleicht mehr könnte und auch schon viel aus dem Material herauszuholen vermag. Bei Daniel Radcliffe fragt man sich teilweise ob da irgendwie mit Masken gearbeitet wurde, so überzeugend ist manchmal seine Performance als Leiche mit verschiedenen Grimassen und Gesichtsausdrücken. Sein Harry Potter Image sollte er damit bald wirklich mal hinter sich lassen können.

Größter Pluspunkt und unterschwellig auch den Zuschauer am meisten beflügelnd dürfte wohl der Soundtrack sein, der teilweise von den beiden Hauptdarstellern mitinterpretiert wird. Da wird nicht nur eins der bekanntesten Filmthemen der vorletzten Dekade in ein völliges Licht gebracht, sondern auch für Ohrwürmer von Songs bestehend aus Sprechen, Summen und einfachen Phrasen. Hier ist der Film vielleicht am konsequentesten in seinem Konzept, auch wenn er sich hier für den ein oder anderen wiederum dem „typischen“ Indie-Genre am meisten annähert.

Am Ende sei nochmals betont, dass SWISS ARMY MAN keineswegs ein schlechter Film ist, aber viele Möglichkeiten auf der Strecke bleiben. Der Film spielt sich in den ersten Minuten in einen Rausch, der die Macher schnell zufrieden gestellt haben scheint und aus einer interessanten Grundidee nicht mehr wirklich viel rausholen ließ. Zu Beginn des Films – ohne zu viel verraten – rasen Dano und Radcliffe gemeinsam als ihre Filmfiguren über das Meer. Das gibt den Film wieder, nur geht das Tempo bald flöten und das rettende Ufer werden sie nur langsam dank kleiner Wellen erreichen.

Fazit:

Innovativ, derbe, philosophisch, aber dann auch wieder unnötig stupide. Es könnte eine einzigartige, besondere Männerfreundschaft sein. Was SWISS ARMY MAN davon abhält ist das Begehren, Männer auf ihren Triebzwang zu reduzieren und die Geschichte auf die einfachsten Elementen herunterzubrechen. Eine Sehempfehlung gibt’s trotzdem, über das verschenkte Potential kann man sich später aufregen.

6 / 10

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